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Wirtschaft

"Gewisse Ereignisse lassen einen gesättigten Schlendrian erkennen"

23. Oktober 2021 00:04 Uhr

"Gewisse Ereignisse lassen einen gesättigten Schlendrian erkennen"
Teodoro Cocca hofft, dass Italien mit EU-Hilfe aufholt.

LINZ. Drei Ökonomen diskutieren über Inflationssorgen, die Auswirkungen der Energiewende und die Parallelitäten Europas zu Japan.

Die Kolumne "Wirtschaft verstehen" ist seit Jahren Fixpunkt auf der Meinungsseite der OÖN. Die drei Autoren – die JKU-Professoren Friedrich Schneider und Teodoro D. Cocca sowie Wirtschaftsredakteur Hermann Neumüller – trafen einander diese Woche im OÖN-TV-Studio zum Meinungsaustausch. Die stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsressorts, Susanne Dickstein, moderierte. So schätzen die Experten die brennenden Wirtschaftsthemen ein:

Überhitzung

Schneider: Wir erleben derzeit eine sehr spezielle Situation, wobei ich die Pandemie aus Sicht der Wirtschaft als geringstes Problem sehe. Meine größten Sorgen sind die unterbrochenen Lieferketten und der Energiesektor. Dazu kommt die steigende Inflation. Das alles wird sich dämpfend auf die Wachstumsraten auswirken.

Cocca: Ich teile die angesprochenen Risikofaktoren, werte sie aber anders. Als wir in das Jahr 2021 geschaut haben, hatten wir Angst vor Insolvenzwellen. Tatsächlich sind wir sehr rasch in eine andere Phase gekommen, nämlich in eine unerwartete Überhitzung. Niemand hatte ein Erholungstempo in dieser Lichtgeschwindigkeit erwartet. Wir haben die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft unterschätzt. Und jetzt bremst sich der Aufschwung selbst ab: Eine weltweit synchrone Wachstumsdynamik muss – bildlich gesprochen – durch das Nadelöhr des Suezkanals. Dieses Regulativ ist aber besser, als wenn die Notenbanken eingreifen müssten.

OÖN-TV: Langfassung der Diskussion "Wirtschaft verstehen"

Inflation und Zinsen

Schneider: Die steigenden Inflationsraten bereiten mir Sorgen. Das wird zwei bis drei Jahre anhalten. Die Versuchung ist ja groß, dass man sich mit höherer Inflation bei den Schulden leichter tut. Bisher sind die Zentralbanken weltweit im Gleichklang marschiert mit tiefen Zinsen und Anleihekäufen. Wenn das aber nicht mehr geht – und die USA werden bald ausscheren –, dann kommt ein anderer Mechanismus in Gang. In Europa sehe ich für 2022 Inflationsraten um drei Prozent. In den USA sind Dynamik und Überhitzung stärker. Ich erwarte auch, dass die Fed mit ersten Zinsschritten beginnt. Dann wird sich zeigen, wie Europa und China reagieren.

"Gewisse Ereignisse lassen einen gesättigten Schlendrian erkennen"
Friedrich Schneider sieht die USA vor allem politisch unter Druck.

Cocca: Die EZB kann und wird meines Erachtens nicht reagieren. Ein schwacher Euro ist zurzeit im Interesse einiger Staaten in der Eurozone. Aber selbst wenn die Inflation zwölf Monate dauern sollte, ist es eine Situation, die die Notenbank meistern kann. Die große Frage wird sein: Gibt es Ansteckungseffekte, etwa aus einer Lohn-Preis-Spirale? Ich sehe einen Inflationsdruck, aber um die zwei bis 2,5 Prozent für Europa. Dass die Notenbanken ihre Leitzinsen sehr tief halten, akzentuiert ein anderes Problem: die Vermögensvernichtung der Sparer.

Neumüller: Auch der Rücktritt von Jens Weidmann wird etwas verändern. Möglicherweise rückt für die Bundesbank jemand nach, der kein so überzeugter Vertreter der Geldwertstabilität ist. Was wir bei der Betrachtung der Inflation nicht vernachlässigen dürfen, sind die Energiepreise: Die Deutschen schalten die ersten Kernkraftwerke ab und steigen früher aus der Kohle aus.

  • Der Podcast zum Nachhören:

Energie und Klima

Schneider: Deutschland wird eine Energieknappheit bekommen. Man wird sich ähnlich durchschwindeln wie bei uns: Wenn es notwendig ist, wird man französischen Atomstrom importieren. Wir wollen die Energieversorgung umstellen, machen es aber halbherzig. Wir sollten den Konsumenten nicht in den eigenen Sack lügen: Wir können keine grüne Wirtschaft zum Nulltarif haben. Alle sagen, wir brauchen einen Lenkungseffekt. Jetzt kommt er ein bisschen und hören wir uns das Geschrei an.

Cocca: Der Energiemarkt spiegelt zurzeit sehr schön Angebot und Nachfrage. Für mich ist es das Ende der Öko-Romantik. Dass wir den Planeten retten, indem wir vorgeben, wie andere zu leben haben, funktioniert nicht. Der Energiewandel muss gut durchdacht und geplant werden. Das kostet Zeit und Geld.

Schneider: In Österreich könnten wir viel tun, die Pläne für die Pumpspeicherkraftwerke und den Leitungsschluss rasch umsetzen, was auch eine wesentliche Maßnahme gegen den Blackout wäre.

Neumüller: Man braucht sich nur anschauen, wie lange über die 380-kV-Leitung von Salzburg nach Kaprun zum Pumpspeicherkraftwerk gestritten wurde. Genehmigungsverfahren dürfen nicht mehr 20 Jahre dauern. In Vorarlberg soll das größte Pumpspeicherkraftwerk Österreichs entstehen – voraussichtliche Inbetriebnahme 2038.

"Gewisse Ereignisse lassen einen gesättigten Schlendrian erkennen"
Die Diskutanten Teodoro Cocca, Friedrich Schneider und Hermann Neumüller mit Moderatorin Susanne Dickstein

Demografie und Japan

Neumüller: Der demografische Wandel ist für mich die größte Herausforderung. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der OECD würde bei uns die Steuerquote bis 2060 von derzeit 48 auf 60 Prozent steigen, wenn etwa bei den Pensionen nichts geschieht. Das faktische Pensionsantrittsalter muss an die steigende Lebenserwartung angepasst werden, heißt es dort.

Schneider: Bei den Pensionen werde ich schön langsam radikal. Das Schielen der Politik auf die Wählergruppe der Älteren – ich gehöre ja da auch dazu – muss aufhören. Es gibt gute Lösungen, etwa in Schweden. Aber es fehlt am politischen Willen. Abgesehen vom Pensionsantrittsalter – und jetzt mache ich mich noch unbeliebter – müssen wir ein Einwanderungsland werden. Wenn wir das nicht schaffen, wird das Demografieproblem mindestens so schlagend wie das Umweltproblem.

Neumüller: Was ich nicht verstehe: Japan hat schon lange das Problem einer alternden Bevölkerung, eine extrem hohe Staatsverschuldung

und Nullzinsen. Trotzdem ist das Land konkurrenzfähig.

Schneider: Was die Verschuldung angeht: Die japanische Regierung hat sich bei den japanischen Sparern verschuldet.

Cocca: Auch wenn Japan von außen stabil ausschaut, das Land ist kein gutes Beispiel. Das reale Lohnniveau sinkt seit 20 Jahren. Es ist nicht so, dass das Land in einer Notsituation wäre, aber es erodiert mit der Zeit. Und weil es so langsam passiert, scheint es, als könnte man damit leben. Denken wir aber zurück, was Japan war: In den 1970ern war das Land am innovativsten und hatte die höchsten Wachstumsraten. Wir sollten in Europa nicht dahin kommen, dass wir eine gesättigte Wohlstandsgesellschaft sind, wo scheinbar alles eh passt, aber schleichend erodiert. Ich glaube nicht, dass die Eurozone in dieses Szenario hineinschlittert, aber Parallelen zu Japan gibt es. Die Schuldenberge entwickeln sich dynamisch in dieselbe Richtung. Gewisse Ereignisse lassen den gesättigten Schlendrian erkennen: Wir glauben, es geht uns besser, als es eigentlich ist.

Ausblick

Neumüller: Ich sehe Europa eher unter den Verlierern. Das hat viel mit der politischen Situation zu tun, aber nicht nur. China ist sicher auch schon besser dagestanden und hat viele Probleme. In den USA ist die Situation schwierig. Die Gesellschaft ist tief gespalten. In der Politik war die Polarisierung noch nie so extrem. Für die USA sprechen die vielen Technologieunternehmen, der nach wie vor wichtigste Kapitalmarkt der Welt und die vielen exzellenten Universitäten.

Schneider: Für Europa bin ich nicht so skeptisch: Europa war immer dann gut, wenn es am Boden lag. Momentan ist die EU extrem inhomogen. Aber ich sehe, dass das kreative Lösungspotenzial vorhanden ist. Die USA sehe ich nicht so optimistisch. Das Land zerfällt momentan in zwei Lager, Republikaner und Demokraten. Das europäische Bildungssystem ist um Häuser besser als das amerikanische. Es können sich immer weniger Leute eine gute Ausbildung leisten. Was China angeht: Die Kommunistische Partei macht sich große Sorgen über die Überalterung. Jetzt wird zwar gegengesteuert, aber es klappt nicht mehr. Der gut verdienende Mittelstand will keine Kinder mehr, die wollen nach Europa fahren, ein kleines Auto und eine anständige Wohnung haben. Die Regierung merkt jetzt, dass sie das verschlafen hat – meiner Meinung nach viel zu spät.

Cocca: Ich denke, jede Weltregion hat so ihre Probleme. Die Coronakrise hat jede Region doch sehr stark getroffen. Ich glaube auch, dass Europa zumindest Chancen hat. Ich sehe sie in der Kombination von Nord- und Südeuropa. Die nördlichen Länder machen sehr viel sehr gut. Aber auch in Südeuropa orte ich eine historische Chance. Gerade Italien, das ich immer als den wackeligsten Dominostein eingeschätzt habe, hat mit Mario Draghi eine einigermaßen stabile Position gefunden. Und jetzt kommt auch noch ein Riesenhilfsprogramm der EU, bei dem dem Land massivste Summen zur Verfügung stehen. Das ist die Chance für Italien, wirklich nach vorne zu kommen. China sehe ich ganz kritisch. Als Beispiel nenne ich nur das Intervenieren der Regierung im Technologiesektor. Die Geschichte lehrt uns, dass wirtschaftliche Freiheit irgendwann einmal mit politischer Freiheit einhergeht. Da steckt viel Krisenpotenzial drinnen. Die USA sind als Innovationsstandort, wo Risikokapital fließt, führend auf der Welt. Das wird sie weiterhin aus vielen Schlamasseln herausziehen. So schnell wird die USA dieses Mantra des Landes mit höchster Innovationskraft nicht verlieren.

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