Frisches Platin, Chrom, Bauxit, Mangan und morsche Diktatoren

Von Johannes Dieterich (Johannesburg) und Stefan Scholl (Moskau)   09.Februar 2019

Frisches Platin, Chrom, Bauxit, Mangan und morsche Diktatoren
Schmelzwerk in Harare: Wie andere afrikanische Länder auch hat Simbabwe seine Wirtschaft für ausländische Beteiligungen weit aufgemacht.

Schon auf den ersten Blick sahen Demonstranten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, dass die Soldaten unter der offenen Plane eines Militärlastwagens keine Einheimischen sein konnten – mit ihren blonden Haaren und blassen Gesichtern fielen sie wie Krähen in einem Möwenschwarm auf. Die Aufständischen, die seit sechs Wochen fast täglich gegen Präsident Omar al-Baschir auf die Straße gehen, fanden schnell die Herkunft der uniformierten Bleichgesichter heraus: Russen, die den sudanesischen Sicherheitskräften bei der Niederschlagung des größten Volksaufstands in der jüngeren Geschichte des Landes helfen.

Selbstverständlich dementierte die Regierung in Khartum zunächst: Doch die helläugigen Gestalten ließen sich partout nicht aus der Welt debattieren. Diese Woche räumte der russische Vizeaußenminister Michail Bogdanow schließlich ein, dass im Sudan sowohl private wie staatliche Militärexperten aus Russland aktiv sind, allerdings nicht als Kämpfer, sondern als Instrukteure. "Man bittet uns, Kader auszubilden."

Frisches Platin, Chrom, Bauxit, Mangan und morsche Diktatoren
Putins Mann fürs Grobe: Jewgeni Prigoschin

Die Söldner gehören der "Gruppe Wagner" an, einer Privattruppe, die schon auf der Krim, in der Ostukraine, in Syrien und zuletzt auch in Sudans Nachbarstaat, der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), Aufsehen erregten. Laut russischen Medien untersteht die Privatarmee dem Petersburger Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin, der als Wladimir Putins Mann fürs Grobe gilt. In der ZAR sollen derzeit 170 bis 500 russische Legionäre den schwächelnden Präsidenten Faustin Archange Touadéra im Kampf gegen muslimische Rebellen unterstützen – und die gefährdeten Diamantenminen im Osten des Landes sichern, an deren Ausbeutung angeblich auch Prigoschins Firmen beteiligt sind.

Auch wirtschaftlich sucht der von den westlichen Sanktionen nach der Annexion der Krim geschwächte russische Bär neue Reviere. In Uganda baut der russische Rohstoffkonzern "RT Global Resources" für drei Milliarden US-Dollar eine Erdölraffinerie, in derselben finanziellen Größenordnung entsteht in Simbabwe eine neue Platinmine. Im westafrikanischen Guinea schürft der weltweit zweitgrößte Aluminiumproduzent "Rusal" nach Bauxit. Und in Ägypten, Algerien und Mosambik ist "Rosneft" an der Erschließung von Erdöl- und Erdgasfeldern beteiligt. Russlands Außenminister Sergei Lawrow klapperte vergangenes Jahr gleich sechs afrikanische Hauptstädte ab.

Erstes Gipfeltreffen

Im Herbst soll das erste russisch-afrikanische Gipfeltreffen stattfinden – eine Einrichtung, die Moskau von Peking abgeschaut hat. Der außenpolitische Experte Andrei Baklanow fordert auf dem Fachportal globalaffairs.ru den massiven Einsatz russischer Wirtschaftslobbyisten und einen TV-Sender auf Kisuaheli, um den Kontinent auf Russlands Seite zu ziehen.

Noch hinkt Russland bei seinem Streifzug durch Afrika dem Nachbarn China weit hinterher. Peking bearbeitet den Kontinent seit zwei Jahrzehnten generalstabsmäßig und konnte das gemeinsame Handelsvolumen von zehn auf inzwischen über 200 Milliarden Dollar steigern. Dagegen ist der russisch-afrikanische Warenaustausch bisher keine 18 Milliarden Dollar wert, südlich der Sahara sogar nur 3,5 Milliarden. Der Kreml weiß jedoch, wie er beim neuen "Scramble for Africa" einen Fuß in der Tür behält: mit Militärkooperation und Waffenhandel. In den vergangenen vier Jahren unterzeichnete Russland gleich mit 19 afrikanischen Staaten Militärverträge. Fast 40 Prozent aller kontinentalen Rüstungskäufe werden derzeit in Russland getätigt, dagegen nur 17 Prozent in China und elf in den USA. "China hat das Geld und Russland die Muskeln", meint der kongolesische Politiker und Ex-Militär Christian Malanga.

Vielen Afrikanern sind die robusten russischen Waffen noch aus dem Kalten Krieg bekannt. Vor allem im Süden des Kontinents unterstützte Moskau damals zahlreiche Befreiungsbewegungen, die gegen die Kolonialherren ankämpften, und durfte sich zumindest moralisch überlegen wähnen. Putins neuer Großmachtanspruch aber verzichtet auf Revolutionsrhetorik. Was viele afrikanische Staatschefs nur freut: Autokraten wie Simbabwes Robert Mugabe oder Kongos Joseph Kabila sahen sich nach dem Kalten Krieg westlichen Geldgebern gegenüber, die ihre Investitionen und Entwicklungshilfe immer strikter an Bedingungen wie Demokratie und gute Regierungsführung knüpften.

Kritik an Politik gibt es nicht

Mit Moskau gibt es solche Probleme nicht. Wie die chinesische lehnt auch die russische Regierung Kritik an afrikanischen Präsidenten als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten" ab. Man hilft den sudanesischen Machthabern bei der Niederschlagung eines Volksaufstands oder baut eine Platinmine in Simbabwe, die einem blutrünstigen De-facto-Militärregime zugutekommt. In Guinea ermunterte der russische Botschafter kürzlich Staatspräsident Alpha Condé, eine verfassungswidrige dritte Amtszeit anzustreben. Statt wie zu Sowjetzeiten Freiheitsbewegungen zu unterstützen, setzt Moskau jetzt auf die Machthaber, gern auch auf wackelnde und deshalb leicht beeinflussbare Diktatoren.

Das allerdings kann auch schiefgehen. "Rosatom" sollte acht Atomreaktoren im Wert von 75 Milliarden US-Dollar nach Südafrika liefern, doch der Jahrhundert-Deal wurde storniert, als der korrupte Staatschef Jacob Zuma Anfang 2018 aus dem Amt gejagt wurde.

 

3 Fragen an ... Jewgeni Selenjew, Orientalist

Der Professor (63) an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft gehört zu den Autoren eines Strategiepapiers über die künftige russische Politik gegenüber Afrika, in Auftrag gegeben vom russischen Außenministerium.

1. Welche Motivation steht hinter den wachsenden Aktivitäten Russlands in Afrika?

Unsere Staatsführung musste feststellen, dass Russland gegenüber den USA, der EU, China oder Japan an die Grenzen seiner Außenpolitik gekommen war. Afrika aber ist eine der letzten Regionen, wo Russland in der Lage ist, als globale Macht aufzutreten. Dort kann Russland mit den Mitteln, die es einmal gewählt hat, sehr erfolgreich Politik machen. Russland verkauft 11 Prozent des Exports schwerer Waffen nach Afrika. Russlands Intervention in Syrien, sein hartes und konsequentes Vorgehen dort, hat viele Staatschefs Afrikas euphorisiert. Bei ihnen gilt Russland als ein starker Staat, der seine Freunde nicht im Stich lässt.

3 Fragen an...
Wirtschaftsstratege Jewgeni Selenjew

2. Pragmatisch betrachtet geht es um wirtschaftliche Interessen, oder?

Wir benötigen dringend afrikanische Rohstoffe. Russland muss sein Mangan zu 100 Prozent importieren, Chrom zu 80 Prozent, Bauxit zu 60 Prozent. Auch andere, für Rüstungs- und Elektrotechnik unverzichtbare Metalle stammen vor allem aus Afrika. Die größten Chromreserven lagern in Südafrika, Gabun und Ghana, also wird Russland in den kommenden Jahren sein Interesse gegenüber diesen Staaten aktivieren. Und jedes Land fördert zudem gern Gold, Öl oder Diamanten. Deshalb sind russische Rohstoffkonzerne ebenfalls an Afrika interessiert, zum Teil schon seit Jahrzehnten dort aktiv.

3. Wie erfolgreich ist dieses Engagement, welche Perspektiven hat es?

Die einflussreichsten Staaten der Welt konkurrieren um Afrika. Wirtschaftlich dominiert die EU mit einem Warenaustausch von 340 Milliarden Dollar, dann kommt China mit 200 Milliarden Dollar. Russland mit seinem Anteil von 1,8 Prozent am weltweiten BIP fehlen die Finanzmittel, um sie zu verdrängen. Südlich der Sahara haben wir inzwischen neun, zehn Partnerstaaten, mit denen wir gut kooperieren oder die das Potenzial für eine Kooperation besitzen. Aber bisher sind die Erfolge eher fragmentarisch. Offizielle Rechenschaftsberichte verbuchen schon eine Glühbirnenfabrik in Burundi als Erfolg.