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Der digitale Pionier und die "Kunst des Nicht-Denkens"

Von Ulrike Rubasch   11.Dezember 2020

Digitaler Pionier und die Harmonie mit der Natur
Bruno Buchberger verband Altes mit Neuem: das Schloss Hagenberg mit zukunftsweisender Computermathematik

In seinem Lieblingshörsaal mit einer Holztram-Decke aus 1729 im alten Schloss Hagenberg genießt Bruno Buchberger seinen Espresso, während wir gemeinsam einen Blick zurück auf sein Lebenswerk werfen. "Ich habe versucht, das Leben von mindestens zwei Personen auszufüllen." Den Eindruck gewinnt man tatsächlich, wenn man sich die Leistungen des international ausgezeichneten Mathematikers und Gründers des Forschungsinstituts RISC (Research Institute for Symbolic Computation; Gründung 1989/90) und später des Softwareparks Hagenberg vor Augen führt.

Zum einen hat sich der gebürtige Tiroler und Wahl-Oberösterreicher seit seinem 17. Lebensjahr mit Computermathematik, also mit der "Automatisierung des Denkens" beschäftigt. Seine Dissertation hat er mit 23 Jahren – übrigens in einer umgebauten Toilette neben dem für heutige Begriffe unvorstellbar großen Computer(raum) in Innsbruck – geschrieben und damit die Theorie der Gröbnerbasen begründet. Diese und der Buchberger-Algorithmus stellen heute eine Grundlage für Computermathematik dar, die weltweit in vielen Millionen Installationen moderner mathematischer Software verwendet wird.

"In der Hinwendung zur Anwendung" der Wissenschaft hat sich Buchberger als hemdsärmeliger Anpacker mit viel Energieaufwand die "andere" Welt neben der Wissenschaft erarbeitet: als treibende Kraft hinter dem Softwarepark Hagenberg und der Fachhochschule. Vor 31 Jahren war hier nicht viel mehr als ein verfallenes Schloss, das ihm Landeshauptmann Josef Ratzenböck als Anerkennung für seine Forschung angetragen hatte. Heute arbeiten, forschen und leben hier rund um das historische Mühlviertler Ambiente mehr als 3000 Menschen, die der Region Oberösterreich ihren digitalen Stempel aufgedrückt haben. Diese Zeit möchte Buchberger auf keinen Fall missen, auch wenn er oft gegen den Widerstand der Politik und Industrie und "fast freiwillig" für die oberösterreichische Wirtschaft viel getan hat: "Firmen ansiedeln, Geld auftreiben, die Fachhochschule erfinden, internationale Studierende anlocken, Arbeitsplätze schaffen."

Seit seinem nicht ganz friktionsfreien Rückzug als Instituts- und Softwareparkleiter widmete er sich in den vergangenen Jahren seiner Tätigkeit als Autor, Seminarleiter und Berater für innovative Prozesse. Auch seiner Leidenschaft für asiatische Philosophie und Mediation verlieh er im Außen in Form eines nach alten indisch-vedischen Prinzipien gestalteten neuen Wohnhauses Ausdruck.

Buchberger, der in bescheidenen Verhältnissen in der Nachkriegszeit als Sohn einer Hausfrau und eines Gendarmen als jüngstes von drei Geschwistern in Innsbruck aufwuchs, bewegte sich stets in völlig konträren Welten: abstrakte Mathematik, gesellige Jazz-Band, forderndes Management, tägliche Meditation, vier Kinder. "Es gibt zwei Extreme in meinem Leben. Symbolisch gesehen sind das Mathematik, die Kunst des Denkens, und Meditation, die Kunst des Nicht-Denkens. Die zwei spannen die Dynamik des Lebens auf, das ergibt 200 Prozent Leben." Bald wird sich der Mathematiker in ihm wieder mehr ausbreiten dürfen: Mit 16. Februar 2021 – gut gewählte Zeitpunkte sind Buchberger sehr wichtig – wird er sich in seinem Turmzimmer ("sonst arbeite ich ja nur noch in Kaffeehäusern") wieder intensiv der Automatisation von Denkprozessen und somit der nächsten Stufe der künstlichen Intelligenz widmen.

Digitalos 2020 - Digitaler Pionier

Die Suche nach dem Sinn

Doch was denkt einer, dessen Blick stets weit und zukunftsgerichtet war, über die aktuell alles dominierende Corona-Pandemie? "Wenn Leiden auftritt, ist es gut, darin den Sinn zu suchen. Der Einzelne und wir als Gesellschaft haben verlernt, in Harmonie mit der Natur zu leben. Die Natur schlägt zurück." Eine bessere Welt könne man nur schaffen, wenn wir auf höchstem technologischen Niveau, "das nach oben keine Grenze hat", uns bemühen, in Harmonie mit der Natur zu leben. Dazu gehöre, die groben Verletzungen der Natur zu beenden. Denn, so schließt Buchberger das Gespräch mit einem alten vedischen Sprichwort: "Wer die Evolution unterstützt, den unterstützt die Evolution."

Bruno Buchberger im Word-Rap über Pflichtbücher, Meditation und Stolz

  • Was sollen die Leute einmal über Sie sagen?
    Er hat sich bemüht (grinst).
  • Drei Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte?
    Die Bhagavad Gita (alte indische Textsammlung, Anm.) – sonst fällt mir keines ein.
  • Lieblingsplatz in der Natur?
    Ich bin immer in der Natur, zum Beispiel jetzt. (Er sitzt im Hörsaal.)
  • Fleisch oder vegetarisch?
    Wenn’s geht vegetarisch, ist jedoch sehr schwer in der heutigen Gastronomie.
  • Meditation oder Mathematik?
    100 Prozent Mathematik, 100 Prozent Meditation
  • Winter oder Sommer?
    Sommer
  • Jazz oder Klassik?
    Bitte Jazz!
  • Was gäbe es ohne Sie nicht?
    Das RISC
  • Stolz?
    Na ja, nicht stolz. Es sind ja alles Geschenke, die man erhält.
  • Lebensmotto?
    Kein Motto zu haben
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17. September 2021