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Wirtschaft

Die Gewinner und Verlierer des Mauerfalls

Von Dietmar Mascher 09. November 2019 00:04 Uhr

Die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor am 11. November 1989

Ostdeutschland: Objektiv geht es den Menschen heute besser als vor 30 Jahren. Subjektiv sehen das nicht alle so.

Am Anfang war die Pleite. Im Arbeiter- und Bauernstaat DDR hatte der real existierende Sozialismus ausvegetiert und war schlicht nicht mehr finanzierbar. Das war letztlich auch ein Hauptgrund dafür, dass das Regime der friedlichen Revolution seiner Bürger nichts mehr entgegensetzen konnte. Ein Strategiepapier, wonach der Lebensstandard der Bürger um 30 Prozent gesenkt werden müsste, um den Staat am Leben zu erhalten, wurde wohlweislich verworfen.

Als die Mauer fiel, war Ostdeutschland wirtschaftlich ruiniert. Heute, 30 Jahre später, steht dieser Teil Deutschlands wirtschaftlich deutlich besser da. Nachdem mehr als 100 Milliarden Euro allein in die Infrastruktur investiert und die Folgen der Umweltverschmutzung zum großen Teil beseitigt wurden, lässt sich an Statistiken ablesen, dass Ostdeutschland seit dem Mauerfall wirtschaftlich massiv aufgeholt hat. Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands betrug 1990 43 Prozent und beträgt heute 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Damit liegt Ostdeutschland im EU-Durchschnitt.

 

Das war nicht selbstverständlich. Denn mit dem Umtausch der Ostmark in D-Mark wurde zwar der Konsum in der ehemaligen DDR gestützt. Die dort bestehenden Betriebe waren aber allesamt international nicht wettbewerbsfähig, schlitterten in die Pleite. Und viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Enorme Kraftanstrengung

Es ist beeindruckend, mit welcher Kraftanstrengung die Deutschen gemeinsam den maroden Osten wieder so hinbekommen haben. Die Arbeitslosigkeit stieg zunächst rapide an, betrug im Jahr 2005 18,7 Prozent und ist seither auf 6,4 Prozent zurückgegangen. Das hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass so viele neue Jobs geschaffen wurden, sondern auch, dass viele junge Fachkräfte mangels Perspektive nach Westdeutschland abwanderten. Ungelernte oder schlecht ausgebildete Menschen blieben auf der Strecke, zumal jene, die nur noch wenige Jahre bis zur Pension hatten. Dass diese mit ihrer niedrigen Rente heute zu jenen armutsgefährdeten oder armen Ostdeutschen zählen, liegt auf der Hand.

Statistisch hat Ostdeutschland beim Einkommen massiv aufgeholt. Die verfügbaren Einkommen entsprechen 85 Prozent des westdeutschen Niveaus. Wenn man berücksichtigt, dass die Lebenshaltungskosten in Ostdeutschland niedriger sind, lässt dies den Schluss zu, dass der Aufholprozess fast abgeschlossen ist. Das betrifft aber vor allem die Bewohner der größeren Städte, wo das Wohlstandsniveau deutlich über jenem des Landes liegt.

Kleinteilige Struktur

Tatsächlich weist die ostdeutsche Wirtschaft strukturelle Mängel auf, wie auch der jüngste Bericht der deutschen Bundesregierung zur Situation der deutschen Einheit bestätigt. Die ostdeutsche Wirtschaft ist sehr kleinteilig, hat kaum Konzernzentralen und schon gar keine, die im Deutschen Aktienindex DAX vertreten sind. Das Ausbildungsniveau ist durch die Abwanderung der guten Fachkräfte nicht besser geworden.

Dass wirtschaftlicher Aufschwung nicht unbedingt parallel mit einem Anstieg der Lebenszufriedenheit einhergeht, zeigen aber auch aktuelle Umfragen. Grundsätzlich stellen die Ostdeutschen zwar fest, dass sie heute wirtschaftlich besser dastehen als vor 30 Jahren. Dennoch fühlen sie sich oftmals als Bürger zweiter Klasse. Weniger wirtschaftlich, aber vielmehr politisch. Nur 38 Prozent der Ostdeutschen halten die Wiedervereinigung für gelungen, bei den Bürgern unter 40 sind es nur 20 Prozent. Was vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, dass sie sich an die Zeit davor nur unzureichend oder gar nicht erinnern können. Aber zur wirtschaftlichen gehören eben auch politische und soziale Teilhabe an einem Gesellschaftsgefüge. Und hier hat Ostdeutschland deutlichen Aufholbedarf, wie die jüngsten Protestwahlergebnisse zeigen.

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Stellvertretender Chefredakteur, Leiter Wirtschaftsredaktion

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