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Wirtschaft

"Die Erde erholt sich. Aber wir sind nicht mehr dabei"

Von Dietmar Mascher 15. Mai 2019

"Die Erde erholt sich. Aber wir sind nicht mehr dabei"
Tockner: In Österreich mangle es nicht nur an Geld für die Grundlagenforschung, sondern auch an Wettbewerb.

LINZ/WIEN. Der Chef des Wissenschaftsfonds, Klement Tockner, über Artenvielfalt, Wissen, Daten und Grundlagenforschung.

Mehr Wettbewerb um die Forschungsförderung fordert der Chef des Wissenschaftsfonds FWF, Klement Tockner, im Gespräch mit den OÖNachrichten. In der Diskussion rund um das drohende Aussterben von einer Million Arten warnt der Biologe davor, dass uns die Zeit davonläuft.

OÖNachrichten: Der FWF fördert die Grundlagenforschung in Österreich mit zuletzt 230 Millionen Euro im Jahr. Zwölf Millionen davon gehen nach Oberösterreich. Das ist vergleichsweise wenig.

Tockner: Der Großteil bleibt in Wien, dort gibt es die meisten Forschungsstätten. In Oberösterreich ist sicher Luft nach oben. Aber die Forscher, die wir hier fördern, gehören zu den Spitzenleuten. Das reicht von Sepp Hochreiter über Martin Kaltenbrunner bis Niyazi Serdar Sariçiftçi. Und wir begleiten viele junge Forscherinnen und Forscher auf dem Weg an die Spitze. Von den 4000 Forschenden, die wir unterstützen, sind 60 Prozent jünger als 36 Jahre.

Warum ist die Grundlagenforschung so wichtig?

Sie ist die Versicherung für unsere Zukunft, bereitet eine Gesellschaft auf die Herausforderungen vor, die man nicht planen kann. Forscher liefern die Basis für Innovationen in der Wirtschaft und sichern den Wohlstand. Und gleichzeitig bildet die Forschung die Einsteins von morgen aus.

Was kann Österreich im Bereich der Forschung und Forschungsförderung verbessern, um international erfolgreicher zu werden?

Wir müssen die Wettbewerbskultur weiter ausbauen. Spitzenforschung braucht internationalen Wettbewerb, dann entsteht Exzellenz.

Warum hat Österreich diese Wettbewerbskultur nicht?

Das hat mehrere Gründe. Einer ist eine ausgeprägte Grundfinanzierung im Vergleich zur Vergabe im Wettbewerb. Dazu kommt, dass andere Länder weit mehr investieren. Die Schweiz gibt fünf Mal so viel für Grundlagenforschung aus wie Österreich, die Niederlande drei und Deutschland zwei Mal so viel pro Kopf. Deutschland boomt dank einer Exzellenzinitiative mit wachsenden Budgets. Das zieht die besten Leute an. Österreich hat eine Uni unter den Top 100 in Europa, die Schweiz sieben und die Niederlande alle 13.

Der FWF konzentriert sich auf die Spitzenleute?

Auf jene, die sich im Wettbewerb durchsetzen. 50 Prozent aller österreichischen Top-Publikationen stammen aus FWF-Projekten. Schauen wir über Europa hinaus, muss man den Eindruck gewinnen, wir werden generell zum Zaungast im Rennen um die Spitzenplätze der Forschung und der Wettbewerbsfähigkeit. China, Brasilien, die USA oder Japan legen ein enormes Tempo vor. Österreich hat das Potenzial, ein dynamisches Forschungsland zu sein. Wir müssen aber alles tun, um die jungen Leute für die Forschung zu gewinnen und dann zu fördern. Es verlassen derzeit allerdings mehr Forscher Österreich, als zu uns kommen.

Liegt die Ursache schon in der Schule?

Jede und jeder ist neugierig. Wichtig ist, dass die Schule zur Neugier anspornt. Es gilt aber auch, Jung und Alt für die Wissenschaft zu begeistern. Da sind auch wir Forscher gefordert.

Vergangene Woche wurde ein UNO-Bericht veröffentlicht, wonach eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Wie dramatisch ist die Situation aus Ihrer Sicht als Biologe?

Ich stehe jeden Morgen als Optimist auf und gehe manchmal als Pessimist ins Bett. Wir haben tatsächlich nur wenig Zeit, um etwas zu verändern. Dabei können wir uns gar nicht vorstellen, wie sich die Welt in den nächsten 30 bis 40 Jahren verändern wird. Die biologische Vielfalt etwa ist das gesammelte Wissen über unsere Welt, die Bibliothek der Natur. Und wir zerstören einen Teil dieser Bibliothek sehr schnell. Nehmen wir als Beispiel die Störe. 200 Millionen Jahre haben sie überlebt. Heutzutage sind 24 von 26 Arten gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden.

Was macht einen da noch optimistisch?

Dass historisch nach jeder Aussterbephase wieder mehr Arten entstanden, als vorher existierten. Pessimistisch muss stimmen, dass die dominierenden Arten verschwanden. Die Erde erholt sich also irgendwann wieder. Aber wir sind dann nicht mehr dabei. Wir leben derzeit auf Kosten unserer Kinder und Enkel.

Wie ist das zu verstehen?

Wir ertrinken in Daten und hungern zugleich nach Wissen. Wenige wissen viel, und viele wissen wenig. Wir sprechen von der Oligopolisierung des Wissens. Das ist auch demokratiepolitisch bedenklich. Die EU investiert künftig 14 Milliarden Euro im Jahr in die Forschung. Das entspricht etwa der jährlichen Forschungsinvestition von Google. Die US-Geheimdienste investieren mehr in Forschung und Entwicklung als die Länder Deutschland und Frankreich zusammen. Aber wem gehört dieses Wissen? Die öffentliche Hand darf sich nicht zurückziehen, weil dadurch auch die besten Leute abgeworben werden.

Den Menschen sind die Folgen des Klimawandels offenbar noch zu wenig bewusst.

Vor kurzem wurde eine Umfrage unter 17.000 Europäern veröffentlicht. Fast alle Menschen anerkennen, dass es den Klimawandel gibt, aber nur 30 Prozent fühlen sich dafür verantwortlich. Wenn man um 28 Euro von Wien nach Berlin fliegen kann, der Zug aber 120 Euro kostet, dann subventionieren wir derzeit die Erderwärmung. Wir können uns auch nicht vorstellen, was es heißt, wenn sich die Erde um zwei Grad erwärmt. Als die Temperaturen in der kleinen Eiszeit um 1,5 Grad sanken, war das Auslöser für Hungersnot und Seuchen. Und wenn unsere Körpertemperatur auf 39 Grad ansteigt, dann sind wir krank.

Klement Tockner

Der 56-jährige gebürtige Steirer ist Biologe. Er war Titularprofessor an der ETH Zürich, später Professor an der Freien Universität Berlin und Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie sowie als Forscher auch in New York tätig. Seit 2016 ist er Präsident des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF.

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Dietmar Mascher

Stellvertretender Chefredakteur, Leiter Wirtschaftsredaktion

Dietmar Mascher
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