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Wirtschaft

Der mit Garanca und Kaufmann spekuliert

Von Susanne Dickstein 12. Juli 2019 00:04 Uhr

Simon Ertl

LINZ. Konzertveranstalter Simon Ertl im OÖN-Interview über teure Stars und andere Risiken seines Geschäftsmodells.

OÖNachrichten: Sie haben „Klassik am Dom“ gegründet, veranstalten die Festivals Woodstock der Blasmusik und Elwood. Was lässt sich leichter verkaufen: Klassik, Pop oder volkstümliche Musik?

Ertl: Das lässt sich nicht auf die Musikrichtung herunterbrechen. Mit Woodstock der Blasmusik haben wir eine Marke geschaffen, bei der uns die Besucher sehr treu sind. Bei Klassik am Dom kommt es auf den Künstler an. Es ist ein permanenter Zwiespalt: Gute Namen funktionieren meistens, haben aber entsprechende Gagen und der Break-even liegt dementsprechend höher.

Wie viel zeitlichen Vorlauf braucht ein Veranstalter, um Rolando Villazón oder Elina Garanca zu bekommen?

Bei Künstlern wie Anna Netrebko oder Jonas Kaufmann beträgt die Vorlaufzeit schon einige Jahre. Die grundsätzliche Intention vieler Veranstalter ist, ein Festivalprogramm vor Weihnachten fertig zu haben. Das Weihnachtsgeschäft ist essenziell, damit eine Sommer-Kulturmarke funktioniert.

Wie werden die Konzertkosten gemanagt?

Zuerst werden die Gagen verhandelt. Dann muss man die sogenannten Rider genauer anschauen, also welche Anforderungen ein Star an Technik, Unterbringung und Catering hat. Es ist essenziell, dass man dies bei der Kalkulation berücksichtigt, um keine Überraschungen zu erleben. Anschließend werden die Ticketpreise angepasst, um zu schauen, ob sie machbar sind. Bis zu 200 Euro für zum Beispiel Paul McCartney in der Wiener Stadthalle muss man sich trauen. Da muss man sich schon sicher sein, dass es funktioniert.

Welche Konzert-Auslastung ist mindestens notwendig?

Bei einer Reihe von fünf Konzerten am Domplatz in Linz brauchen wir zumindest 60 Prozent, um die Infrastruktur wie Bühne, Technik etc. abzudecken. Dazu kommen die Künstlergagen. Ohne Sponsoren wäre aber so eine Konzertreihe nicht machbar.

Das Geschäftsmodell eines Konzertveranstalters ist riskant.

Das ist es bestimmt. 2011 sind wir bei „Klassik am Dom“ erfolgreich mit Elina Garanca gestartet. 2012 hatten wir mit Jonas Kaufmann, José Carreras und Elina Garanca drei sehr hochpreisige Künstler. Da mussten wir schmerzhaft erfahren, dass für drei Künstler dieser Preisklasse in Linz das Publikum nicht gegeben war. Das hat uns ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung eingebrockt, das wir gut hinter uns gebracht haben. In unserem Geschäft kann man schnell Geld verdienen, und das Blatt kann sich genauso schnell wenden.

Wie viele „Einfahrer“ kann sich ein Konzertveranstalter leisten: Kann ein Fehlgriff das Genick
brechen?

Das hängt von der Firmengröße ab. Wenn einer hundert Shows macht, tut ihm das nicht weh. Bei einem kleinen Unternehmen sieht das ganz anders aus.

Was sind die größten Risiken?

Aktuell ist in Österreich eine Marktübersättigung gegeben. Jeder Haushalt hat ein gewisses Budget für Kultur, und gerade in Oberösterreich gibt es mit Burg Clam, Brucknerhaus, Musiktheater und den ganzen weiteren Festivals ein großes Angebot. Auch das Wetter spielt eine Rolle: Wenn es im Frühling viel regnet, ist das für Open-Air-Konzerte nicht optimal. Sicherheit ist auch immer ein Thema: Auch wenn man noch so gut vorsorgt, weiß man nie, was den Leuten einfällt.

Welchen Stellenwert hat das Merchandising, also der Verkauf von Fanartikeln: Ist das die Butter aufs Brot?

Auch das hängt von der Veranstaltung ab. Bei Klassik am Dom spielt es wenig bis keine Rolle. Beim Woodstock der Blasmusik ist es ein wesentlicher Baustein. Da haben wir eine eigene Merchandising-Firma gegründet, die auch unterjährig gut funktioniert.

Bei Klassik am Dom arbeiten Sie mit Stars. Inwieweit traut sich ein Konzertveranstalter, mit
unbekannten Künstlern zu arbeiten?

Große Agenturen bauen Künstler auf. Man startet eben in kleineren Locations. Bei Klassik am Dom haben wir die Erfahrung gemacht, dass hochqualitative Konzerte nicht angenommen wurden, weil die großen Namen gefehlt haben. Wir hatten ein Verdi-Requiem, das mit unglaublich guten Solisten besetzt war. Der Verkauf ist aber hinter den Erwartungen geblieben.

Bekommen Sie öffentliche Förderungen?

Grundsätzlich nein. Aber bei Klassik am Dom sind wir dem Land Oberösterreich dankbar, weil wir für die ORF2-Übertragung von Martin Grubinger Unterstützung erhalten haben. Wir sind neben dem Neujahrskonzert, Salzburger Festspielen, Grafenegg und Bregenz eines der wenigen Kulturformate, das im ORF live übertragen wird.

Sie lernen viele Stars kennen. Wie kompliziert sind die?

Gerade in dem Genre, in dem wir uns bewegen, sind Stars viel unkomplizierter, als man allgemein glaubt. Die großen Konzertveranstalter können sicherlich andere Geschichten erzählen. Beim Woodstock der Blasmusik hatten wir heuer Kool & the Gang, die waren ein bisschen schwieriger, wollten bestimmte Autos und Suiten. Aber es war alles lösbar.

Ihr erstes Projekt war „Rock meets Classic“ mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan. Wie sind Sie zu ihm gekommen?

Das ist über einen Freund gegangen, der mir den Kontakt gelegt hat. Ich war in den ersten Jahren unbeschwert, habe mit meinem Sportverein einmal ein Open-Air mit Rainhard Fendrich veranstaltet. Nena habe ich für ein Konzert mitten auf dem Dorfplatz in St. Martin im Innkreis engagiert. Da habe ich am meisten gelernt. Mit der Zeit habe ich mir auf diese Weise ein Netzwerk aufgebaut.

Wen hätten Sie gerne einmal?

Bei Woodstock hätte ich gern Seed oder Jan Delay, weil sie die Bandbreite verdeutlichen. Und der Name Anna Netrebko schwebt natürlich immer in der Klassikszene.
Ihr Geschäftsmodell ist riskant, sind Sie bei der Geldanlage ebenso risikofreudig?
Schon eher, wobei ich breit streue. Kürzlich habe ich eine Immobilie auf dem Woodstock-Gelände erworben, weil das für das Festival viele Vorteile bringt.

Zur Person: 

Simon Ertl (37) hat in Wien Konzertfach Trompete studiert, an der Staats- und Volksoper gespielt und an der Donau-Uni Krems Musikmanagement studiert. Sein erstes Projekt war „Classic meets Rock“ in der Tips Arena mit Ian Gillan. Später hat er „Klassik am Dom“ und „Woodstock der Blasmusik“ gegründet. Heuer im Juni ist das „Elwood-Festival“ neu hinzugekommen.

Artikel von

Susanne Dickstein

Redakteurin Wirtschaft

Susanne Dickstein
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