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Wirtschaft

"Der Bankschalter ist tot oder wird sterben"

16. November 2019 00:04 Uhr

"Der Bankschalter ist tot oder wird sterben"
Chefredakteursrunde bei Treichl. Für die OÖN war Gerald Mandlbauer dabei.

WIEN. Erste-Chef Treichl über die Zukunft der Banken, der Zinsen und des Bargelds.

Mit Jahresende geht Andreas Treichl als Chef der Erste Group. Im Gespräch mit OÖNachrichten, Presse und den anderen Bundesländerzeitungen zieht er eine pointierte Bilanz.

OÖNachrichten: Nach 22 Jahren an der Spitze der Erste Group geben Sie Ende des Jahres die operative Führung ab. Andreas Treichl im Ruhestand?

Treichl: Das ist schwer vorstellbar. Ich stelle mich schon jetzt auf die größere Ruhe ein. Aber ich werde nicht vollkommen arbeitsfrei sein, da ich mich in Zukunft um die Erste-Stiftung kümmern werde.

Überwiegt bei Ihnen nun die Freude oder die Wehmut?

Wehmut habe ich eigentlich gar keine. Denn ich freue mich schon, mich im Rahmen der Stiftung verstärkt um das Thema Finanzbildung und um jene Menschen zu kümmern, um die sich die Bank nicht profitabel kümmern kann. An das neue Management gab es nur eine Vorgabe. Sie müssen die Erste Group so positionieren, dass wir uns in einigen Jahren nicht mehr als Bank bezeichnen, sondern als Financial Health Group.

Was heißt das?

Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen und Betriebe ein gesundes Finanzleben führen können. Denn finanzielle Gesundheit ist nach der physischen Gesundheit das Wichtigste. Wir werden dadurch auch anders ausgebildete Mitarbeiter haben als jetzt. Viel weniger, aber sicher keine mehr, die uns – wie heute in Tschechien oder der Slowakei –- mit zehn Prozent höheren Gehältern vom Lidl abgeworben werden. Denn es ist etwas anderes, Bankprodukte zu verkaufen, als zu sagen: Du kümmerst dich um das Zweitwichtigste im Leben der Menschen. Das ist die einzige Chance, wie wir einen Wert erzeugen können, den Fintechs oder Konzerne wie Amazon oder Google sicherlich nie liefern werden können.

Gibt es dann noch Bankfilialen?

Ja. Natürlich wird es immer mehr digitale Angebote geben. Und zusammen mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz werden 80 bis 90 Prozent aller Themen eines Finanzlebens ohne fremde Hilfe geschafft werden. Wenn ich aber einmal ein Problem habe, dann möchte ich zu jemandem, dem ich vertraue. Die erste Wohnung wird auch in 20 Jahren nicht online gekauft werden.

Die Filialbank ist nicht tot?

Nein, sicherlich nicht. Denn die persönliche Beratung wird wichtiger werden. Der althergebrachte Schalter ist tot oder wird sterben. Darauf stellen wir uns mit dem neuen Filialkonzept schon ein.

Müssten Sie dann nicht auch ihr Angebot erweitern, etwa in Richtung Steuerberatung?

Ja, das ist richtig. Nehmen wir nur das Beispiel eines Immobilienkaufs. Hier braucht es jemanden, der Kontakte zu Notaren hat, der sich um Steuern und Grundbuch kümmert. Wenn wir eine solche Transaktion vollständig betreuen können, erzeugt das Mehrwert.

Was machen Sie heute, was Sie in so einer Zukunft nicht mehr machen würden?

Beispielsweise umsatzgetriebene Verkaufsaktionen von Bausparverträgen. Das wird es künftig nicht mehr geben.

Was wird dieser Wandel für Ihre Rendite und Ihre Aktionäre bedeuten?

Ich würde die Frage umdrehen: Wenn wir es nicht schaffen, damit eine gute Rendite zu erwirtschaften, dann werden uns die Investoren kein Geld mehr geben. Und dann werden wir scheitern.

Wie werden sich diese Änderungen auf den gesamten Bankensektor auswirken?

Ich glaube fest daran, dass wir massiv zulegen werden. Derzeit sind wir Frontrunner, sowohl im Digitalbereich als auch bei unserer gesellschaftlichen Funktion. Und wenn die anderen nicht aufwachen, dann werden wir einmal 100 Prozent Marktanteil haben.

Wie knapp stand man bei der Finanzkrise am Abgrund?

Es war eigentlich gar nicht so dramatisch, wie es rübergekommen ist. Wir hatten 2009 ein sehr gutes Ergebnis. Zwischen Frühjahr 2008 und Anfang 2009 wurde wegen der Verunsicherung halt der gesamte Marktwert, den wir in den zwölf Jahren zuvor aufgebaut haben, ausradiert. Das hat zwar nur zwei Monate gedauert, war aber ein extremer Schock. Wenn wir gewusst hätten, dass diese Stimmung so kurz dauert, hätten wir uns das Partizipationskapital sparen können.

Wie war allgemein die Stimmung in dieser Zeit – auch rund um das Thema Hypo?

Da war die Stimmung sehr düster. Der Unterschied war ja auch, dass wir zuerst noch mit der Regierung Gusenbauer/Molterer verhandelt haben. Da hatte man den Eindruck, die Beteiligten verstehen die Thematik. Das hat sich mit der nächsten Regierung anfangs dann drastisch geändert. Das war eine Zeit lang wirklich beklemmend.

War für Sie ersichtlich, dass die Hypo so ein Problem wird?

Ich hätte es anders gelöst. Man hätte die Bayern nicht aus der Verantwortung lassen dürfen. Das war ein absehbarer Bluff von ihnen.

Die Krise ist nun zehn Jahre her. Wurde aus den Fehlern gelernt?

Ich glaube, es gibt eine massive Verschiebung aus der regulierten Finanzwelt in die unregulierte Finanzwelt. Da braut sich etwas zusammen, was die nächste Krise hervorrufen wird. Bei der regulierten Finanzwelt in Europa würde es mich extrem wundern, wenn da in den nächsten 20 Jahren ein Problem entstehen würde. Außer ein Ertragsproblem. Natürlich gibt es Firmen, die bei normalen Zinsen nicht überlebensfähig wären. Entscheidender ist aber die Frage, wie dann die Staatsfinanzen aussehen würden, denn die niedrigen Zinsen wurden bisher nicht genützt.

Angesichts dieser Tatsache: Werden wir auf absehbare Zeit wieder einen realen Zins sehen?

Nein, ich kann mir keine Entwicklung vorstellen, die in den nächsten Jahren dazu führt, dass wir wieder reale Zinsen sehen. Die einzige Möglichkeit, wie es zu einer starken Inflation kommen könnte ist, dass durch die Klimaerwärmung eine massive Verteuerung entsteht – etwa beim Transport. Und die Probleme dieser Nullzinsen – wie etwa das Ende jeglicher privaten Pensionsvorsorge – sind leider sehr schlecht für die Politik tauglich, da sie erst langfristig auftreten werden. Für die Umwelt kann sich die Jugend dank Greta Thunberg begeistern. Für Zinsen geht niemand auf die Straße demonstrieren.

Wie erklären Sie sich die Liebe der Österreicher zum Bargeld?

Der Österreicher hat eine größere Abneigung gegenüber Transparenz als etwa Skandinavier. Bargeld bedeutet, ich kann mir etwas kaufen, ohne dass jeder weiß, dass ich es besitze. Dafür habe ich auch großes Verständnis. Aber das wird es in Zukunft nicht mehr spielen.

Die Befürworter des Bargelds argumentieren, dass Negativzinsen leichter durchzusetzen sind, wenn es nur noch elektronische Guthaben gibt. Übertriebene Angst oder berechtigte Sorge?

Das ist absolut berechtigt. Auch wir haben relativ große, eigentlich riesige, Barbestände als Erste. Die Versicherungsprämie, die wir dafür bezahlen, liegt bei 25 Basispunkten. Damit sparen wir uns 25 Basispunkte gegenüber dem negativen Einlagenzinssatz bei der EZB. Insofern ist es natürlich ärgerlich, dass der 500-Euro-Schein abgeschafft wird. Zwei Milliarden in 500ern lagern ist billiger als zwei Milliarden in Hundertern.

Was sind abseits der Stiftung Ihre Pläne für die Zukunft. Wie wird sich Ihr Leben verändern?

Ich glaube nicht, dass sich so wahnsinnig viel verändern wird. Ich wollte drei Monate verschwinden. Irgendwo mit dem Rucksack hinfliegen, zum Beispiel nach Nepal. Aber das geht nicht, weil meine Frau nicht mitkommen kann und ich auch das Thema Finanzbildung vorbereiten muss. Es wird gerade der Lehrplan für 2022/23 erstellt, und ich möchte alles tun, was möglich ist, damit Wirtschaft und Finanzkunde als Pflichtfach ab der ersten Klasse der Sekundarstufe eingeführt wird.

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