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Bewährte Bauten in komplexen Zeiten

Von Georg Wilbertz, 11. Dezember 2021, 00:04 Uhr
Bewährte Bauten in komplexen Zeiten
Bereits 1978 wurde die bis heute sehr beliebte Terrassenhaussiedlung St. Peter in Graz (Planung: Werkgruppe Graz unter Einbeziehung der Bewohner) fertiggestellt. Eine besondere Qualität besitzen die stark durchgrünten Freiflächen. Bild: Archiv Werkgruppe Graz/Helmut Tezak

Architekturpreis Daidalos, Sonderpreis "Bewährte Bauten": Was ist angemessen?

"Eine große Sache ist die Architektur […] Denn gebaut zu haben, ist ein Ding der Notwendigkeit. Passend gebaut zu haben, ist sowohl von der Notwendigkeit als von der Nützlichkeit abhängig. Jedoch so gebaut zu haben, daß es den vornehmen wie den einfachen Leuten gefällt, geht nur mit der Erfahrung eines gebildeten und überlegten Künstlers."

Am Beginn der neuzeitlichen Architekturtheorie formuliert der Florentiner Leon Battista Alberti (1404–1472) um die Mitte des 15. Jahrhunderts einen universellen Anspruch für gelungene, sich bewährende Baukunst. Natürlich leben wir in anderen Zeiten. Doch die Frage, wann sich eine Planung oder ein Bauwerk über eine längere Nutzungsdauer bewährt hat, ist bis heute nicht einfach zu entscheiden. Dies liegt an der Komplexität der Materie, und es fehlen eindeutige Kriterien.

Um Architektur zu schaffen, müssen wie bei kaum einer anderen gestalterischen Disziplin unterschiedliche Aspekte und Ansätze zusammengeführt werden. Die Begriffe Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Technik und Konstruktion, Ästhetik und Schönheit umreißen grob, was Bauten leisten sollen. All dies verbunden mit dem Anspruch einer sozialen Tauglichkeit, die im Idealfall nicht den Interessen Einzelner, sondern der Gesellschaft insgesamt nutzt.

Dass manche dieser Aspekte sogar in Widerstreit geraten können, macht die Sache nicht einfacher. Ein überbordender ästhetischer Anspruch kann zulasten von Funktion und Nützlichkeit gehen, ein einseitiger Blick auf Ökonomie und Effizienz kreiert häufig langweilige, gesichtslose Bauten.

Bewährte Bauten in komplexen Zeiten
Das 1996 eröffnete kooperative Wohnprojekt Sargfabrik in Wien (Planung: BKK-3, Wien) erfüllt bis heute die Wohnbedürfnisse seiner Bewohner. Auch vielfältige soziale und kulturelle Aktivitäten tragen zur Lebensqualität bei. Bild: Hertha Hurnaus

Beim oberösterreichischen Architekturpreis Daidalos wird auch der Sonderpreis "Bewährte Bauten" vergeben. Darin verbirgt sich zudem ein gewisser Anspruch auf Zeitlosigkeit. Diesen in unserer Gegenwart, die durch immer schneller wechselnde Trends, Moden und individuelle Vorlieben geprägt ist, zu erfüllen, fällt nicht immer leicht. Bauwerke und Planungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch bestens in die Zeit passten, entsprechen oft nicht mehr heutigen Maßstäben und Ansprüchen. Viele Entwurfs- und Bauleistungen selbst der jüngeren Vergangenheit sind aus diesem Grund inzwischen infrage gestellt oder gefährdet. Letztlich entscheidet auch gewisse Flexibilität und Anpassungsfähigkeit über die Qualität eines bewährten Bauwerks.

Stecken Planung und Architektur angesichts all dieser Gesichtspunkte von vornherein in einem fast unlösbaren Dilemma? Die Vielzahl hervorragender oberösterreichischer Bauten der vergangenen Jahrzehnte beweist das Gegenteil. Worin liegt deren "Geheimnis"? Eindeutige Antworten lassen sich nicht formulieren. Behelfen kann man sich allerdings mit dem leicht schwammigen, aber dennoch treffenden Begriff der architektonischen Angemessenheit. Er spielt in der Architekturtheorie und -kritik eine zentrale Rolle.

Ein angemessener Entwurf (einschließlich seiner Realisierung) führt die vielen genannten, teils widerstrebenden Aspekte und Anforderungen eines Bauwerks in einen ausgewogenen, der Bauaufgabe entsprechenden Ausgleich. Was nach einer langweiligen, kalkulierten Herangehensweise klingt, schließt Experimente, ästhetischen Wagemut, spannungsreiche Konfrontation, gestalterischen Witz, neue Methoden und formale Provokation nicht aus. Es kommt letztlich auf die Schwerpunktsetzung an, die zwischen Bauherr und Planer verhandelt und vereinbart wird. Beim Daidalos wird es ganz entschieden um die Frage der Angemessenheit gehen. Im Vordergrund werden dabei der Nutzen und die Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer stehen, die über einen längeren Zeitraum tagtäglich in und mit den Gebäuden, Stadtplanungen oder öffentlichen Räumen leben.

OÖN-Architekturpreis Daidalos: Bewerbung

1. Wer?

Zur Einreichung für den oberösterreichischen Architekturpreis Daidalos sind Architekturbüros, Zivilingenieurbüros und interdisziplinäre Projektteams (zum Beispiel Städtebauer, Landschaftsplaner) eingeladen.

2. Was?

Es werden Projekte in Oberösterreich zugelassen, die zum Zeitpunkt der Einreichung fertiggestellt sind. Sie dürfen nicht älter als rund viereinhalb Jahre sein (Fertigstellung nach 1. Jänner 2017), mit Ausnahme des Sonderpreises „Bewährte Bauten“. Hier müssen die Objekte im Zeitraum zwischen 1990 und 2010 fertiggestellt worden sein.

3. Wie?

Zur Einreichung sind bis zu fünf Fotos (keine Renderings; Fotorechte sind anzugeben), bis zu fünf Plandarstellungen und ein Erläuterungstext mit maximal 1500 Zeichen zulässig. Nähere Informationen zur Einreichung finden Sie auf nachrichten.at/daidalos
Hier ist auch der Link zur Einreichung selbst, die digital abgewickelt wird, zu finden. Einsendeschluss für den Daidalos ist am 16. Jänner 2022.

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Autor
Georg Wilbertz
Georg Wilbertz
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