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Wirtschaft

Interview mit Tomás Sedlácek: Runter vom Elfenbeinturm!

Von Klaus Buttinger   11. Januar 2014 00:04 Uhr

Runter vom Elfenbeinturm!
Tomás Sedlácek ist Regierungsberater und Chefökonom der größten tschechischen Bank.

Er ist Europas frechster Wirtschaftsguru: Tomás Sedlácek, Regierungsberater und Chefökonom der größten tschechischen Bank. Am 19. Jänner spricht er in Linz.

Ein wenig Wachstum, ein wenig mehr Bruttoinlandsprodukt (BIP) – schon lässt sich prächtig auf das Krisenende hoffen. Die Hoffnung ist jedoch trügerisch.

OÖN: Sie bezeichnen Wachstum als Fetisch. Welche Kennzahl wäre eine bessere Grundlage für wirtschaftliche Entscheidungen?

Sedlácek: Die Arbeitslosenrate. Das ist die einzige wahre Kennzahl. Das BIP war nie auch nur gedacht, Zufriedenheit oder Glück eines Landes zu messen. Viele Leute haben das BIP aber fetischisiert, weshalb die meisten Länder damit mogeln.

Es scheint, dass heute in der Welt allein das Denkmodell der Ökonomie gilt. Dessen Credo: Was keinen Preis hat, ist nichts wert. Eine dumme Philosophie?

Durchaus. Nehmen wir als hypothetisches Beispiel die Korruption: Was wäre, wenn sich herausstellte, dass Korruption der Wirtschaft nützt und das BIP erhöht? Sollten wir deshalb stehlen? Wir brauchen keine ökonomische Analyse, ob stehlen nützlich ist oder nicht. Oder nehmen wir die Debatte über den ökonomischen Wert von Kunst. Was wäre, wenn Kunst keinen wirtschaftlichen Nutzen hätte? Hieße dies, Kunst wäre entbehrlich? Im Gegenteil: Oft müssen Philosophie und Kunst gegen Wirtschaftlichkeit, Effizienz oder Nützlichkeit auftreten.

Was halten Sie von der Selbstregulierung des Marktes?

Sie funktioniert in manchen Fällen, in anderen nicht. Schauen wir uns das am Beispiel Microsofts an. Es heißt, es gebe einen freien Markt, freien Handel. Demnach müsste Microsoft Windows frei kopierbar sein. Tatsächlich braucht es internationale Eigentumsrechte, eine Legion von Bürokraten, Rechtsanwälten und Polizisten, die dafür sorgen, dass man dafür zahlt. Falls man da noch einen freien Markt sieht, sollte man zwei Schritte zurücktreten, dann sieht man die Polizisten, Juristen und Bürokraten, die 24 Stunden pro Tag dran arbeiten, die Sache natürlich aussehen zu lassen.

Reden wir über die Krise: Inwieweit hat der Ruf der Ökonomie als saubere Wissenschaft darunter gelitten?

Natürlich sollten wir schon schauen, dass die Ökonomie eine sauber und gut argumentierende Wissenschaft darstellt. Was aber passiert? Wir haben heute Wege, subjektive Meinungen politischer, religiöser, moralischer oder sonst einer Art in die Ökonomie einzuschmuggeln, sodass sie aussehen wie die Ergebnisse einer exakten Wissenschaft. Das ist sie aber nicht, sie basiert auf Meinungen, irrationalen Annahmen, individuellem Glauben etc.

Sind für die Krise fachidiotische Banker verantwortlich?

Ganz abgesehen von der Krise, sind wir generell zu einer Gesellschaft von Fachidioten geworden. In der Renaissance wollte man noch alles verstehen, weil alles mit allem vernetzt ist. Wir wissen heute, dass Ökonomie mit Werten verbunden ist, mit Kultur, dem Gesetz, der Psychologie etc., aber wir haben unsere Augen davor verschlossen, weil alles so komplex ist. Deshalb haben wir uns auf die Details konzentriert und darüber die Verbindung zur restlichen Welt verloren. Der ursprüngliche Plan der modernen Wissenschaft lautete: Wir wissen, dass die Realität komplexer ist, als wir dachten. Ein Einzelner kann das alles nicht mehr im Gehirn behalten. Also spezialisieren wir uns, forschen, und dann kommen wir wieder zusammen und reden drüber. Der erste Schritt funktionierte, der zweite nicht.

Warum nicht?

Weil die Annahmen, von denen wir ausgehen, kaum vergleichbar sind – in der Ökonomie etwa die Annahme, es existiere der "Homo oeconomicus". 90 Prozent von dem, was wir unseren Studenten lehren, ist völlig sinnlos. Entwerfen wir zum Beispiel ein Modell, das besagt, der Mensch verhalte sich rational. Dem müsste man eine Wahrscheinlichkeit von z. B. 50 Prozent unterlegen. Damit verliere ich die Hälfte der Realität. Dem Rest schreibe ich zu, dass er beispielsweise seinen Konsum optimiert – aber auch wieder mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Wenn ein solches Modell fertig ist, gibt es sehr exakte Antworten, steht aber nur auf einer Wahrscheinlichkeit von – sagen wir – acht Prozent.

Wie kommen wir raus aus der Fachidioten-Falle?

Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Ich glaube, wir müssen herunterklettern von den Elfenbeintürmen und reden. Was ich an der gegenwärtigen Krise mag, ist, dass selbst die Ökonomie kritisierenswert wurde, die eine sehr stolze Wissenschaft war und auf andere herabgeschaut hat. Nun realisieren wir, dass viele Dinge, die wir blind geglaubt haben, bloß Mythen waren. Wenn wir künftig mit anderen Glaubensrichtungen über das menschliche Sein kommunizieren – z. B. mit der Psychologie oder der Soziologie – und ein wenig Grundlegendes darüber wissen, werden wir keine Fachidioten und können in die Ökonomie Dinge hineinbringen, die dort nicht üblich sind.

Das hieße, die Universitäten tiefgreifend umzubauen …

Im Wort Universität steckt nun einmal "universal". Wir aber betrachten Bildung als Weg, Menschen zu indoktrinieren, sie nützlich für die Gesellschaft zu machen. Bildung sollte für Leute da sein, die Weisheit lieben, und nicht für Leute, die nur darauf abzielen, ihr Wissen zu verkaufen, ohne für die Gesellschaft nützlich zu sein.

Sie raten dazu, Pause zu machen und die Dinge, die wir tun, zu überdenken. Wer würde denn diese Pause finanzieren?

Wir selbst. Wir leben unter dem permanenten Druck der Unzufriedenheit. Die Vorstellung, nicht gut genug zu sein, nicht hart genug zu arbeiten, um dereinst unsere Erlösung im Himmel oder auf der Erde zu erreichen, ist nichts anderes als ein alter Selbstvorwurf, der mehr oder weniger nützlich ist für die Gesellschaft. Aber Ihre Frage nach der Finanzierung einer Auszeit impliziert die Einstellung, wonach das Nicht-Arbeiten eine Ausnahme sei, dass wir zahlen sollten für das Nicht-Arbeiten. Eine andere Einstellung hieße, Dinge zu erledigen, und wenn sie erledigt sind, Pause zu machen. Wir leben in Europa zum ersten Mal in einer Zeit, in der es sich Menschen leisten können, Mensch zu sein. Das ultimative Ziel von Arbeit ist ja, nicht zu arbeiten.

Braucht der Kapitalismus eine Revolution oder eine Evolution?

Eine Evolution. Selbst die brillantesten Denker der Linken wie etwa Slavoj Zizek sind dieser Meinung. Jene, die nach Revolution rufen, frage ich: Womit wollt ihr den Kapitalismus ersetzen? Habt ihr ein anderes Betriebssystem? Und keiner hat eines. Man soll keinen Ball in die Luft werfen, ohne zu wissen, wo er landet. Das wäre extrem riskant. Ich stamme aus einem Land, in dem man genau das getan hat. Und man landete im widerwärtigsten und schrecklichsten System. Schauen Sie sich doch einmal den Kapitalismus von vor hundert Jahren an. Der sah völlig anders aus. Er ist heute viel besser als damals.

Welche Richtung sollte diese Evolution einschlagen?

Dass wir Menschen uns nicht schämen müssen für das System, das uns repräsentiert. Denn vieles an der Kritik der Linken trifft nicht den Kapitalismus, sondern das Menschliche. Aber über Menschen, die ihrer Umwelt, ihren Mitmenschen oder ihrem Gott entfremdet waren, kann man in Texten lesen, die tausende Jahre alt sind. Da gab es noch keinen Kapitalismus. Das erste Gefühl, dem sich Adam im Paradies ausgesetzt sah, war jenes der Einsamkeit. So etwas bringt man mit einem Systemwechsel nicht weg.

Wachstum, das nach hinten los geht

Furore machte Tomás Sedlácek, ehemaliger Berater des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, mit dem Sachbuch-Bestseller „Die Ökonomie von Gut und Böse“, in dem er mit dem naiven Glauben an die Rationalität unseres Wirtschaftens aufräumte. Die Wirtschaft gleiche einem Manisch-Depressiven, das Aufspannen der Rettungsschirme dem Versuch, einen Alkoholiker durch Alkohol zu heilen, schreibt er darin. Nicht zu wenig, sondern zu viel Wachstum sei der Grund für die gegenwärtige Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise.

Am Sonntag, 19. Jänner (10 Uhr), gastierte Sedlácek in der Veranstaltungsreihe „Guten.Morgen.Salon“ der Kommunikationsagentur „Die Fabrikanten“ im Oö. Presseclub (Oö. Kulturquartier, Landstraße 31, Linz). Moderation: Lisa Mittendrein (Attac) , Klaus Buttinger (OÖN). Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter rammer@fabrikanten.at.

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