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Wirtschaft

Die falsche Strategie der Ölmultis: Hohe Gewinne statt neuer Ölquellen

Von Von Josef Lehner   10. Juni 2010 00:04 Uhr

Grafik Ölkonzerne

NEW YORK. Unter den 20 größten börsenotierten Unternehmen der Welt sind sieben Ölkonzerne. Ihr Höhenflug wird wegen der Katastrophe im Golf von Mexiko nun früher und schärfer gebremst, als Experten seit Jahren vorhergesagt haben.

Es geht beim Desaster der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ nicht nur um BP. „Wir glauben, dass die Ölkatastrophe einen lang anhaltenden Einfluss auf die gesamte Branche haben wird“, urteilten die Analysten von Goldman Sachs am Dienstag.

100 Milliarden Gewinn

Mehr als 100 Milliarden Dollar Gewinn haben allein drei große Ölmultis, Exxon Mobil, BP und Chevron, im weltweiten Krisenjahr 2008 erzielt: ein Rekord. Sie sind nicht nur Gelddruckmaschinen, die ihre Aktionäre mit Dividenden verwöhnen. Sie haben auch Einfluss in allen wichtigen Staaten und Organisationen rund um den Globus.

Ein Vergleich soll die Dimensionen aufzeigen: Exxon Mobil hat 2008 mit 477 Milliarden US-Dollar mehr umgesetzt, als die gesamte österreichische Volkswirtschaft erwirtschaftet hat. Der Gewinn von 45 Milliarden Dollar war so hoch wie die Hälfte der österreichischen Staatsausgaben eines Jahres.

Die Konzernlenker sind sich der Verfänglichkeit solcher Zahlen bewusst. Exxon verbreitet daher die Botschaft, dass die US-Ölbranche 2009 nur etwas mehr als vier Prozent Umsatzrendite erzielt habe, die Pharmawirtschaft dagegen 28, die Getränke- und Tabakerzeuger 17 Prozent.

Im Jahr 2009 haben die Ölmultis ja deutliche Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen müssen. Doch das Bild täuscht, weil 2008 wegen einer Ölpreisspitze von beinahe 150 Dollar je Barrel und einem Jahresdurchschnitt von annähernd 100 Dollar ein Ausreißer nach oben gewesen ist.

BP verlor 70 Milliarden an Wert

Ausgerechnet BP, das nun wegen der Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ international am Pranger steht, hat die Wirtschaftskrise gut überstanden. Doch seit es dem britischen Konzern nicht gelingt, die Ölkatastrophe zu stoppen, steigen die Kosten und fällt der Aktienkurs. British Petrol hat in den sieben Wochen seit der Plattformexplosion 70 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren.

Gleichzeitig werden die anderen Ölmultis mitgezogen. Auch die Aktienkurse von Exxon Mobil und Royal Dutch Shell gaben um zehn bis 15 Prozent nach und damit deutlich mehr als die Indizes an den Weltbörsen. „Wäre es ein BP-Problem, dann hätte die Konkurrenz ja profitiert“, schließt das „Manager Magazin“. „Die ganze Branche wird für das BP-Debakel in Mithaftung genommen.“

Hohes Risiko in Tiefsee

Das liegt daran, dass die privaten Ölkonzerne ein gemeinsames Problem haben: Sie haben sehr viele Reserven unter dem Meeresgrund. Das sind Felder, die sich nur mit hohen Kosten und – wie sich zeigt – viel Risiko erschließen lassen.

Vermutlich werden staatliche Behörden für solche Förderungen künftig teure Auflagen vorschreiben oder die Exploration in ökologisch wertvollen Regionen, wie in der Arktis oder in der Nähe von Küsten, überhaupt verbieten.

„Sie werden detaillierte Pläne vorlegen müssen, wie sie im Katastrophenfall reagieren würden. Das verteuert Projekte erheblich“, sagt der Analyst Sven Diermeier von Independent Research.

Die westlichen Ölmultis müssen sich in Expertenrunden vorwerfen lassen, seit vielen Jahren in hohe Dividenden und den Kauf eigener Aktien statt in die Entwicklung attraktiver Ölfelder investiert zu haben. 1970 hatten sie noch 50 Prozent Anteil an der Weltölförderung. Heute sind es nur noch 15. Staatliche Konzerne haben ihnen das Heft entrissen (siehe Artikel rechts).

„Deepwater Horizon“ wird das verschärfen. Die Ratingagentur Moody’s hat die Bonität von BP bereits herabgestuft, Fitch hat Shell eine Abwertung angedroht. Die großen Rückversicherer, wie Münchner Rück, Swiss Re und Hannover Rück, haben die Prämien der Ölkonzerne um 50 Prozent erhöht, weil ihnen allein im Golf von Mexiko ein Schaden von 3,5 Milliarden Dollar droht. „Die Rückversicherer bewerten die Risiken von Tiefseebohrungen neu“, sagt Moody’s-Vizepräsident James Eck.

Das Unglück wird das Tempo hin zu einer Energiewende, weg von fossilen Brennstoffen, beschleunigen. Da haben die Multis ein Plus: Sie haben bereits in Windparks und Solarkraftwerke investiert.

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