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Wirtschaft

Das Grün kehrt in die Stadt zurück

02. Juli 2011 00:04 Uhr

Das Grün kehrt in die Stadt zurück
Franz Wiesmayr setzt mit Wurm den Aquaponik-Kreislauf in Bewegung.

Bauernhöfe als Wolkenkratzer mitten in der Großstadt, an den Hausmauern vertikale Gärten. Noch ist das Utopie. Hingegen finden kleinlandwirtschaftliche Projekte für Hinterhof und Wintergarten weltweit immer mehr Anhänger. Der Gedanke an krisenresistente Selbstversorgung und der Wunsch nach superfrischen Lebensmitteln treiben die Utopisten ebenso wie die Microfarmer.

In wenigen Jahrzehnten werden 80 Prozent der Menschheit in Großstädten leben, schätzen Experten. Das macht die Versorgung mit Lebensmitteln nicht einfacher. Weshalb Dickson Despommier, Professor für Umweltgesundheit und Mikrobiologie an der Columbia University in New York, mit seinen Studenten die Idee des „Vertical Farmings“ entwickelte; ausgehend von den immer beliebter werdenden Kleingärten und Gewächshäusern auf den Dächern des Big Apple.

In mehrstöckigen Gebäuden, so genannte Farmscrapers (von Skyscraper = Wolkenkratzer), sollte Landwirtschaft mitten in Städten betrieben werden. Auf den diversen Ebenen der „hängenden Gärten“ könnten auf Basis von Hydrokultur und Kreislaufwirtschaft Früchte wachsen, Gemüse, Speisepilze und Algen. Auch Tiere wie Geflügel oder Schweine könnte man züchten. Die notwendige Energie für Beleuchtung und Betrieb würden Solarzellen und Biogasanlagen beisteuern. Die großen Vorteile der vertikalen Landwirtschaft sehen deren Proponenten in der räumlichen Nähe von Produktion und Konsum sowie in vielfach erhöhter Produktivität.

Kann das funktionieren?

Kritiker des „Vertical Farmings“ führen hingegen an, dass die hohen Errichtungs- und Energiekosten die Vorteile der lokalen Produktion aufheben. „Jedenfalls haben einige führende Architekten Masterpläne für solche Projekte vorgelegt, etwa für Städte in den Vereinigten Arabischen Emiraten“, berichtet Christoph Wiesmayr aus seiner Branche. Der junge Linzer Architekt und Stadtplaner ist einer der Köpfe hinter der Initiative „Schwemmland“. Ziel dieser global ausgerichteten und regional aktiven Initiative ist es, urbane Restflächen im Linzer Osten vor dem Ausverkauf zu bewahren und sie als identitätsstiftende Frei- und Lebensräume für die Bevölkerung zu eröffnen. Christoph Wiesmayr und sein Bruder Franz backen darüber hinaus in der urbanen Landwirtschaft Brötchen, wenngleich deutlich kleinere als die Utopisten mit ihren Farmscrapern. Auf Einladung der Wiesmayr-Brüder ist nächste Woche Andy Merrit zu Gast in Linz. Der 31-jährige Künstler hat gemeinsam mit dem Techniker Paul Smyth (27) ein Beispiel für „Urban Microfarming“, also urbane Kleinlandwirtschaft, schon vor einigen Jahren mitten in London umgesetzt.

Hühner auf dem Dach

Ein Folientunnel im Hinterhof eines viktorianischen Hauses liefert Jungpflanzen, auf vertikalen Gärten draußen wie drinnen wachsen Gemüse und Kräuter, auf dem Dach scharren ein paar Hühner unter einem Drahtgehege im Mulch und die Küche wird dominiert von zwei Fischtanks. Sie sind Teil eines Aquaponik-Systems, das die Hinterlassenschaften von Buntbarschen zur Düngung des Gemüses nutzt. Ein intelligenter, geschlossener Kreislauf. Für die in einer Großstadt unübertreffbar frischen Produkte aus der städtischen Minifarm legen Kunden gerne noch mehr Geld aus als im Biosupermarkt. Andy Merrit kommt am 5. Juli nach Linz und referiert ab 19.30 Uhr beim temporären Kulturfestival „Déjà vu“ im Kreisverkehr Muldenstaße in Linz (siehe Kasten unten auf Seite 2) zum Thema Microfarming.

Salat aus Röhren

Vor allem in Australien und den südlichen Staaten der USA versuchen innovative Farmer Mehrwertsysteme auch im kommerziellen Landbau zu etablieren. Das „Abwasser“ aus riesigen Fischtanks läuft durch Etagen von Rohrsystemen, auf denen Pflanzen sitzen. Ganz ohne Erde holen sich die Salatwurzeln die Nährstoffe aus einem dünnen Wasserfilm auf dem Rohrboden. Ein von der NASA entwickeltes Anbauprinzip namens NFT (Nutrient Film Technique).

Ob sich derartige Bio-Kreislauf-Systeme mit doch gewöhnungsbedürftiger Technik als kommerziell erfolgreich erweisen, wird die Zukunft zeigen. Der mögliche Erfolg hängt von zu vielen Unbekannten ab. Etwa von der Frage: Wie viele Lebensmittelskandale werden die Menschen noch über sich ergehen lassen, bevor sie zu regional produziertem Gemüse und Eiweiß aus Kreislaufwirtschaft greifen – egal ob horizontal oder vertikal gezogen?

Was aber bereits erfolgreich funktioniert, sind kleine Aquaponik-Systeme.

Würmer, die den Salat füttern

Die Wiesmayr-Brüder haben einen kleinen Prototyp einer Aquaponik-Anlage aus zwei gebrauchten Glasaquarien gebaut und zu Testzwecken in Betrieb genommen. Sie funktioniert. Zwei Barsche und eine Schwarzmeer-Grundel teilen sich den unten liegenden Fischtank, im oberen Hydrokultur-Behälter wachsen ein paar Tomatenstauden recht ordentlich.

Aquaponik für Tüftler

In Zukunft ließen sich im Tank einer dann größeren Anlage Karpfen oder Schleien bis zur Verkaufsgröße großziehen. Ebenso könnten darin Besatzfische jener Arten heranwachsen, die in der Donau vom Aussterben bedroht sind. Huchen zum Beispiel oder Nase und Aitel – in beiden Fällen natürlich mit dem Zusatznutzen, frisches, biologisches Gemüse zu erhalten. Denn hat sich eine Aquaponik-Anlage erst einmal eingelaufen und sich das chemische Gleichgewicht eingestellt, braucht sie wenig Betreuungsaufwand, berichten erfahrene Aquaponiker.

Allerdings gelte es für Interessierte in unseren Breiten noch Hirnschmalz zu investieren in die konstante Temperaturführung des Wassertanks über die wechselnden Jahreszeiten. Christoph Wiesmayr: „Eine Micro-Anlage müsste in- und outdoor betrieben werden können.“ Denkbar wäre, den Fischtank in Haus oder Wintergarten fest zu installieren, die Pflanzenanlage aber mobil, so dass sie sommers nach draußen gerollt werden kann. Für sonnigere, südlichere Gefilde werden bereits fix und fertige Aquaponik-Anlagen für den Hinterhof angeboten. Oben eine Fotovoltaik-Anlage, deren Strom die Pumpe speist, darunter Stellagen für die Pflanzen, zu unterst der Fischtank. Darin werden zumeist unkomplizierte, aus Afrika stammende Tilapia-Buntbarsche gehalten.

Kreislaufwirtschaft

Nicht erst seit dem eher flapsigen Ausspruch Fiona Swarovskis, arme Leute sollten halt ihren Salat und ihre Tomaten auf ihren Terrassen anbauen, gedeiht die alte Idee der Selbstversorgung auf engstem Raum. Seit die Wirtschaftskrise ihre Krallen zeigt, picken wieder vermehrt Hühner in den Gärten, wachsen Erdbeeren und Salat aus Blumenampeln oder selbstgebauten, hängenden Beeten auf den Balkonen. Doch die Idee ist noch viel älter. Schon seit vielen Generationen betreiben Indios in Amzonien Etagenanbau im tropischen Regenwald. Unter mächtigen Bäumen wie der bis zu 30 Meter hohen Paranuss setzten sie fruchtreiche Sträucher und Stauden, darunter Gemüse und Wurzelfrüchte etwa Maniok oder Yams.

„Bringt man mehrere natürliche Kreisläufe zusammen, entsteht Mehrwert“, sagt Christoph Wiesmayr. Aquaponik verbindet solcherart Fisch und Gemüse, Aquarium mit Hydrokultur. Das mit Ammoniak belastete Wasser aus dem Fischtank fließt durch ein Substrat aus Leka-Kugeln. Auf deren Oberfläche sitzen Bakterien, die daraus Nitrat machen. Das wiederum dient Pflanzen als Nahrung. Am Ende des Kreislaufes rinnt sauberes Wasser zurück in den Tank. Was aber speist den Kreislauf ursprünglich? Der Wurm. Donaufischer Franz Wiesmayr holt Regenwürmer vom Koposthaufen seiner kleinen Landwirtschaft. Auf die Leckerei haben die Barsche im Fischtank schon gewartet. Mit einer schnellen Flossenbewegung schwimmen sie heran und saugen die Würmer gierig ein.

Vertikale Gärten fürs Auge

Vertikale Gärten drängen aber nicht nur aus der Selbstversorgerecke ins Stadtbild. Auch designorientierte Architekten haben sie entdeckt. Ihr Nutzen ergibt sich abseits von Fish and Salad. Er liegt in der Begrünung trister Fassaden, im besseren Mikroklima, das sie schaffen, und im Hinschau-Effekt. Renommierte Unternehmen und Institutionen haben sich bereits Außenwände vom Vorreiter des Trends, dem französischen Architekten Patrick Blanc, begrünen lassen, darunter das Musée du Quai Branly in Paris und die Galeries Lafayette in Berlin. Blanc (Foto siehe Seite 1) lässt seine Pflanzen in synthetischem Filz wurzeln, den er einige Male pro Tag über ein Rohrsystem bewässert. Die Wurzeln liegen blank, doch das System funktioniert.

Immer mehr Unternehmen interessieren sich für Blancs „architecture végétale“. Eine grüne Wand – durchaus auch im Innenraum einer feinen Boutique –, soll den Kunden vermitteln, wie grün man handle. Aber aus welcher Motivation auch immer heraus Grün in die Stadt kommt, so gilt doch: Kein Garten ist einer zu viel.

Weitere Info: www.dejavu-linz.at, schwemmland.net; Patrick Blancs Monografie „Vertikale Gärten: Die Natur in der Stadt“, erschienen im Ulmer Verlag.

Aquaponic-Workshop auf der Déjà-vu-Bühne

Um das Thema Urban Microfarming dreht sich das Programm am 5. Juli auf der Déja-vu-Bühne Linz. Bernhard Gilli und Christoph Wiesmayr laden zum Aquaponic-Workshop um 14 Uhr (Anmeldung erwünscht: mitmachen@dejavu-linz.at, 0650/43 08 108). 18 Uhr: Slowfood-Workshop mit Philipp Braun.
19.30 Uhr: Urban-Microfarming-Vortrag von Andy Merrit (UK).
21 Uhr: Film: „Good Food, bad Food“

Die hängenden Gärten der Semiramis

Altgriechischen Quellen zufolge sollen die Hängenden Gärten der sagenhaften Semiramis in Babylon eine aufwändige Gartenanlage am Euphrat gewesen sein. Sie wird als eines der antiken Weltwunder geführt. Die Terrassen des Gartens sollen auf Gewölben gefußt haben, die mit Ziegeln, Asphalt und Bleiplatten gegen durchsickerndes Wasser abgedichtet waren. Paternosterähnliche Bauten oder eine archimedische Schraube sollen das Wasser des Euphrat bis in eine Höhe von 30 Metern gehoben haben, lässt sich aus Ausgrabungen vermuten. Das Bauwerk wird in die Zeit des Königs Nebukadnezar II. datiert.
Darüberhinaus gibt es die These, dass diese Gärten nie existierten, sondern dass Nebukadnezar II. einen unzugänglichen Palastgarten besaß, der in der Fantasie der Autoren im Laufe der Jahrhunderte immer wunderbarere Formen annahm.

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