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Wirtschaft

„Anklagen gegen Manager sind populär“

Von Dietmar Mascher   20. November 2010 00:04 Uhr

Gerhard Roiss
OMV-Vize Gerhard Roiss

WIEN. Der stellvertretende OMV-Chef Gerhard Roiss im OÖNachrichten-Interview über Insiderhandel, eine veränderte Welt, 5000 Tankstellen und den türkischen Botschafter.

OÖN: Gegen den Vorstandsvorsitzenden der OMV wird Anklage wegen Insiderhandels erhoben. Werden Sie ihm nun früher als geplant nachfolgen?

Roiss: Davon kann keine Rede sein. Die Vorwürfe gegen Wolfgang Ruttenstorfer sind absurd und entbehren jeglicher Grundlage. Ich bin persönlich erschüttert, wie leicht es in Österreich ist, eine höchst anständige Person in Misskredit zu bringen. Wolfgang Ruttenstorfer ist ein absolut korrekter, fairer und immer sozial orientierter Kollege. Zudem wird hier nun versucht, ein ganzes Unternehmen zu diskreditieren.

OÖN: Aber die Optik – Aktienkauf und MOL-Verkauf innerhalb weniger Tage – ist nicht gut.

Roiss: Ich verstehe, dass eine Transaktion wie die vorliegende in der Öffentlichkeit als ungewöhnlich rasch empfunden werden kann, aber sie entspricht der Realität. Zumal es sich im vorliegenden Fall nur um einen einfachen Aktientransfer – also eine sehr rasch umsetzbare Transaktion – gehandelt hat. Mir ist bewusst, dass eine Anklageerhebung gegen einen Manager populär ist. Schwer nachzuvollziehen ist, dass jemand die Einleitung eines Verfahrens nach Sichtung der konkreten Faktenlage vorschlägt.

OÖN: Die OMV verändert sich derzeit fast parallel zur Entwicklung des Automobils. Wie rasch wird diese Veränderung vor sich gehen? Schneller als geplant?

Roiss: Entscheidend wird künftig die Gesamtenergiekette in einem Auto: Was verbrauche ich, was gewinne ich zurück? Das Ergebnis wird in den kommenden zehn bis 20 Jahren sehr unterschiedlich ausfallen: Es wird vom Auto mit herkömmlichen Kraftstoffen mit wesentlich geringerem Verbrauch bis zum ganz einfachen batteriebetriebenen Auto reichen, das parallel sowohl in Europa als auch in China entwickelt wird. Angetrieben wird diese Entwicklung durch die Urbanisierung der Welt. Wesentlich ist auch eine bessere CO2-Bilanz in der Mobilität. Der Entwicklungsprozess hat jedenfalls begonnen. Aber bis Elektromobilität massentauglich ist, ist es ein langer Weg, der noch 20 Jahre dauern kann. Auch bei der Elektromobilität ist der Zugang bzw. die Verfügbarkeit von Rohstoffen wichtig, gerade was seltene Rohstoffe betrifft.

OÖN: Mit der Energiepolitik verschieben sich auch die politischen Machtstrukturen.

Roiss: Was die Rohstoffe und was den Wettlauf der Technologien betrifft.

OÖN: Es wird 2025 also nicht die eine Technologie geben, die sich durchgesetzt hat.

Roiss: Sicher nicht. Und es wird auch einen Unterschied machen, ob man am Land oder in einer Zehn-Millionen-Stadt wohnt.

OÖN: Energie bleibt eines der weltweit wichtigsten Themen. Welche Rolle spielt Energieeffizienz im Vergleich zu den Rohstoffen?

Roiss: Früher wurde Technologie aus anderen Gründen entwickelt, heute geht es darum, Kosten- und Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Diese Entwicklung wird sich weiter beschleunigen und mehrdimensionaler. Die Karten werden neu gemischt, Aufgaben werden arbeitsteiliger. Das macht die politische Balance stabiler, die Welt ein wenig friedlicher.

OÖN: Welche Rolle spielt die OMV in dieser Entwicklung? Als Sie zum Nachfolger von Wolfgang Ruttenstorfer designiert wurden, habe Sie erwähnt, die OMV werde sich vom Öl- und Gaskonzern zu einem Energiekonzern entwickeln. Zusätzlich ist die Konzern-Tochter Borealis beim Kunststoff Vorreiter.

Roiss: Über die Borealis sind wir am Thema E-Mobilität in China, Korea und Indien beteiligt, gleichzeitig arbeiten wir mit der europäischen Autoindustrie zusammen. Die OMV hat das erste Windkraftwerk in Rumänien in Bau. Wir bauen dort, wo es Sinn macht. Darüberhinaus befassen wir uns auch mit der Frage des Wasserstoffs, Gas und Energieeffizienz. Wir sind in einer Phase der Veränderungen in der Mobilität, und das spielt auch für unsere Tankstellen eine große Rolle.

OÖN: Eigentlich müsste Ihr Treibstoffabsatz zurückgehen.

Roiss: Die Mobilität in Europa wächst noch. Aber es stimmt, durch gesteigerte Effizienz der Autos und auch durch die biogene Beimischung zum Treibstoff zeichnet sich ein Rückgang ab.

OÖN: Wie reagieren Sie?

Roiss: Unsere Strategie ist es, mit unserem VIVA-Konzept auf Service und Qualität zu setzen. Wir bieten nicht nur Tanken und Autowäsche, sondern auch den Shop, die Gastronomie und weitere Dienstleistungen.

OÖN: Das haben andere auch.

Roiss: Wir heben uns in Qualität als auch im Angebot ab – über Bioprodukte, die Kooperation mit Sarah Wiener, den besten Kaffee. Also Genuss. Mit 170 VIVA-Shops sind wir die größte Kaffeehaus-Kette des Landes. Wir haben ein Dienstleistungssegment aufgebaut. Mit der Erste Bank haben wir Minibanken, über Western Union kann man Geld weltweit rasch versenden. Und wir haben eine Kooperation mit der Post. Ein Kunde kann mit einem Weg viele Dinge auf einmal erledigen.

OÖN: Wie wirkt das Konzept?

Roiss: Der Markt in Österreich schrumpft um drei Prozent, dennoch verkaufen wir sechs Prozent mehr Treibstoff an OMV-Tankstellen mit VIVA.

OÖN: Potenzial haben Sie ja genug. Schließlich haben Sie gerade Ihr Tankstellennetz verdoppelt.

Roiss: Als ich 2000 die Verantwortung für diesen Bereich übernommen habe, hatten wir 1000 Tankstellen, zuletzt 2500. Mit der Übernahme der türkischen Petrol Ofisi haben wir nun 5000.

OÖN: Was macht die Türkei für Sie so reizvoll?

Roiss: Es ist ein Wachstumsmarkt mit bald 100 Millionen Einwohnern. Und die Türkei ist die Basis für Aktivitäten in den angrenzenden Regionen, wo große Öl- und Gasvorkommen sind. Die Türkei ist das China Europas.

OÖN: Der türkische Botschafter in Österreich hat mit seiner Kritik an der Integrationspolitik Aufsehen erregt. Soll man die Türkei in die EU aufnehmen?

Roiss: Grundsätzlich braucht es Toleranz auf beiden Seiten und Integrationswillen. Im Zuge dessen sind auch kantigere Worte zu akzeptieren. Wir bekennen uns zur wirtschaftlichen und kulturellen Integration.

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