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Ski Alpin

Aus der zweiten Reihe in das Rampenlicht

20. Dezember 2021 00:04 Uhr

Aus der zweiten Reihe in das Rampenlicht
Otmar Striedinger (li.) trennten im Gröden-Klassiker nur 14 Hundertstel von Sieger Bryce Bennett.

GRÖDEN/VAL D’ISERE. Bryce Bennett, Otmar Striedinger, Mirjam Puchner und Patrick Feurstein lassen die arrivierten Ski-Asse zittern.

Bryce Bennett (USA) vor Otmar Striedinger (Ö) und Niels Hintermann (Sui) – wer beim ersten Abfahrtsklassiker dieser Skisaison in Gröden auf dieses Stockerl gewettet hätte, hätte sich eine goldene Nase verdient.

Am Samstag schlug den Männern aus der zweiten Reihe auf der Saslong die große Stunde, die Arrivierten mussten sich hinten anstellen, Aleksander Aamodt Kilde (Nor) fuhr gar vor der Ziellinie in die Garage. "So ist der Sport – unberechenbar", sagte der Topfavorit, der im Training geglänzt und den Super-G gewonnen hatte.

Auch wenn der Gramastettner Vincent Kriechmayr (14.) und der Nußdorfer Daniel Hemetsberger (21.) im geschlagenen Feld landeten, war es – zumindest auf dem Materialsektor – ein erfolgreicher Renntag für Oberösterreich. Die Innviertler Skifirma Fischer, die bei der alpinen WM 2021 in Cortina d’Ampezzo ohne Medaille geblieben war, meldete sich eindrucksvoll zurück. Leo Mussi ist Bennetts Servicemann und darf für sich den inoffiziellen Titel des "Mister Gröden" beanspruchen.

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Patrick Feurstein wurde Vierter.

Zum achten Mal präparierte der Südtiroler Siegerlatten im Val Gardena. Viermal stellte Mussi hier die Weichen für Kristian Ghedina (Ita), dreimal für Steven Nyman (USA) und jetzt eben für Bennett, der seinen ersten Weltcup-Triumph mit einem kräftigen Schluck aus der Champagnerflasche zelebrierte.

"Leo arbeitet so hart für mich, er ist mein europäischer Vater. Seine Mama kocht für mich Pasta", adelte der US-Champion den Mann aus der Fischer-Equipe. Bennett und Gröden, das ist eine Liebesbeziehung. 2018 und 2020 war der heute 29-Jährige als Vierter schon ziemlich nah am Podest dran, mit einem Sieg hat er aber nicht einmal in seinen kühnsten Träumen gerechnet.

"Ich war die ganze Saison eher langsam unterwegs. Es war eine Überraschung", sagte Bennett, der in den Übersee-Abfahrten als 26. (Lake Louise) und 22. (Beaver Creek) nicht einmal in die Top 20 gefahren war.

"Gefühl vom BMX-Fahren"

In Gröden drehte sich das Blatt, weder die Kamelbuckel noch die ruppige Ciaslat (mit anspruchsvollen Kurven und Bodenwellen) vermochten Bennett aus der Bahn zu werfen. "In meinem ganzen Leben ging es darum, wer am dümmsten von Sachen runterspringen kann. Das Gefühl, das man hier braucht, habe ich vom BMX-Fahren", erläuterte der 2,01-Meter-Mann aus Kalifornien.

Den zweitplatzierten Striedinger, der wie Kriechmayr bei seinem zweiten WM-Titel mit Nummer 1 ins Rennen gegangen war, trennten nur 14 Hundertstel von seinem ersten Weltcuperfolg. "Ich war jetzt schon ein paar Mal ganz nah dran, aber ich werde mich nicht beschweren", sagte der Kärntner, der auf Salomon abfährt. Diesmal vielleicht mit der Wut im Bauch.

Die Nichtnominierung für den Super-G am Freitag hat den Kärntner ziemlich gewurmt. Bleibt er konstant, können ihn die Trainer nicht übersehen.

Sofia Goggia ist die Gejagte

Mirjam Puchner hat sich nach einer Leidenszeit ebenfalls in der Weltspitze zurückgemeldet. Der gestrige Super-G in Val d’Isere war zwar mit Rang 21 zum Vergessen, dafür hatte sie zuvor in der Abfahrt bereits ihren dritten dritten Rang in diesem Winter herausgefahren. In Summe sind das heuer mehr Stockerlplätze als in all den Jahren zuvor (zwei Siege). 2016 war Puchners Stern mit dem Abfahrtssieg in St. Moritz aufgegangen, im Schweizer Nobel-Skiort wäre ihre Karriere ein Jahr später nach einem Trainingssturz am 8. Februar 2017 beinahe zu Ende gegangen. Ein Schien- und Wadenbeinbruch warf die Salzburgerin aus der Spur.

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Sofia Goggia und Mirjam Puchner

Jetzt belohnt sich Puchner für ihre unermüdliche Arbeit. "Ich habe mich schon in der Vorbereitung sehr gut gefühlt und mir so mein Selbstvertrauen für die Rennen geholt." Jetzt gilt es nur noch, ein Rezept gegen Sofia Goggias Dominanz zu finden.

"Irgendwann kriegen wir sie schon", sagte Puchner über die Italienerin, die in Val d’Isere mit dem Double aus Abfahrt und Super-G ihre Saisonsiege vier und fünf feierte. "Ich bin überglücklich. Im Moment kann ich mich über nichts beklagen", betonte Speed-Queen Sofia. Im Gesamt-Weltcup führt Goggia 65 Punkte vor Mikaela Shiffrin (USA), die in den beiden Riesentorläufen in Courchevel (morgen und am Mittwoch) den Spieß umdrehen kann.

Patrick Feurstein hat zwei Europacup-Rennen gewonnen, der Durchbruch im Weltcup ließ aber bis gestern auf sich warten. Beim Riesentorlauf in Alta Badia kam dem 25-jährigen Vorarlberger ein Traumlauf aus, mit dem er sich vom 27. auf den vierten Platz vorkatapultierte. Für Feurstein ist das ein kleines vorweihnachtliches Wunder, hat er doch die komplette Saison 2020/21 wegen chronischer Kopfschmerzen in Folge einer Nervenentzündung verpasst.

"Es ist so wunderschön, ich kann es gar nicht glauben. Ich bin so froh, dass ich wieder zurück bin", sagte Feurstein, der in der Technik-Gruppe von Ferdinand Hirscher, dem Papa von Ex-Star Marcel Hirscher, trainiert.

Jetzt werden die Früchte der Arbeit geerntet. Hoffentlich frei von Beschwerden. (alex)

Mehr über Gröden-Sieger Bryce Bennett in der Rubrik "Menschen" auf Seite 4

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