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So sehen Sieger aus - Die Geschichten hinter den Akteuren

Von Christoph Zöpfl aus Tokio   06. September 2021 00:04 Uhr

Alexander Gritsch
Der Tiroler Alexander Gritsch gewann in Tokio zwei Bronzemedaillen.

TOKIO. Die Paralympics in Tokio haben in den vergangenen Tagen dem "Schneller, Höher, Weiter" eine tiefere Bedeutung gegeben. Man erlebte auch Weltspiele der Lebenskunst. Beispiele gefällig?

Die Geschichten hinter den Akteuren, die in der vergangenen Woche auf der paralympischen Bühne in Tokio die mehr als verdiente, aber sonst eher sehr seltene weltweite Aufmerksamkeit bekamen, sind bewegend. Und das völlig unabhängig davon, ob der Name ganz vorne oder ganz hinten in der Ergebnisliste steht. Gestern wurden die Spiele in Tokio feierlich beendet. Wir geben zum Finale sechs von mehr als 4000 besonderen Geschichten ein Gesicht.

Alfredo de los Santos

Alfredo de los Santos

Der US-Veteran verlor 2008 bei einem Granatenangriff in Afghanistan seine Beine und leidet immer noch unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Neben der Malerei – der 51-Jährige hat in New York Grafik und Design studiert – ist der Sport für ihn zu einer wichtigen Lebenshilfe geworden. In Tokio belegte der Handbiker in seiner Klasse die Plätze fünf und sechs. Lieber, als über die aktuelle Entwicklung in Afghanistan, spricht er in der Mixed-Zone über den Umgang mit seinem Schicksal. "Die Behinderung ist ein Segen für mich. Ich bin in der besten Form meines Lebens und mehr mit meiner Familie verbunden als zuvor. Früher war das Leben für mich eine Selbstverständlichkeit. Jetzt nicht mehr." In der Staffel brachte de los Santos im Teambewerb am Donnerstag für die USA die Bronzemedaille über die Ziellinie.  

Parfait Hakizimana

Parfait Hakizimana

Der 33-jährige Taekwondo-Sportler stammt aus Burundi und ist in Tokio Mitglied des Flüchtlingsteams. Als er acht Jahre alt war, wurde im Bürgerkrieg seine Mutter erschossen, er selbst erlitt beim Überfall eine schwere Handverletzung. Hakizimana landete in einem Flüchtlingslager in Ruanda, das seine Heimat wurde. Mit 16 begann er dort mit dem Taekwondo-Sport, später baute er im Mahama-Camp, in dem 60.000 Flüchtlinge leben, einen Taekwondo-Klub auf, in dem er schon mehr als tausend Flüchtlingskinder trainiert hat."Flüchtlinge haben nicht viel. Aber der Sport hilft ihnen, ihre Sorgen zu vergessen", sagt Hakizimana. Das "Refugee Team" bei den Paralympics in Tokio repräsentiert 82 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Zwölf Millionen von ihnen leben mit einer Behinderung. Hakizimana gewann in Tokio zwar keine Medaille, aber viel Anerkennung und Bewunderung. Mitleid hat bei den Paralympics keinen Platz. 

Morteza Mehrzadselakjani

Morteza Mehrzadselakjani

Der Iraner ist mit 2,46 Metern der zweitgrößte Mensch der Welt und im Sitzvolleyball damit eine überragende Erscheinung. Er blockt Bälle bis zu 1,96 Meter Höhe, seine Spannweite beträgt 2,30 Meter. Einen Protest anderer Länder gegen den Einsatz des Sitzriesen schmetterte das Internationale Paralympische Comité ab.Mit 15 zog sich Mehrzadselakjani bei einem Sturz mit dem Fahrrad einen Beckenbruch zu. Ohne Krücken oder Rollstuhl kann er sich kaum fortbewegen. Der Sport zog ihn aus einer tiefen Depression. "Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis und traute mich nicht hinaus auf die Straße. Volleyball hat mein Leben verändert", sagt Mehrzadselakjani. Seine Mannschaft hat bei den Paralympics auf dem Weg ins heutige Finale noch keinen Satz verloren. 

Fleur Jong

Fleur Jong

Mit 17 erlitt die Niederländerin eine Blutvergiftung, die man zunächst für einen grippalen Infekt gehalten hatte. Nach einem toxischen Schock verlor sie den rechten Fuß, Teile des linken Fußes und Teile von acht Fingern. Später musste der auch linke Fuß amputiert werden. Jong, die vorher Turniere tanzte, wurde bei einem Talentetag des Niederländischen Paralympischen Comités entdeckt. Die Leichtathletik wurde zur Passion, das Weitspringen zur großen Liebe. In Tokio gelang ihr beim letzten, goldenen Sprung der Weltrekord (6,16 Meter). Ihr Siegerlächeln überstrahlte den Glanz der Medaille. Ihre olympischen Gedanken drückt die 25-Jährige so aus: "Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich mein Leben wieder aufnehmen würde, aber die Art und Weise war eine echte Überraschung, und was für eine."

Beatrice "Bebe" Vio

Beatrice "Bebe" Vio

Mit elf Jahren bekam Beatrice "Bebe" Vio im Fechttraining häufig Kopfschmerzen. Die Ärzte diagnostizierten eine bakterielle Gehirnhautentzündung (Meningitis), die kleine Italienerin musste um ihr Leben kämpfen. 104 Tage verbrachte sie im Krankenhaus, wo ihre Beine und beide Unterarme amputiert werden mussten. Trotzdem trug Vio bei der Eröffnungsfeier in Tokio stolz die Fahne des italienischen Teams, trotzdem holte die Fechterin ohne Hände und Beine bei den Paralympics wie schon 2016 in Rio Gold. Dazu kam Silber im Teambewerb.Neben dem Sport ist Vio TV-Moderatorin, Vortragende bei Motivationsseminaren, Buchautorin und Model. Ihrem Instagram-Account folgen 1,1 Millionen Menschen. Vor zwei Jahren kam in Italien eine "Bebe"-Barbiepuppe auf den Markt. "Ich bin eine glückliche Frau. Mir geht es sehr gut mit meinen vier Beinpaaren, meinen Händen von Robocop und meinen Narben im Gesicht. Ohne sie würde ich mich gar nicht wiedererkennen", sagt die junge Frau aus Mogliano Veneto, die einmal Präsidentin des Italienischen Paralympischen Comités werden will. Königin der Herzen ist sie schon.

Ibrahim Hamadtou

Ibrahim Hamadtou

Der Ägypter war mit 13 Jahren unter einen Zug geraten und verlor beide Arme. In Japan absolvierte der inzwischen 48-jährige Tischtennis-Akrobat nach Rio seine zweiten Paralympics. Seine Spielart: Er wirft mit den Zehen den Ball in die Luft, den Schläger hält er in seinem Mund. In Tokio gewann er kein Spiel, aber den Respekt seiner Gegner. Seine Körpersprache ruft unüberhörbar einen Satz: "Nichts ist unmöglich!"   

Omara Durand

Omara Durand

Die "Queen of Speed" gilt seit den Spielen in London 2012 als schnellste Frau der Welt. Die stark sehbehinderte Kubanerin wird bei ihren Sprints über 100, 200 und 400 Meter stets von einem männlichen Schatten begleitet. Seit Jahren folgt ihr Yuniol Kindelan auf Schritt und Tritt. Die synchronen Abläufe der Rennen machen sprachlos. Ein zehn Zentimeter langes Band hält sie dabei zusammen, ihre stärkste Verbindung ist ein blindes Vertrauen.2012 in London war man zu dritt zu zwei Goldmedaillen unterwegs. Durand wusste damals nichts von ihrer Schwangerschaft. Nach der Geburt ihrer Tochter Erika nahm die 29-Jährige wieder Tempo auf. In Rio holte sie dreimal Gold, in Tokio sind sie und ihr Schattenmann ebenfalls über 400, 200 und 100 Meter der Konkurrenz davongelaufen. Mit ihren Bestzeiten (11,40 Sekunden über 100, 23,03 Sekunden über 200 sowie 51,77 Sekunden über 400 Meter) würde Durand bei österreichischen Meisterschaften kaum zu schlagen sein. 

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