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Hautes-Alpes: Tränen und Schweiß am Rad

Von Josef Lehner  18. September 2021 00:04 Uhr

Hautes-Alpes: Tränen  und Schweiß am Rad
Josef Lehner auf den Spuren der Tour

Giro d’Italia, Tour de France und Vuelta sind die "Großen Drei" der Radrundfahrten. Zuletzt rollten die Profi-Teams durch Spanien, die Tour-de-France-Etappen in den französischen Alpen können auch Hobbyradler erleben. Eine Erinnerung von Josef Lehner.

Die Skiresorts sind mit Beton und Holz auf die Berghänge gepatzt und beleidigen das Auge des Naturfreundes. Wild aus Felswänden ragen Seilbahnstützen. Hoch schießen die Mauern der Stauseen auf. Die Berge Savoyens sind Inbegriff touristisch eroberter und gequälter Alpinlandschaft. Sie wirken im Winter sicher einladender. Trotzdem ist es ein Traum, im kurzen Gebirgssommer ihre berühmten Passstraßen zu befahren.

Wenn im Juni das letzte Weiß wegapert, gehört das Land für einige schneefreie Wochen den Freunden der Bergstraßen. Das ist aber selbst im Hochsommer nicht garantiert, denn die kühnsten Kehren führen wie jene zum Col de l’Iséran fast bis auf 2800 Meter, genau 2770, hinauf. Da kann nicht einmal das Stilfserjoch mit seinen 2757 Metern ganz mithalten.

Wer frühmorgens in Séez, zu Füßen des Kleinen St. Bernhard, startet, befindet sich erst auf 900 Metern Seehöhe und hat allein bis in den mondänen Skiort Val d’Isère fast 1000 Höhenmeter und 27 Kilometer Anstieg vor sich. Links und rechts grüßen die Bergriesen mit Gipfeln knapp am Viertausender, Gletscherwasser schießt über hohe Felsabstürze und kühlt die Radler. Im Rücken wacht das Mont-Blanc-Massiv.

Hautes-Alpes: Tränen  und Schweiß am Rad
Josef Lehner auf den Spuren der Tour

Nach der großen Skistation Val d’Isère entfaltet sich die Almlandschaft in ihrer ganzen Schönheit. Am Gegenhang zieht eine dicht gedrängte Herde von Schafen langsam dahin; sie sieht aus wie eine weiße Wolke, die der Wind treibt. Vor der Passhöhe wird den Pedalisten das Letzte abverlangt. Über 2500 Metern wird die Luft dünn, der Puls wandert in den anaeroben Bereich. Umso prächtiger ist dann von oben der Ausblick.

Frischer Asphalt für "La Tour"

Ins Tal Richtung Süden geht es nicht weniger spektakulär. Anfangs scheint das Land vor dem Abfahrer wegzubrechen, so wuchtig sind diese Berge aufgetürmt. Die Straßen entlang der Routes des Alpes sind großteils gut ausgebaut. Jedes Jahr werden die Beläge überall dort, wo die Tour de France durchrollt, großzügig asphaltiert. Trotzdem ist immer Vorsicht angesagt, weil über 2000 Metern jedes Sommergewitter die Piste beschädigen kann. Achtung: Leitschienen sind oft nicht vorhanden. Leider sind zur selben Zeit wie die Pedalisten auch die Motorradfahrer in Scharen unterwegs, und das bedeutet viel Lärm und Gestank.

Lance Armstrong und Mauro Pantani im Jahr 2000 in der legendären Steinwüste des Mont Ventoux

Die Route führt nun ins Tal de Maurienne, mit legendären Durchfahrtsorten der Tour de France wie St. Jean oder St. Maurice. Wenn der Peloton hier durchrollt, jubeln die Massen am Straßenrand. Die Demoiselles, die jungen Schönheiten also, sitzen in den Straßencafés und trinken gesalzenen Kaffee. Warum? Weil ihnen die Tränen, die sie für ihre gestürzten oder gescheiterten Helden weinen, in die Tassen rinnen. So hat es jedenfalls der deutsche Schriftsteller Hans Blickensdörfer in seinem Tour-Roman "Salz im Kaffee" beschrieben.

Die Salzkrusten, die sich auf der Haut des Radlers bilden, rühren meist nicht von Tränen, sondern vom Schweiß. Der fließt auf den Auffahrten, die aus dem Maurienne-Tal hinausführen, reichlich, etwa zum Col de la Madeleine, zum Col de la Croix de Fer und vor allem zum Col du Galibier. Er ist mit 2642 Metern nicht nur einer der höchsten Pässe, sondern einer der steilsten und längsten. Vor allem darf der Col de Télégraphe nicht unterschätzt werden, der ihm vorgelagert ist und schon 900 Höhenmeter abverlangt.

Nach der Zwischenabfahrt in den netten Wintersportort Valloir kurbeln wir ein langes, wunderschönes Trogtal hinauf. Hier darf der Sportler nicht überdrehen, denn erst nach zehn Kilometern geht es wirklich rasant und anhaltend nach oben zum Galibier. Die letzten 1000 Meter zum Col sind zäh, doch wir Hobbyradler können ja oben verschnaufen und den Ausblick genießen. Der Profi muss sich dagegen sofort in Höllentempo ins Tal stürzen.

Von Grenoble auf die Alpe d‘Huez

Bergab surren nun die Speichen. Vorerst geht es zu einem vorgelagerten Pass, dem Col du Lautaret. Der Genießer trinkt hier gemütlich einen Kaffee, zu Füßen des imposanten La Meije (3982 m) – einer der spektakulärsten Gipfel der Alpen mit einem wuchtigen, rasch schrumpfenden Gletscher. Dann rollt er hinunter in Richtung der Olympiastadt Grenoble. Schon nach rund 30 Kilometern wartet die große Herausforderung, die lange und ziemlich steile Auffahrt nach L’Alpe d’Huez, die legendärste Bergankunft der Tour de France.

Legendäre Szene: Christopher Froome lief 2016 mit Defekt Richtung Ziel.

Rasch ist klar, was diesen Ruf prägt: Diese Skistation liegt üblicherweise am Ende einer langen, kräftezehrenden Tagesetappe, und meist legt sich über die 21 Kehren mit 15 Kilometern Anstieg die sengende Nachmittagssonne. Jeder Rouleur hat seine eigene Taktik, um sich unter solchen Leiden bis zur Zielankunft zu motivieren. Einer orientiert sich am Höhenmesser, um sich Meter für Meter nach oben zu schrauben, ein anderer zieht die Distanzen heran. Noch zehn Kilometer, noch neun … noch einen – geschafft.

Felsen und Wasserscheide

Weniger ein sportlicher Genuss, denn ein Augenschmaus ist ein Stück südlich der Col d’Izoard. Die Route führt durch eine wüstenartige Felslandschaft, die Casse Déserte. Die eigentliche Krönung jeder Radtour in den französischen Alpen sollte jedoch der allerhöchste Pass sein, der Col de la Bonette, mit dem die Wasserscheide zum Mittelmeer genommen wird.

Verdiente Pause vor der La Meije in der Kulisse der Westalpen-Bergriesen

Diese Wasserscheide wäre eigentlich kurz davor mit dem Col de Restefond auf 2692 Metern erreicht. Die Franzosen befanden jedoch, dass sie den allerhöchsten Pass Europas ihr Eigen nennen müssen und zogen noch eine Schleife um den Bonette-Gipfel, womit sie die 2800er-Marke um zwei Meter übertrumpften.

Der Ausblick ist natürlich atemberaubend, die Abfahrt stürmisch. Der Mistral fordert die Lenkkräfte des Radlers. Nun sind es nur noch 110 Kilometer bis zum Ziel am Mittelmeer. 1964 gewann übrigens der legendäre Jacques Anquetil die Tour-Etappe über den Riesen, 245 Kilometer von Briancon bis Monaco. Wir haben uns dafür zwei Tage gegönnt. Radfahren muss auch Spaß machen. Schweiß ja, Tränen nein.

Die Verrückten vom Mont Ventoux

Der sagenumwobene Mont Ventoux, den der Renaissance-Dichter Petrarca am 26. April 1336 bestiegen und beschrieben hat, zählt nicht mehr zu den klassischen Alpenpässen, weil er tief unten in der Provence liegt. Der kahle Gipfel ist gegenüber den Riesen der Hautes-Alpes schier lächerliche 1909 Meter hoch. Gefürchtet ist er erstens wegen des kahlen Gipfels; die letzten Kilometer müssen ohne beschattende Bäume emporgestrampelt werden. Außerdem tobt oft stürmischer Wind, meist der Mistral. Der Gipfel kann über drei Routen erreicht werden, von Sault, von Bédoin oder von Malaucène. Wer alle drei Auffahrten an einem Tag nimmt, darf sich zum Club des Cinglés zählen, dem Verein der Verrückten – 135 Kilometer und 4531 Höhenmeter.

Radler am Gipfel: 1909 Meter!

Die schönsten Pässe

Die touristische Route des Grandes Alpes führt über 21 Pässe und rund 600 Kilometer, vom Genfer See bis ans Mittelmeer. Eine sehr subjektive Auswahl:
Col de l’Iseran, 2770 m, beeindruckende Auffahrt über Val d’Isère
Col du Galibier, 2757 m, Monument der Radhelden
Col d’Izoard, 2361 m, mit der wüstenhaften Casse Déserte
Col de Vars, 2109 m, gemächlicher Berg mit schönem See
Col de la Bonette, 2802 m, mit einem Trick höchster Pass Europas

Trainingstipps vom Profi: FORM

Man muss nicht beim Giro d’Italia oder der Tour de France mitfahren, es genügt auch die Ausfahrt mit Freunden am Wochenende: Schon beginnt man mit ein wenig Ehrgeiz nach Möglichkeiten zu suchen, um besser zu werden, schneller, stärker am Berg, mehr Power im Sprint.

Dazu gibt es unzählige Trainingsbücher, aber Tom Danielson hat nach 15 Jahren Profikarriere doch einiges an Erfahrung und bringt mit seinen Trainingscamps seit Jahren Radfahrer aller Alters- und Leistungsgruppen nach seiner FORM-Methode voran. Seine eigene Karriere war 2004 und 2012 von halbjährigen Dopingsperren unterbrochen, später wurde er wegen Testosteron-Einnahme für drei Jahre gesperrt: Er beteuerte seine Unschuld, es sei eine Beimengung in Nahrungsergänzungsmitteln gewesen, von der er nichts gewusst habe.

Danielson definiert neben dem rein körperlichen Ausdauertraining auch den psychologischen Aspekt im Radsport als eigene Säule seiner FORM-Theorie um Fitness, Ausführung, Ernährung und Konzentration, die er zusammen mit Ehefrau Kourtney erarbeitet hat: Sehr amerikanisch, sehr weitschweifig und detailverliebt, aber für ambitionierte Radfahrer jedenfalls eine motivierende Lektüre mit vielen Renn-Erinnerungen und Beispielen aus der Praxis. Wer Schwierigkeiten mit den elf (!) verschiedenen „Powertrain-Zonen“ hat, kann sich ja mehr auf die vier verschiedenen „Mindsets“ konzentrieren. Jedenfalls findet jeder begeisterte Radfahrer hier Aspekte, die ihm/ihr weiterhelfen – bis zur Typenanalyse und zum Trainingsplan.

Artikel von

Josef Lehner

Redakteur Wirtschaft

Josef Lehner
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