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Nicht genügend in Leibeserziehung – Nebenwirkung des Informationszeitalters

Von Anton Innauer   02. Mai 2012 00:04 Uhr

Dass viele Grundschüler nicht koordiniert laufen, keinen Purzelbaum mehr machen können oder turnbefreit sind, ist für PISA-Tester noch irrelevant. Sportvereine können längst nicht mehr aus einem vollen Talente-Pool bewegungshungriger Kinder schöpfen, und das ist noch das kleinere Übel. Die jüngste Menschheitsgeschichte legt ein monströses Zeugnis darüber ab, wie unsere Spezies nicht nur mit der uns umgebenden Natur, sondern auch mit der Natur in uns umzugehen pflegt. In der globalisierten Welt, inmitten des abenteuerlichen Informations- und Warenstroms, wird der eigene Körper immer rätselhafter und fremder. Viele sind überrascht von den Reaktionen der im Sitzen verkümmernden Biologie, die nicht auf Mausklicks reagieren mag.

Es war ein Privileg der besseren Leute, ein Zeichen für Wohlstand, sich Fett anzuessen, um sich vom hungernden Durchschnitt abzuheben. Wäre das immer noch so, dann gäbe es keine volkswirtschaftlich bedrohlich anschwellende Adipositas-Welle. Fettlawinenwarnstufe 4 geht nicht von der prozentuell verschwindend kleinen Schicht der wirklich Reichen aus, die haben längst andere, teilweise nicht weniger fragwürdige Statussymbole entdeckt. Körperliche Gesundheit korreliert signifikant positiv mit dem Bildungsgrad, also mit der Fähigkeit, sich ein annähernd stimmiges Bild von den Zusammenhängen zwischen Essen, Bewegung und Stoffwechsel machen zu können. Den – oft empörend irreführenden – Werbeversprechungen steht eigenes Urteilsvermögen gegenüber, es werden rechtzeitig Expertenratschläge eingeholt und lebensqualitätssteigernd umgesetzt.

Überlegungen zur „Fettsteuer“ in Industrieländern, Bonus-Malus-Systeme bei Krankenversicherungen oder EU-Richtlinien zur Verhinderung irreführender und falscher Kennzeichnung auf Nahrungsmitteln sind untrügliche Zeichen: Da läuft etwas – nicht nur in den USA! – systematisch und besorgniserregend aus dem Ruder. Es zeigen sich die Nebeneffekte eines allzu freien Marktes, aber auch die Grenzen seiner Regulierbarkeit. Vitale Gesundheit war einst von der Jugend gepachtet. Später wurde sie an Grundwissen und Eigenverantwortung des Individuums gebunden und ist trotz Fettabsaugen und plastischer Chirurgie noch immer nicht zu kaufen. Unsere Bildungssysteme sind auch hier gefordert, die tägliche Bewegungseinheit in den Grundschulen eine vorausschauende volkswirtschaftliche Notwendigkeit.

Meine leibeserziehenden Studienkolleg(inn)en stehen mit Schülern aus der Digital-Nativ- und Fertiggericht-Generation vor Herausforderungen, auf deren Ausmaße wir nicht vorbereitet wurden. Die Probleme zunehmender Fettleibigkeit, schockierend zunehmender Bewegungsunlust und Jugenddiabetes gehören nicht mehr dem Sportlehrer allein, sondern mittelfristig einer gesamten Gesellschaft und ihrem Bildungs- und Gesundheitssystem.

Anton Innauer schreibt regelmäßig seine Kolumne „Adlerperspektive“ in den OÖNachrichten.

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