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Fußball Österreich

Verkehrte Fußball-Welt in Oberösterreich

Von Raphael Watzinger und Günther Mayrhofer   14. Dezember 2021 07:31 Uhr

Ante Bajic
Die SV Ried überwintert vor dem LASK als bestes OÖ-Team der Herbstsaison. 

LINZ/RIED. Während die SV Guntamatic Ried aktuell in den Top-Sechs steht, ist der LASK der "Abstiegsgruppe" näher.

Der Herbst des LASK

Es war ein schwieriges Jahr", sagte LASK-Trainer Andreas Wieland nach dem 31. und letzten Pflichtspiel im Herbst. Durch das 3:2 bei der Austria bleibt vor den letzten vier Runden des Grunddurchgangs der Bundesliga im Frühjahr die Meistergruppe zumindest noch in Reichweite. Der Sieg fixierte wohl endgültig, dass er Trainer bleibt. In der siebenten Runde hatte er von Dominik Thalhammer übernommen und das sinkende Schiff stabilisiert. Für einen Platz unter den ersten sechs muss sich nach einem verlorenen Fußballjahr aber vieles ändern.

Verlorene Leitkultur: Mit den Abgängen von Gernot Trauner und Reinhold Ranftl kam dem LASK nicht nur Qualität, sondern auch Mentalität abhanden. Es schlich sich Bequemlichkeit ein – anstatt wie zuvor auf dem Platz und abseits dessen einen Schritt mehr zu machen als notwendig. Es beginnt mit Zusatzschichten in der Kraftkammer und endet bei leistungssportgerechter Ernährung. Die überlegene Fitness, die den LASK einst auszeichnete, wurde schon individuell vernachlässigt.

Verlorene Leistungsträger: Nicht nur Trauner und Ranftl fehlten, auch Marko Raguz kam nach seinem Kreuzbandriss im Herbst nicht auf die Beine. Andreas Gruber ist nach der gleichen Verletzung auf dem Weg zurück. Philipp Wiesinger und Petar Filipovic haben verletzungsbedingt die Hälfte der Spiele versäumt. Dazu kamen zahllose Muskelverletzungen und Corona-Zwangspausen. Im Spiel der Europa Conference League gegen Alashkert blieben etwa nur noch 14 Feldspieler übrig.

Lukas Grgic
In einem turbulenten Spiel erzielte Lukas Grgic das Siegtor für die Linzer.

Verlorene Identität: Thalhammer wollte den LASK zu mehr Ballbesitz erziehen. Der Kader war auf den Pressingstil ausgerichtet, das Projekt scheiterte. Wieland begann seine Mission, den LASK wieder zur alten Stärke zu führen, mit einer Hypothek: Ballbesitzfußball, auf den die Mannschaft in der Vorbereitung eingestellt wurde, erfordert andere physische Voraussetzungen im Gegensatz zum sprintintensiven Pressing. Die notwendigen Abläufe hatten die Spieler zwar noch im Kopf, die Beine gaben aber die nötigen Wege nicht mehr her. Das erklärt unter anderem die oft großen Unterschiede zwischen zwei Halbzeiten. Der eine Schritt weniger öffnete Lücken in der Defensive.

Verlorene Effizienz: Der LASK erspielte die zweitmeisten Torchancen, die Verwertung war das große Problem. Als einzige Mannschaft blieben die Athletiker ohne Kopfballtor. Die einstige Stärke bei Standardsituationen ist dahin. Die Fehlschüsse kosteten Selbstvertrauen und Punkte.

Verlorenes Händchen: Jeder Zugang hat es in einem kriselnden Team schwer. Von den zehn Neuen war einzig Sascha Horvath ein Gewinn. Der dauerverletzte Christoph Monschein erwies sich als Flop. Dario Maresic fehlte neben Spielpraxis auch die Matchfitness. Der LASK wird mit zumindest einem Verteidiger und einem Stürmer nachbessern. Schlagen die Zugänge ein und werden die Leistungsträger fit, kann in Bestbesetzung der Einzug in die Meistergruppe gelingen.

Der Herbst der SV Ried

Rieds Interimstrainer Christian Heinle übergibt die Mannschaft mit einer Top-Ausgangsposition an seinen Nachfolger Robert Ibertsberger. Das hat die Innviertler im Herbst so stark gemacht:

Neue Heimstärke: Den Grundstein der starken Herbstsaison legten die Innviertler in der heimischen Josko-Arena: Seit 14 Partien – seit dem 14. März 2021 (0:3 gegen den LASK) – ist die SV Ried vor eigenem Publikum ungeschlagen. 19 der 24 eingespielten Punkte holte Ried daheim. In der aktuellen Saison könnte man einen Rekord einstellen: Die längste Serie ohne Niederlage datiert aus der Saison 2008/2009. Damals verließ Ried unter dem damaligen Coach Paul Gludovatz in insgesamt 20 Partien den Platz nicht als Verlierer. So erfolgreich die Innviertler als zweitbestes Heimteam hinter Salzburg aufgetreten sind, so schwach war dies auf fremden Plätzen: Nur fünf Punkte in neun Runden – letzter Platz in der Auswärtstabelle.

Neue Identität: Der krankheitsbedingte Ausfall des ursprünglichen Cheftrainers Andreas Heraf bot den Riedern eine Chance – unter Interimstrainer Heinle bekamen die Wikinger ein Facelifting verpasst. Während Herafs Fehlen auf dem Trainingsplatz machten die Rieder unter Heinle vor allem im Ballbesitz einen großen Sprung nach vorne. Sinnbildlich dafür war das Altach-Spiel, in dem man zwar den Ausgleich aus einem unnötigen Ballverlust kassierte, weil man von hinten herausspielen wollte – trotzdem blieben die Rieder auch danach ihrer Linie treu und vertrauten auf ihre neue Stärke. Selbst in Unterzahl im Auswärtsderby beim LASK warf man den Spielplan nicht über den Haufen – und konnte die Pressingversuche der Linzer großteils spielerisch abwehren.

Die Meistergruppe ist für Ried jetzt so nah wie nie
Emotion pur nach dem Tor von Ante Bajic (rechts) zum 2:1-Sieg in letzter Minute gegen Altach.

Neues Selbstvertrauen: Die Rieder trauen sich nicht nur die Meistergruppe zu, sie strotzen auch auf dem Rasen vor Selbstvertrauen. Torhüter Samuel Sahin-Radlinger agierte im Tor „teamreif“, die Fünferkette mit den Hünen um Constantin Reiner, Markus Lackner oder Sommer-Zugang Tin Plavotic wurde zu Rieds neuem, altem Markenzeichen. Im Mittelfeld gingen die Routiniers Marcel Ziegl und Stefan Nutz als Führungsspieler voran: Vor allem Nutz trat mit einigen Zauberpässen in Erscheinung, sammelte insgesamt zehn Scorer-Punkte. In der Offensive strahlte Ante Bajic (vier Saisontore) mit seiner Schnelligkeit immer wieder die größte Gefahr aus.

Gewonnene Ruhe: Anders als in der Vergangenheit ließ sich Ried von gewissen Störfeuern – wie den skurrilen Kommentaren von Ex-Coach Heraf nach der Trennung – nicht aus der Ruhe bringen. Es herrscht wieder ein gewisses „Wir-Gefühl“ im Innviertel. Federführend dafür ist auch die neue sportliche Führung um Thomas Reifeltshammer und Wolfgang Fiala, die in sportlichen Fragen die Zügel in der Hand haben. Die Kompetenzen scheinen klar verteilt. Das ist gut so.

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