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Fußball International

Der Abschied eines echten Fußball-Typen

Von Harald Bartl  23. Juni 2022 14:01 Uhr

Der Abschied eines echten Fußball-Typen
Martin Hinteregger mit Eintracht-Frankfurt-Trainer Oliver Glasner nach dem Einzug ins Europacupfinale

FRANKFURT. Martin Hinteregger hat mit nur 29 Jahren genug vom Profifußball – und verabschiedete sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Er ist ein Typ, der im österreichischen Fußball fehlen wird: Martin Hinteregger (29) wird dem Fußball nach dem Ende seiner Profikarriere ab heute nur noch maximal als Spieler seines Heimatvereins Sirnitz erhalten bleiben. In der 300-Einwohner-Gemeinde im Kärntner Gurktal – so hat er schon länger versprochen – wird er eines Tages auch den Posten als Nachwuchsleiter übernehmen, den derzeit sein Vater Franz innehat. „Der Martin ist mit 13 Jahren weg nach Salzburg. Jetzt kommt er zurück nach Hause, und wir alle freuen uns. Die Familie und Sirnitz stehen hinter ihm und seiner Entscheidung“, sagte sein Vater gestern der „Kleinen Zeitung“.

Vielleicht hat sein Sohn ja mit dem Karriereende wirklich alles richtig gemacht. Er geht als Europacupsieger bei Eintracht Frankfurt, er geht in einem Moment, in dem es eher bergab als noch einmal bergauf zu gehen schien.

Hinteregger hätte nach einer langen Verletzungspause keinen leichten Stand in der Mannschaft von Trainer Oliver Glasner gehabt. Im Vorstand hielt sich die Freude über Hintereggers Feierlaune zuletzt immer mehr in Grenzen.

Martin Hinteregger beendet seine Profikarriere

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Bei den Fans entschuldigte er sich gestern für die Turbulenzen rund um die (beendete) Zusammenarbeit mit Herbert Sickl, dem eine Nähe zu den Identitären nachgesagt wird: „Ich muss mich entschuldigen, ich habe das total unterschätzt und hätte mediale Beratung und Hilfe gebraucht. Jeder, der mich hier in Frankfurt kennengelernt hat, weiß, wie ich ticke und dass ich die Werte des Klubs teile.“

Dass es immer schwieriger geworden war, den Doppelpass zwischen Profifußball und der Psyche zu spielen, hatte Hinteregger nie verhehlt. Auch gestern bestätigte er: „Sportlich gesehen war das letzte Jahr mit dem Europacupsieg das Beste, das ich je gehabt habe. Aber privat, wenn ich heimgekommen bin, konnte ich mich nicht mehr so freuen und war nicht mehr so glücklich darüber. Und da war klar, dass das jetzt zu Ende gehen wird.“

Die Entscheidungsfindung hatte bereits im Vorjahr begonnen: „Es gab bereits im Herbst erste Gedanken, nach dieser Saison aufzuhören. Ich habe mich in einer sportlich schwierigen Phase mit schwankenden Leistungen befunden.“

Der Abschied eines echten Fußball-Typen
Beim "Spiel seines Lebens" im Europacup-Viertelfinale beim FC Barcelona

Hintereggers Team-Aktion

Sportlich hat Hinteregger sehr viel erreicht. Zu den fünf Meistertiteln mit Salzburg kommen vier Cupsiege und der Europacup-Triumph mit Frankfurt. Aber es gehört eben auch dazu, dass ihn eine ganz andere Aktion bei den Fans „unsterblich“ gemacht hat.

Am 10. September 2019 hatten die OÖN als eine von zwei Zeitungen die Info erhalten, dass Hinteregger verspätet und vor allem mehr torkelnd als gehend bei der Nationalteam-Zusammenkunft in Salzburg eingetroffen war. Kurz kam er natürlich, der Gedanke: „Muss man das ausgerechnet beim so sympathischen Hinteregger weitererzählen? Nur weil er lieber beim Jäger-Stammtisch in der Flachau gesessen und die Geburtstagsfeier so lustig gewesen ist?“ Natürlich muss man. Eine Zusammenkunft des ÖFB-Teams ist schließlich kein Hobbyturnier wie der „Hinti-Cup“. Außerdem wäre es ohnehin auf Dauer nicht zu verschweigen gewesen. Die Befürchtungen, dass Hinteregger bei den österreichischen Fußballfans in Ungnade fallen könnte, weil er ja auch das Nationalteam im Stich gelassen hatte, waren unbegründet.

Ganz im Gegenteil: Während man einen Marko Arnautovic in der Luft zerrissen hätte, war Hinteregger nach einem Spiel (Ausnüchterungs-)Sperre durch Ex-Teamchef Franco Foda noch beliebter als zuvor. Weil man einem geradlinigen und bodenständigen Typen wie ihm eben alles verzeiht.

So wird man Martin Hinteregger auch in Erinnerung behalten – und in einigen Monaten bemerken, dass es jetzt wirklich keinen Typ wie ihn mehr im Profifußball gibt.

Der Abschied eines echten Fußball-Typen
Im Nachwuchs von RB Salzburg

Martin Hinteregger (29)

  • Geboren: 7. September 1992 in St. Veit/Glan
  • Position: Innenverteidiger
  • Karrierestationen: RB Salzburg (2006-2016), Mönchengladbach (2016), FC Augsburg (2016-2019), Eintracht Frankfurt (Ende Jänner 2019 bis 23. Juni 2022)
  • Länderspiele: 67 (4 Tore)
  • Größte Erfolge: Europa-League-Sieger (2022) und Halbfinalist (2019) mit Frankfurt; fünffacher österreichischer Meister und vierfacher Cupsieger mit dem FC Salzburg; zwei EM-Teilnahmen (darunter Achtelfinale 2021).

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Artikel von

Harald Bartl

stellvertretender Ressortleiter Sport

Harald Bartl

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