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Fußball International

Glasner: „Jetzt werden wir vier Tage mit unseren Fans feiern“

19. Mai 2022 10:14 Uhr

Oliver Glasner stemmte den Europa-League-Pokal in den Himmel von Sevilla.

SEVILLA. Die Party nach dem Europa-League-Sieg in Sevilla war erst der Anfang eines Feiermarathons für Oliver Glasner. In der Frankfurter Vereinsgeschichte hat sich der Innviertler auf ewig einen Platz gesichert. Fußball ist seine Leidenschaft - die ihn am 4. August 2011 in eine lebensbedrohliche Situation brachte.

„Ich werde heute die Sau rauslassen“, sagte Oliver Glasner unmittelbar nach dem größten Triumph seiner Trainerkarriere. Der 47-Jährige hievte den Europa-League-Pokal nach dem 5:4 im Elfmeterschießen gegen die Glasgow Rangers in den Himmel von Sevilla. Als zweiter österreichischer Trainer gewann er einen Europacupbewerb - das war vor ihm nur Ernst Happel im Meistercup 1983 mit Hamburg (1:0 gegen Juventus Turin gelungen.

Die obligatorische Pressekonferenz nach dem Triumph wurde gestört: Mehrere seiner Spieler stürmten in den Raum und verpassten Glasner eine Bierdusche. Ein Sprecher der UEFA bezeichnete die Aktion als "nasse Überraschung". Die Pressekonferenz wurde im Anschluss fortgesetzt, Glasner, beantwortete mit nassen Haaren und komplett durchnässtem T-Shirt weiter die Fragen.

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4. August 2011 als Zäsur

Perfektionistischer Fußballlehrer, geerdeter Familienmensch, verdienter Ehrenkapitän, studierter Betriebswirt - für Glasner passen viele Beschreibungen. Fußball ist seine Leidenschaft - die ihn am 4. August 2011 in eine lebensbedrohliche Situation brachte: An diesem Tag retteten Ärzte einer Kopenhagener Spezialklinik dem damaligen Kapitän der SV Ried das Leben. Nach Kopfballübungen im Abschlusstraining vor dem Europa-League-Qualifikationsspiel gegen Bröndby hatte Glasner über Schwindelgefühle und Kopfschmerzen geklagt. Ein Subduralhämatom zwischen Hirn und Hirnhaut forderte eine Not-OP.

Vier Tage zuvor hatte der Verteidiger in einem Ligaspiel gegen Rapid eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. "Ich gehe davon aus, dass mir dann die Kopfbälle im Training das Leben gerettet haben. Ohne sie wäre die Blutung vielleicht nicht entdeckt worden", sagte Glasner. Die Operation verlief erfolgreich, die aktive Fußballkarriere war auf Anraten der Ärzte mit 36 Jahren und nach über 550 Schlachten als Rieder "Wikinger" vorbei.

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Die Ereignisse lassen ihn das nicht immer rationale Fußballbusiness gelassener sehen - was in einem hochemotionalen Umfeld wie in Frankfurt gewiss kein Nachteil ist. Die ständigen Nachfragen nach seiner Zukunft in Wolfsburg lockten den dreifachen Familienvater nicht aus der Reserve. Das geforderte Bekenntnis zum VfL umschiffte er mit Humor: Ein Bekenntnis - "so wie Adi Hütter?", fragte Glasner und grinste. Dieser hatte sich zu Frankfurt bekannt - und wechselte zu Mönchengladbach.

Glasner sollte kurz darauf Hütters Nachfolge in Frankfurt antreten. In Wolfsburg winkte die Champions League, doch Glasner entschloss sich lieber für sein nächstes Projekt - auch wegen eines angespannten Verhältnisses mit Wolfsburg-Sportchef Jörg Schmadtke. Kompromisslos wurden die Farben getauscht - wie einst, als sein Abgang von Ried zum Rivalen LASK hohe Wellen schlug.

Mit Anlauf zum Erfolg

Im Sommer 2015 war er vom Bundesligisten zum damaligen Zweitligisten gewechselt. Mit dem Rückschritt nahm er Anlauf, stolperte aber in der ersten Saison: Der angepeilte Aufstieg wurde verpasst und in der zweiten Saison nachgeholt. Glasner führte den LASK auf Anhieb in den Europacup und später zum zweiten Platz hinter Salzburg. Er übergab die Athletiker bei seinem Wechsel zu Wolfsburg 2019 als Europacupstarter, in Wolfsburg ging er nach geschaffter Champions-League-Qualifikation.

Bis sein Plan in Frankfurt aufging, brauchte es wie schon in Linz und in Wolfsburg Zeit. Glasner, der schon als 17-jähriger Libero das Spiel klar vor sich sah, hat genaue Vorstellungen davon, wie seine Mannschaften Fußball spielen sollen. Martin Hinteregger und Konsorten scheiterten in der 1. DFB-Pokalrunde an einem Drittligisten, von den ersten zehn Bundesligaspielen gewannen sie nur eines - gegen Bayern München. Der Druck wuchs, doch der Baumeister moderierte den Umbruch überzeugend, und formte aus starken Individualisten eine stabile Mannschaftsstruktur.

Ehefrau ermutigte ihn zum Trainerkurs

Familiäre Bande sind für Glasner höchstes Gut. Ohne seine Frau Bettina, die ihn zum Trainerkurs ermutigte, wäre er wohl nicht Fußballtrainer. Situatives Pressing, Umschaltmomente, schnelles Spiel in die Spitze - diese Handschrift hat er als früherer Co-Trainer von Roger Schmidt bei Salzburg verinnerlicht. Hinzu kommt Akribie im Defensivverhalten, das ist er seinem alten Verteidiger-Ich schuldig. Die Abläufe werden wieder und wieder trainiert, sehr oft auch mittels Videostudium. Jeder habe "gewusst, wie die Abläufe sind, wo der andere jemanden braucht, wo man helfen kann", sagte Wolfsburgs Xaver Schlager.

Hartnäckig, aber nicht autoritär führt Glasner Regie. "Ich führe keinen Monolog, und die Spieler schlafen in der letzten Reihe ein", sagte er der "FAZ". "Die besten Lehrer sind nicht die, die am meisten wissen, sondern die, die ihr Wissen den Schülern am besten vermitteln und für die Inhalte begeistern können."

Um seine Schüler zu erreichen, scheut er auch emotionale Ausbrüche nicht. Als die Eintracht im Europa-League-November schlampig spielte, drosch er die dahergeflogene Kugel volley in den Nachthimmel von Piräus. Der Wutausbruch brachte ihm eine Verwarnung des Schiedsrichters und eine in letzter Minute siegende Mannschaft ein. Glasner entschuldigte sich und schmunzelte: "Ich denke, ich hätte ihn noch besser treffen können."

„Das Schönste ist, wenn man so vielen Leuten eine Freude bereiten kann“

In Barcelona bespielte Glasner die Emotionsklaviatur vom anderen Ende: Mit dem Kopf voraus rutschte er nach dem geschafften Einzug in das Halbfinale (3:2) auf den Rasen im Camp Nou - und ruinierte sich vor tausenden Anhängern seine Hose. "Für mich ist das Schönste, wenn man so vielen Leuten eine Freude bereiten kann. Das Schönste ist dieses Lob, diese Anerkennung. Das ist einfach wunderbar", sagte Glasner.

Der Sturmlauf der Hessen in der Europa League gipfelte in Sevilla. "Ich weiß, dass wir als Gruppe außergewöhnlich sind und als Gruppe die besten sein können", hatte Glasner nach dem Halbfinal-Sieg über West Ham gesagt. In Sevilla rutschte er erneut - durch das Spalier seiner Spieler. Glasner: "Der Abend hat gezeigt, dass wir als Mannschaft funktionieren. Jetzt werden wir vier Tage mit unseren Fans feiern"

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