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Schiedsrichter-Krise: Mehr Hilfe und weniger Freunderlwirtschaft

Ehrlich, offen, selbstkritisch, lösungsorientiert – beim runden Tisch der OÖNachrichten zum Thema „Schiedsrichterkrise“ wurde gestern Klartext gesprochen. Und es wurden gemeinsam erste Lösungsansätze gefunden.

Runder Tisch

Stefan Reiter, Dietmar Drabek, Manuel Schüttengruber, Walter Schachner und Thomas Weissenböck (von links nach rechts) diskutierten am runden Tisch. Bild: Weihbold

OÖN: Gerade nach den Vorfällen der vergangenen Wochen wird den Referees vor allem eines vorgeworfen: Arroganz. Wie stehen Sie als junger Schiedsrichter dazu?

Schüttengruber: Mir ist das früher auch nachgesagt worden. Jetzt höre ich es seltener. Arrogant wirkt man immer dann, wenn man sich im Spiel sicher vorkommt. Natürlich muss ein Schiedsrichter am Anfang seiner Karriere seine fehlende Persönlichkeit, die er nicht haben kann, ausgleichen. Nach dem Motto: „Ok, ich bin heute der, nach dessen Pfeife ihr tanzen müsst. Ich habe die Gelben Karten und wenn ihr mir nicht zuhört, dann zeige ich sie.“ Darum brauchen die jungen Schiedsrichter wesentlich mehr Gelbe wie die älteren, so wie ich auch früher. Als ich in der Ersten Liga angefangen habe, waren es sieben im Schnitt, mittlerweile sind es drei oder vier. Der eine sanktioniert mit Gelben Karten, ich rede lieber mit den Spielern oder mit einem Trainer. Wenn sich einer aufregt und keine abwertenden Bewegungen macht, kann man drüber reden.

Drabek: Für Arroganz habe ich kein Verständnis. Das muss aber für alle gelten. Ich kenne genug Spieler, denen ich auch meine Meinung gesagt habe, und die mir dann geantwortet haben: „So dürfen Sie aber nicht mit mir sprechen.“ Aber mit 90 Prozent der Spieler kann man reden.

Schachner: Die Realität ist halt leider oft anders. Was soll ich noch sagen, wenn mir der Gerhard Grobelnik beim Spiel gegen Altach nach seinem Elfmeter-Pfiff deutet: Schauen Sie sich das Foul noch einmal im Fernsehen an. Ich rege mich nach außen nicht mehr auf. Innerlich koche ich natürlich. Aber ich sage auch zu meinen Spielern immer: Der Schiedsrichter ist tabu.

Weissenböck: Für mich fehlt die einheitliche Linie. Einmal werden mehr Fouls akzeptiert, dann kommt mit dem ersten Foul die Gelbe Karte und mit dem zweiten Gelb/Rot. Wie sollst du dich darauf einstellen? Mir fehlt, dass geredet wird mit den Leuten, dass man deeskalierend herangeht. Das wirkt dann arrogant und dann schaukelt es sich auf.

Drabek: Als ich Schiedsrichter war, habe ich mich auf die Mannschaften vorbereitet. Früher, wenn man gewusst hat, dass der Stuchlik kommt, hat es geheißen: „Haltets die Papp’n.“ Wir haben uns auf Vereine eingestellt und die Vereine müssen sich auf die Referees einstellen.

OÖN: Nehmen Sie uns mit auf das Spielfeld – Sie sitzen bei Ried-Spielen immer zwischen den beiden Trainerbänken, und bekommen alles mit. Was spielt sich zwischen Trainern und Schiedsrichtern wirklich ab?

Reiter: Die Einflussnahme von außen ist gestiegen. Auf den Bänken hat sich bei manchen Vereinen schon eine Systematik entwickelt, wie versucht wird, Einfluss zu nehmen. Eine gewisse Unruhe kann man damit immer erzeugen. Die Schiedsrichter müssen da sehr viel aushalten. Ein extremes Beispiel – obwohl ich sonst keine Namen nenne – war Josef Hickersberger bei Rapid. Das war bewusst, da ist massiv Druck aufgebaut worden. Dann wird es wirklich schwer.

Drabek: Eines muss ich schon sagen: Ich durfte viele internationale Spiele leiten – diese Mannschaften kannst du spielen lassen, es läuft keiner dem Schiedsrichter nach, es wird nicht gesudert. Nirgendwo wird mehr gejammert, als in Österreich. In den Top-Ligen schon gar nicht.

OÖN: Der zweite größte Kritikpunkt – auch unter den OÖNachrichten-Lesern: Es gibt auch bei Schiedsrichter-Besetzungen in der Bundesliga eine Freunderlwirtschaft.

Drabek: Teilweise sind ein paar Schiedsrichter aus sportpolitischen Entscheidungen drinnen – das kann ich jetzt sagen, weil ich nichts mehr zu befürchten habe. Zehn Prozent der aktuellen Referees haben keine Berechtigung.

Reiter: Das ist die Wahrheit. Neun Bundesländer, da muss von überall einer dabei sein. Ich sage: Wenn wir keinen Oberösterreicher haben, haben wir halt keinen. Und wenn wir acht haben, sollen alle acht hinein.

Drabek: Wir in Oberösterreich sind in der glücklichen Lage, dass wir fünf in den ersten zwei Ligen haben. Wenn wir einen sechsten hätten – das geht nicht mehr, dann müsste von einem anderen Bundesland einer gehen. Es ist so.

OÖN: Wie sieht es bei den Bewertungen für Schiedsrichter durch die Beobachter aus?

Reiter: Die jungen Schiedsrichter wollen keinen Fehler machen und greifen schneller zur Gelben Karte. Wenn er sie nicht zieht, schreibt der Überwacher auf – also zieht er sie schnell.

OÖN: Pfeifen Sie, um dem Beobachter auf der Tribüne zu imponieren?

Schüttengruber: Nein. Mir ist der Beobachter egal. Ich pfeife so, dass ich mit den Spielern gut auskomme, dass ich getrost zwei Wochen wieder zu dieser Mannschaft fahren kann und die sagen: „Schön, dass du wieder da bist.“

Weissenböck: Viele junge Schiedsrichter werden leider auch zu früh ins kalte Wasser geworfen. Es wäre besser, länger in der Regionalliga zu pfeifen.

Drabek: Da muss ich widersprechen. Bei Allerheiligen gegen LASK Juniors vor 78 Zusehern kann man sich nicht auf höhere Aufgaben vorbereiten.

Schüttengruber: Das stimmt. Der Sprung von Regionalliga in die Erste Liga ist noch größer, als später in die Bundesliga. Man steht in der Ersten Liga zum ersten Mal wirklich im Blickpunkt. Bei jedem Spiel sind neun, zehn Kameras dabei. Daran muss man sich erst gewöhnen.

OÖN: In der Ersten Liga passieren auch die meisten Fehler. Wie sehen Sie als ‘Unabhängiger’ aus der Bundesliga die Situation?

Reiter: Es ist ein Riesenproblem mit den jungen Schiedsrichtern in der Ersten Liga. Die haben alle ein gewisses Problem mit der Persönlichkeit. Und dann kommen die Schutzmechanismen: Welche Möglichkeiten hat der Schiedsrichter, sich zu schützen? Gelbe Karten. Für mich liegt der Kern des Problem in der fehlenden Routine. Wir haben zu wenige Schiedsrichter. Um spitze zu werden, brauche ich Breite. Die haben wir nicht. Früher sind so viele Fußballer Schiedsrichter geworden. Heute haben die Wenigsten gespielt, das ist schade.

Schachner: Ich verstehe es sowieso nicht, dass man keine Schiedsrichter über 45 Jahre mehr pfeifen lässt. Wer fit genug ist, der soll dabei bleiben.

OÖN: Was sind Ihre Lösungsansätze und Wünsche für die Zukunft?

Reiter: Schiedsrichter, die in der Bundesliga wegen ihres Alters aufhören müssen, sollten zumindest noch als Vierte Offizielle unterstützen. Der kann ja den jungen Schiedsrichter auch coachen. In der Ersten Liga gibt es ja nicht einmal einen vierten Schiedsrichter. Ich frage mich, warum.

Schachner: Da wäre ich sofort dafür. Der Linienrichter ist ja sonst ein armer Hund. Außerdem wünsche ich mir eine Kamera für den Sechzehner. Das wird auch kommen.

Weissenböck: Die Idee mit dem vierten Assistenten ist super. Ich wünsche mir, dass wir alle nicht vergessen, dass Fußball ein Zweikampf-Sport ist. Man soll nicht wegen jedem Schmarrn Gelb geben.

Drabek: Ich habe den Vorschlag mit dem vierten Offiziellen schon vor langer Zeit gemacht, eine klare Antwort habe ich nicht bekommen. Ich habe das auch früher wahnsinnig gern gemacht. Die jungen Kollegen haben gesagt, dass ihnen das taugt. „Da ist es ruhig draußen, wenn du da bist.“ Die Frage, die sich mir stellt: Warum ist das nur so, wenn ein Plautz oder ein Drabek draußen stehen?

Schachner: Ein Junger sagt ja nur, dass ich mich hinsetzen soll. Es scheint oft so, als hätten sie Angst davor, mit uns zu reden.

OÖN: Könnten Sie mit mehr Hilfe leben?

Schüttengruber: Es kann uns nichts Besseres passieren, als auf Routiniers von außen zu zählen. Ich bin auch sonst über jede Hilfe, die Fehler minimiert, dankbar. Egal ob durch Personen oder Technik.

 

Runder Tisch: Die Teilnehmer

Dietmar Drabek: Der Steyrer legte mit 17 Jahren seine Schiedsrichterprüfung ab. 1994 wurde er in den Bundesliga-Kader aufgenommen, 1997 bis 2006 war er FIFA-Referee und leitete 40 internationale Spiele. 2010 pfiff er zum letzten Mal. Heute betreut der 47-Jährige den oö. Talentekader.

M. Schüttengruber: Der 28-Jährige bekam die Schiedsrichterei in die Wiege gelegt: Vater Manfred war internationaler Referee. Manuel Schüttengruber legte schon vor seinem 14. Geburtstag die Schiedsrichterprüfung ab. Nach einer Saison in der Ersten Liga pfeift er seit 2010 auch in der Bundesliga. Fast immer fehlerfrei. Ein Paradebeispiel für gute Ausbildung.

Stefan Reiter: Der SV-Josko-Ried-Manager erlebte in seiner 20-jährigen Karriere im Profibereich viele Referees.

Walter Schachner: Den Trainer ärgern die spielentscheidenden Fehlpfiffe, die den LASK in den vergangenen fünf Runden begleiteten.

Thomas Weissenböck: Den Blau-Weiß-Linz-Trainer traf es nach dem zerpfiffenen Derby auch am vergangenen Freitag hart: Drei seiner Spieler wurden ausgeschlossen.

 

Der runde Tisch auf nachrichten.at

Die strittigen Pfiffe der letzten Spiele können sie hier noch einmal sehen. Sky bringt den OÖNachrichten-Usern in Zusammenarbeit mit Intersport Eybl Berichte der Partien der Bundesliga und der Ersten Liga ins Netz.

Die Diskussion ist in Ausschnitten im OÖN-TV abrufbar!

Im Archiv können Sie auch in den vergangenen Runden stöbern.

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Artikel Harald Bartl und Günther Mayrhofer 28. September 2011 - 00:04 Uhr
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