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Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel

Heimkehr der Fischer bei Rocher de la Perroche Bild: kalmarpress

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel

Die Île d’Oléron liegt 25 Kilometer vor La Rochelle an der französischen Atlantikküste. Bequem über eine Brücke erreichbar, blieb die Insel dennoch ein in Europa wenig bekanntes und authentisches Juwel.

Von kalmarpress, 17. Februar 2019 - 00:04 Uhr

Eine Reise nach Frankreich nimmt ihren Anfang gern mit Speis und Trank. Oder klingt damit aus. Beim Nationalhelden Asterix mit Wildschweinbraten. Schon der antike Historiker Plinius berichtet von der Île d’Oléron als Erholungsort der römischen Besatzung. Die überlebenden Wildschweine haben sich mittlerweile derart vermehrt, dass die Weingärten mit Elektrozäunen geschützt werden. Zum Glück fressen die Tiere keine Austern, Austernzucht ist Knochenarbeit und ein Gutteil der Menschen lebt hier davon.

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Muschelsuche am Strand  
Bild: kalmarpress

Wasserlandschaften von Becken und gewundenen Kanälen nehmen rund ein Drittel der Inselfläche ein. Brombeersträucher, wilder Anis, hin und wieder eine Schleuse und Cabanes, die Holzschuppen der Austernzüchter, säumen die Kanäle. Zum Wochenende brutzeln dort Langusten am Holzkohlengrill und es geht recht lebhaft zu. Eine Rarität sind die auf der Glut von Piniennadel gegrillten Miesmuscheln. Das war früher das Essen der Fischer, wenn sie vom Meer kamen und rasch eine warme Mahlzeit am Strand zubereiteten. Diese "Eclade de Moules" speist man nun bei Mamelou fürstlich zubereitet am Kanal de la Baudissiere. Das Ambiente blieb aber bodenständig, und wer den Rest einer Flasche Wein in sein eigenes Glas schenkt, erhält die Prophezeiung: "marrié ou pendu – verheiratet oder aufgehängt".

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Spezialität bei Mamelou: über einer Glut von Piniennadeln gegrillte Miesmuscheln  
Bild: kalmarpress

Schatzsuche mit der Mistgabel

Unter der Veranda liegen die Fischerboote dicht an dicht und man schmaust, während der Gezeitenwechsel die Boote meterhoch hebt oder wieder schräg auf den Kiel setzt. An der Küste legt die Ebbe kilometerweite Sand- und Felsflächen frei. Von Mitte Juni bis Mitte Oktober gibt es Muscheln. Dann pilgert alles mit Kübeln bewaffnet hinaus, um nach Stunden mit reicher Beute an verschiedensten Meeresfrüchten heimzukehren. Manche Leute nehmen sogar eine Mistgabel mit, um den Schlick für besondere Schätze umzugraben, und schon die Kinder lernen, wo man suchen muss. Einzigartig sind die unter Napoleon angelegten Fischreusen. Das Recht, sie zu nutzen, blieb bis heute streng gehüteter Familienbesitz.

Beim Leuchtturm von Chassiron erklärt ein Modell seine so simple wie geniale Arbeitsweise. Der mächtige Turm lädt mit seinen 224 Stufen zur Besteigung, um den Blick über Insel und Meer schweifen zu lassen.

Viel Ursprüngliches blieb auch im Fischerdorf Chaucre erhalten. Besonders die Ziehbrunnen, je einer für ein paar Häuser, erinnern an früher. Heute sind sie meist mit Blumen dekoriert, wie auch die steinernen Freitreppen. Nur über diese gelangte man damals ins Obergeschoß.

Die Île d’Oléron misst elf mal einunddreißig Kilometer und ist flach wie ein Brett. Die höchste Erhebung reicht 22 Meter über den Meeresspiegel. Dafür ist der Himmel riesig und bei wechselnder Witterung das größte Gemälde der Welt. Bei den Einheimischen hieß die Insel früher "Lumineuse", was mit Insel des Lichts übersetzt werden mag.

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Aus dem Meer gefischt: Fundstück am Kanal Baudissiere  
Bild: kalmarpress

Mit dem Rad zum Strand

Beschilderte Radwege verlaufen abseits vom Verkehr, über Dammkronen und schattige Waldwege, entlang aussichtsreicher Seepromenaden und durch stille Dorfwinkel. Die Orientierung fällt leicht. Hotels sind rar, an Restaurants herrscht kein Mangel. Liegen und Sonnenschirme in Reih und Glied sucht man vergeblich. "So etwas gibt es hier nicht. Bei uns ist alles familiär", bestätigt Jean-Paul, unser Gastgeber. Einheimische haben sowieso ihr Badehäuschen, zwei mal zwei Meter, liebevoll bemalt mit Möwen, Blumen, Booten, und natürlich Sonne und Meer. Bei St-Denis-d’Oléron stehen gleich mehrere Reihen und einige der hübschesten Hütten.

Vom Plage de Gatseau an der Südspitze bis zum Plage de la Giraudiere besteht der Strand aus feinem Sand, unglaubliche zehn Kilometer am Stück. Wir wandern über Dünen mit duftender Immortelle, durch Strandhafer und Heidekraut, queren Rinnsale, in denen bei Ebbe das Wasser abläuft, oder wechseln in den lichten Schatten des anschließenden Kieferwaldes auf sonnenwarmen Nadelboden. Über weite Teile bleiben wir in dem ausgedehnten Naturschutzgebiet allein, nur auf halbem Weg passieren wir einen Nacktbadestrand. Allein an der Meerenge von Maumusson ist vom Schwimmen abzuraten. Das Festland ist hier einen Kilometer entfernt und die Strömung stark.

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Entspannen am feinen Sandstrand Plage de Gatseau  
Bild: kalmarpress

Zedern, Kunst und Salz

Zu diesem Idyll, genauer zum Pointe de Gatseau, rumpelt mehrmals täglich die famose Feldeisenbahn von St-Trojan-les-Bains. Die Villen des klassischen Seebads vermitteln Fin-de-siècle-Atmosphäre. Es war die Zeit der Kameliendame und der Bohème. An der Promenade rauscht eine verlässliche Brise durch die Kronen gewaltiger Zedern. Sie sehen aus, als ob sie schon immer dagestanden hätten. Und über dem wehenden Tüll einer Gardine finden wir das Wort Esperanza, Hoffnung, in Stein gemeißelt.

Im Antiquitätengeschäft am Ort türmt sich der Hausrat vergangener Zeiten, riesige Schiffsmodelle, Möbel, Aquarelle, Standuhren. Erlesenes Kunsthandwerk ist in Le Château-d’Oléron zuhause. Die Ateliers liegen in knallbunt lackierten Cabanes des Artistes, die sich im Kanal bei der Festung spiegeln. Man ist auch eingeladen, einen Blick hinter die geheimnisvollen Türen zu werfen oder den Künstlern bei der Arbeit zuzusehen. Zwischen fantasievollen Hüten, Keramik und Skulpturen finden sich exquisite Objekte und echte Überraschungen. In dem malerischen Ambiente drängt sich eine Degustation von Austern und Wein förmlich auf. Hinüber zu den Salzfeldern von Port des Salines ist es ein kurzer Spaziergang.

Ein Markt mit Herz

St-Pierre-d’Oléron ist die Hauptstadt der Insel. In ihrer Mitte ragt ein gotischer Turm in die Höhe, der an den früher dort gelegenen Friedhof und an die verunglückten Fischer erinnert. Gleich daneben befindet sich die Markthalle. Bekanntlich isst man ja mit den Augen und die Marktstände sind eine wahre Augenweide. Obst und Gemüse, Brot und Wein, Fleisch, Fisch, Austern und Meeresfrüchte natürlich, alles ist im Überfluss vorhanden, das Meiste von der Insel und natürlich in allen Variationen. Bei Fischen gibt oft ein Kärtchen Auskunft, wer sie geangelt hat.

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Es ist angerichtet: Köstlichkeiten aus dem Meer auf dem Markt in St-Pierre-d’Oléron  
Bild: kalmarpress

Wartet man in der Schlange, erinnert man sich, dass "Charme" ein französisches Wort ist. Man schwätzt und scherzt, wie eben an einem gut gedeckten Tisch, und wer mit niemandem bekannt ist, schließt eben früher oder später Bekanntschaft.

Besonders lebhaft geht es auf dem Markt am Sonntag zu, dafür ist er am Montag geschlossen. "Die Leute auf der Insel sind anders" sagt Jean-Paul, "sie schätzen Qualität besonders hoch." Wer ein Mitbringsel sucht, wird hier sicher fündig. Würste gibt es in großer Zahl, alle handgemacht, und manche natürlich auch vom Wildschwein.

Am Seeweg nach La Rochelle

Die Überfahrt zur Hauptstadt des Départements Charente-Maritime dauert keine Stunde. Das Panorama mit den mittelalterlichen Wehrtürmen an der Einfahrt zum alten Hafen beeindruckt. Wir betreten die Altstadt durch den gotischen Uhrturm und tauchen in die Atmosphäre der historischen Hansestadt mit ihren Arkadengängen und Fachwerkbauten ein.

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Am alten Hafen von La Rochelle  
Bild: kalmarpress

La Rochelle war ein halbes Jahrtausend lang der mächtigste Hafen am Atlantik. Als Festung der Reformierten bot die Stadt der katholischen Krone Frankreichs die Stirn und wurde 1628 ausgehungert, zum Glück aber nicht zerstört. Zwischen Boutiquen und Cafés wird die Zeit leicht verbummelt. Das Café de la Paix ist eines der ältesten in Frankreich im Originalzustand. Auch der Bahnhof stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Die Fassade blieb erhalten und im Film "Le Train" mit Romy Schneider ist das Gebäude in alter Pracht zu sehen. Apropos George Simenon: Der berühmte Krimiautor lebte lange Zeit in und um La Rochelle und ritt noch zu Pferd zur Markthalle. Auch deren Fassade blieb unverändert. Ins Gästebuch des Café de la Paix schrieb Simenon: "Zur Erinnerung an die glücklichste Zeit meines Lebens".

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel
Tour de la Lanterne in La Rochelle  
Bild: kalmarpress

 

Reisetipps

Anreise: täglich Direktflüge Wien–Paris (CDG) mit AUA, Air France oder Level, weiter mit dem TGV vom Flughafen nach Saint-Pierre des Corps, dort umsteigen nach La Rochelle, dann mit der Fähre oder dem Leihwagen auf die Insel. Oder: mehrmals täglich Direktzüge (TGV) ab Bahnhof Montparnasse nach La Rochelle. Ab 12. April 2019 Direktflüge von Wien nach Bordeaux mit Volotea (zweimal wöchentlich), weiter mit Mietwagen oder Zug nach La Rochelle.

Reisezeit/Wetter: April bis Oktober mild, ausgeglichen

Restaurants: Chez Mamelou, gegrillte Muscheln, Austern und alle Arten von Meeresfrüchten, Dolus-d’Oléron, Telefon: 0546754441;
Les Ecluses, stimmungsvoll am Hafen gelegene Crêperie, süße und salzige Palatschinken, Port du Douhet, la Brée les Bains, Telefon: 0546785637

Radeln, Faulenzen und Schlemmen auf der Austerninsel

Einkaufen: Chaussea: Schuhe auf 900 Quadratmetern Verkaufsfläche, St-Pierre-d’Oléron, 45, Avenue du Général Leclerc; Famille Mage: Artisan Vigneron, vorzügliche Weine, Village de la Coindrie Gps: rue de Bois Fleury, St.-Pierre-d’Oléron

Infos: Atout France, France Tourism Development Agency: www.france.fr; das FVA Île d’Oléron hat eine ausführliche Webseite, teilweise auf Deutsch: www.oleroninsel.de, verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten – Campingplätze, Hotels, Fremdenzimmer, Ferienhäuser unter: www.oleroninsel.de/meinen-urlaub-vorbereiten

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