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Unentdeckte Landschaften

Das Hochplateau wird von Hunderten Schafen beweidet. Bild: Laglstorfer

Unentdeckte Landschaften

Beeindruckende Wanderungen durch die hochalpinen Karpaten im rumänischen Siebenbürgen; über das wilde Cerna-Tal und das Eiserne Tor bis zu altösterreichischen Städten.

Von René Laglstorfer, 22. Februar 2016 - 00:04 Uhr

Wir steigen knapp zwei Stunden durch dichte Fichtenwälder auf und erreichen den Bucura See, der sich in einem früheren Gletscherkessel gebildet hat und der größte natürliche Hochgebirgssee in den rumänischen Karpaten ist. Nur ein einziger unserer Wandergruppe – Philipp (38) aus Deutschland – traut sich trotz der niedrigen Wassertemperaturen bei strahlendem Sonnenschein in den eisig-erfrischenden See.

Nach einer guten Stunde steil bergauf durch schroffes Gestein mit herrlichen Rundblicken erreicht die Wandergruppe den Gipfel des Peleaga. Er ist mit 2509 Meter der höchste Punkt des Retezat-Gebirges und nur wenige Meter niedriger als der größte Berg Rumäniens.

Weiter geht es am nächsten Tag durch eine der schönsten Landschaften Rumäniens: den Nationalpark Cerna-Tal, das komplett von Bergen umschlossen ist und früher die Außengrenze Österreich-Ungarns mit dem Osmanischen Reich bildete. Entlang einer Rodung für eine nie gebaute Skipiste und kahlen Karstplateaus geht es zum Vârful-lui-Stan-Gipfel (1422 Meter). "Wenn du oben ankommst, merkst du, warum sich der Aufstieg am Ende doch lohnt", sagt die 28-jährige Franziska, die einzige Schweizerin in unserer Wandergruppe.

Nach einer kurzen Rast geht es durch dichte Buchenwälder in eine malerische Hochplateau-Senke. Sie zieht sich durch das Karstgebirge wie eine grüne Gletscherzunge und wird von Hunderten Schafen beweidet.

Hierher verirren sich wenige

Auf sie passen drei Hirten auf, einer von ihnen ist Ion Surdu, mit dem wir auf Anhieb ins Gespräch kommen. Er trägt einen dunkelgrauen Schäferhut und fällt in der kargen Gegend durch seinen hervorstehenden Wanst auf: "Es gibt viel Arbeit hier", erzählt er uns schmunzelnd auf Rumänisch und fragt, woher wir kommen. Ions sonnengegerbtes Gesicht zeigt sich überrascht von unserer Antwort, schließlich verirren sich so gut wie keine Wanderer in diese abgelegene Gegend, schon gar keine Ausländer.

Es scheint, Schäfer Ion freue sich über diese unerwartete Begegnung mit unserer Gruppe, die etwas Abwechslung in seinen Hirten-Alltag bringt und sich auch für uns exotisch anfühlt.

Bei der Verabschiedung gibt‘s einen kräftigen Handschlag, dann wandern wir über einen von Gräsern und Felsen bedeckten Sattel in eine weitere Senke, in der – diesmal ohne von Hirten beaufsichtigt zu werden – Dutzende stattliche Pferde weiden. Müde von der Hitze machen wir im Schatten unter mächtigen Eichen eine Pause, bevor es durch eine Schlucht, die Tamma-Klamm und eine satte Kräuterwiese mit mannshohen Gräsern wie aus dem Bilderbuch nach insgesamt sieben Stunden zurück ins Tal geht. "Diese Tour habe ich auch schon einmal mit einem 82-Jährigen bewältigt", erwidert der ortsansässiger Reiseleiter Cristian (39) unsere erschöpften Blicke. "Sie gehört zu meinen Lieblingswanderungen!"

Kneippen im Fluss

Nach der bisher längsten Tour auf der Reise ist etwas Erholung angesagt, für die sich der ehemalige k.u.k. Kurort Herkulesbad nicht besser eignen könnte. Schon die alten Römer kannten die heilende Wirkung der vielen heißen Thermalquellen, wie zahlreiche Funde und eine 1862 Jahre alte Inschrift bezeugen. Obwohl Herkulesbad – benannt nach dem griechisch-römischen Gott – nur auf 168 Meter Seehöhe liegt, gilt es aufgrund seiner besonderen Lage auch als Luftkurort: Die Cerna-Wasserfälle, Farnvegetationen sowie die nahen Kiefer- und Buchenwälder laden die Luft zusammen mit den heißen Quellen negativ ionisiert auf. Das ermöglicht unserer Lunge, den Sauerstoff schneller ins Blut aufzunehmen, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Messungen haben ergeben, dass die Luftqualität in Herkulesbad mit jener des Schweizer Kurorts Davos auf 1500 Meter Seehöhe und sogar mit den kanadischen Niagarafällen vergleichbar ist. Während dem von Cristian geführten Spaziergang durch die von k.u.k. Architektur geprägte Altstadt genießen wir die Luft und werden immer neugieriger auf das Thermalwasser.

Nahe den römischen Funden, die wir im Hotel Roman besichtigen, gehen wir im Fluss Cerna baden, wo eine der rund 20 Heißwasserquellen ins Freie tritt. Wieder sind wir die einzigen Ausländer, die dieses Mal ihre müden Muskeln in den von Hand gebauten, wohlig-warmen Steinbecken im Fluss entspannen. Einheimische gibt es viele, doch jeder Badende findet einen Platz in den mit kaltem Fluss- und heißem Thermalwasser ganz natürlich temperierten Kneipp-Becken.

Rumänische Bergbauernjause

Ausgeruht und voller Wanderslust besteigen wir tags darauf eine Steilklippe mithilfe von in der Felswand verankerten Holzleitern. Sie führen uns hoch hinauf zu einem orthodoxen Kirchlein, abgelegenen Bergbauernhöfen und urigen Weilern, von denen einige immer noch keinen Strom haben – von Autos oder Straßen ganz zu schweigen. "Die Berge hier sind noch steil genug, dass nicht gleich überall Schotterwege gebaut werden – das trägt zur Abgeschiedenheit der Gegend bei", sagt unser rumänischer Reiseführer Cristian.

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Das gute Wetter wird genutzt, um auf den steilen Hängen die Heuernte einzubringen.  
Bild: Laglstorfer

Das gute Wetter wird genutzt, um auf den steilen Hängen die Heuernte einzubringen.

 

Entlang des Weges treffen wir auf Großfamilien, Mägde und Knechte, die das gute Wetter nutzen, um auf dem steilen Hang die Heuernte einzubringen – ohne Maschinen versteht sich, sondern mit der Hand und Pferdefuhrwerken. Wir fühlen uns, als ob wir eine Zeitreise gemacht hätten. Mit Mordshunger treffen wir am Nachmittag im kleinen Berghof von Maria Cionca (32) im verstreuten Weiler Cracu Mare ein. Sie erwartet uns mit Kirschschnaps und tischt zur Stärkung eine typisch rumänische Bauernjause auf.

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Nach einer langen Wanderung schmeckt eine rumänische Jause noch besser.  
Bild: Laglstorfer

Nach einer langen Wanderung schmeckt eine rumänische Jause noch besser.

 

Auf einer weinumrankten Terrasse serviert die neunjährige Tochter Luminica am Holzofen zubereitete Polenta. Dazu gebratene Erdäpfel, Bergkäse aus eigener Kuhmilch, frische Zwiebeln, Tomaten und Paprika – alles aus eigenem Anbau, hier oben ist man Selbstversorger. "Ins Tal runter dauert es knapp zwei Stunden, deshalb gehen wir nur einmal pro Woche in den nächsten größeren Ort, um einzukaufen, was wir hier oben nicht selbst produzieren können: Salz, Zucker und Kaffee", sagt Maria.

Seit 2005 ist der kleine Bergbauernhof ans Stromnetz angeschlossen, seit Kurzem ist die Familie dank Smartphone und Internet etwas näher an den Rest der Welt herangerückt. Dennoch ist Cristian besorgt um seine Freunde, denn wenn die kleine Luminica nächstes Jahr auf das Gymnasium geht, dann bleibt nur eines: "Sie werden nach Herkulesbad ziehen müssen und das Bergbauernhaus aufgeben", sagt er. "Hier oben gibt es nur eine Volksschule, das trägt zusätzlich zur Abwanderung bei – die meisten Jungen wie Maria sind ohnehin schon weg."

Feigenbäume an der Donau

Vom Cerna-Tal zählt zu einer der schönsten Stellen an der Donau: dem Eisernen Tor an der serbisch-rumänischen Grenze. Unser Quartier liegt direkt am Donau-Stausee und wartet mit einem hübschen Ausblick auf die Kessel-Engstelle auf. Direkt gegenüber ist am serbischen Ufer die mehr als 1900 Jahre "Tabula Traiana"-Marmortafel zu erkennen, die die alten Römer anlässlich der Fertigstellung einer Straße von Rumänien bis hinauf zur Donauquelle aufstellten.

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Wildromantisch, zerklüftet – der Nationalpark Cerna-Tal  
Bild: Laglstorfer

Wildromantisch, zerklüftet – der Nationalpark Cerna-Tal

 

Wir baden in der warmen Donau und besichtigen den riesigen, aus Fels gehauenen Kopf des Dakerkönigs Decebalus, der gegen die Legionäre aus Rom eine Schlacht, aber nicht den Krieg gewann. Schließlich wandern wir an Feigen-, Ahorn- und Haselnussbäumen entlang auf das Ciucaru Mare-Plateau, dessen südliche Kalksteinwand 250 Meter senkrecht zur Donau hinabstürzt und einen großartigen Fernblick bietet. "Viele meiner Landsleute wissen nicht, dass es Feigenbäume in Rumänien gibt. Hier an der Donau werden Landschaft und Klima angenehm mediterran", sagt Cristian.

Wir steigen ab in den Ponicova-Canyon und stehen bald vor der Öffnung einer riesigen Höhle, die ein natürlicher Tunnel zur Donau ist. Dort bestaunen wir mit Taschenlampen eine kapellenartige Tropfstein-Galerie und waten barfuß durch eiskaltes, knöcheltiefes Wasser hin zum Licht, wo die Donau fließt. Die Sonnenhungrigen verlassen die Höhle schwimmend, in die immer wieder Touristenboote einfahren. Am Ufer wartet das bestellte Boot des orthodoxen Dorfpfarrers, der die schwarze Kutte ab- und ein sommerliches Matrosenoutfit angelegt hat.

In rasanter Motorbootfahrt passieren wir die schönsten Stellen des Eisernen Tors: Das nur von einer einzigen Nonne bewohnte Kloster Valea Dunarii, den Decebalus-Felsenkopf und die berühmte Tabula Traiana am serbischen Ufer, bevor wir direkt bei unserer Unterkunft den Anker werfen.

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Temeswar: Kein anderer Ort in Rumänien hat mehr historische Bausubstanz.  
Bild: Laglstorfer

Temeswar: Kein anderer Ort in Rumänien hat mehr historische Bausubstanz.

 

Den Abschluss der Reise bildet die altösterreichische Multikulti-Metropole und Banater Hauptstadt Temeswar, wo Cristian seit vielen Jahren lebt. Kein anderer Ort in Rumänien hat so viel historische Bausubstanz: 15.000 Gebäude tragen Barock oder Wiener Jugendstil, dementsprechend viel gibt es zu entdecken. "Lebendigkeit und Kulturangebot von Temeswar können durchaus mit Zürich mithalten", zeigt sich die Schweizer Lehrerin Franziska begeistert, wo auch die Revolution gegen Ceausescu ihren Anfang genommen hat. "Vielleicht kehre ich nächstes Jahr mit meinen Schülern hierher zurück", sagt Franziska zum Abschied.

Die nächsten Reisetermine sind: 11. bis 22. Mai, 6. bis 17. August und 7. bis 18. September 2016 www.weltweitwandern.at

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