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Kunst am Bordstein

Vergängliche Kunst am Bordstein. Miniaturgemälde von Streetart-Künstler Pablo Delgado. Bild: Niedermeier, srt

Kunst am Bordstein

Alteingesessenes musste im Londoner Stadtteil Hackney olympischen Bauten weichen. Aber noch blüht dort die Straßenkunst.

Von Robert Niedermeier, 21. Juli 2012 - 00:04 Uhr

Pink leuchtet ein Pilz aus gehärtetem Schaumstoff im Sonnenlicht, warmer Wind weht durch das schulterlange, braune Haar von Christiaan Nagel. „Pilze sind schön, sie finden überall ihre Nische und gedeihen im Schatten“, sagt er.

Wer durch Hackney schlendert, entdeckt die bunten Pilzskulpturen des Hippie-Künstlers Nagel auf Dachvorsprüngen ebenso wie Gemälde von Streetart-Legenden wie Bansky oder Roa auf kupferroten Backsteinhauswänden und die Miniaturen von Pablo Delgado am Bordsteinrand.

Für Christiaan Nagel ist London ein Paradies: „Kunst genießt einen hohen Stellenwert“, sagt der vor zwei Jahren aus Kapstadt zugewanderte Bildhauer: „Zudem sind die Leute im East End tolerant und neugierig.“

Neugierde sollten auch Touristen mitbringen, die sich mit Richard Howard Griffin auf Tour durch den Osten Londons begeben. Der Student hat sich als Streetart-Guide einen Namen gemacht. Die meisten Besucher zieht die Straßenkunst hierher, nur am Wochenende wirkt noch der Blumenmarkt auf der Columbia Road als Magnet. Dann drängen sich hippe Pärchen, junge Mütter und Kunststudenten mit Hornbrille durch das Bio-Blumen-Meer, stauen sich vor Marktständen oder trinken auf der Ezra Street einen fair gehandelten Kaffee im „Jones Dairy“.

Griffin wartet mit seiner kleinen Touristengruppe auf Steve Wheen, einen kauzigen Straßenkünstler. Der Grafiker hat sich in Hackney als Schlagloch-Künstler etabliert. „Kleine Momente des Glücklichseins“ möchte er erschaffen. Deshalb verschönert der 32-Jährige Schlaglöcher oder tiefe Risse in Häuserwänden mit bunten Blumen. Diesen Sommer ganz im Zeichen von Olympia. „100-Meter-Lauf“ nennt er sein temporäres Kunstwerk in einer Seitengasse der Voss Street. „Die Leute gehen sehr respektvoll mit meinen Kunstwerken um“, sagt Steve. Manche Anwohner kümmerten sich den ganzen Sommer um die Kunstwerke vor ihrer Haustür: „Sie nehmen in meinem Sinne kleine Renovierungen vor, wenn Wetter oder Verkehr Schäden anrichten.“

Es sind die Künstler, die im ehemals als gefährlich geltenden East London Pionierarbeit leisten. Östlich der etablierten Unterhaltungsquartiere von Londons Zentrum sind die Mieten noch relativ preiswert. Griffin sieht die Entwicklung kritisch: „Ich verdiene Geld durch das Interesse an Hackney, aber wenn sich immer mehr Cafés ansiedeln und teure Lofts bewohnt werden, leidet die Subkultur bald an steigenden Mieten.“

Bislang hat Hackney seinen rauen Charme nicht verloren. An der Scrutton Street stößt Griffins Trupp auf Probs. Der Streetartist balanciert auf einem Gerüst und sprayt was seine Farbdosen hergeben. Düstere, aggressive Energie strahlt sein Wandgemälde aus. „Keine Fotos“, schnauzt er von der Leiter herunter. Griffin grüßt nett und beruhigt seine Tour-Teilnehmer: „Kein Problem, das ist ein alter Reflex aus Zeiten, als Graffiti noch unter Strafe stand.“ Auch Griffin wurde einmal verhaftet. „Da war ich noch ein Teenager, heute haben die Politiker erkannt, dass Kunst einen Wert besitzt, der sich auf Dauer auch finanziell bezahlt macht.“

Minuten später entdecken die Hackney-Touristen Carl Cashman bei seiner Arbeit. Rot-weiße Rautenmuster bestimmen das Eisentorgemälde des Wollmützenträgers mit den Rastalocken. „Ich habe keine Meinung zu meiner Arbeit, ich tue es einfach ...“, sagt er.

„Kunstdiebe“ heißt indes ein Kunstwerk von Sprayer Stik. Griffin erklärt vor dem ehemals rostigen Eingangstor auf der unweit gelegenen Pitfoeldstreet die Bedeutung des Strichmännchen-Bildes. „Das große Geld bestimmt immer stärker, wohin die Kunst sich zu bewegen hat“, klagt der Aktivist: „Die Künstler werden mit Unsummen geködert, verlassen die Straßen und malen stattdessen auf Leinwand. Denn eine Mauer oder ein Eisentor lassen sich nicht an Sammler verkaufen“, klärt Griffin auf.

Andere passten sich dem Zeitgeist an und sprayten eigentlich nur noch aus Marketinggründen. Ganz dem Thema Olympia hat sich etwa der international berühmt-berüchtigte Streetartist Pablo Delgado verschrieben und präsentiert Olympia-Fieber am Straßenrand. Delgados Miniaturgemälde, die am Bordstein leuchten, zeigen Läufer oder Weitsprungsportler:

Auch Griffin profitiert vom Boom. Zusammen mit Freunden hat er die App „Streetart London“ entwickelt. Damit können Touristen Kunstwerke entdecken.

Street Art London Tours, hello@streetartlondon.co.uk; streetartlondon.co.uk; Visit London: www.visitlondon.com

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