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Das Ziel lag nicht am Weg

Der gebürtige Kirchschlager Ferdinand Kaineder (54) übernimmt im Juni in Wien die Leitung des Medienbüros der Frauen- und Männerorden Österreichs. Bild: Kaineder

Das Ziel lag nicht am Weg

Ganz Österreich und der mitteleuropäische Raum sind von Weitwanderwegen durchzogen. Eine Wanderung Richtung Norden, nach Volkenroda.

Von Ferdinand Kaineder, 19. Mai 2012 - 00:04 Uhr

Das Mühlviertel verlasse ich am dritten Tag ganz im Norden über Schwarzenberg. Schnee zwingt mich auf die Südvariante des Goldsteiges. Der bringt mich nach Falkenberg und Waldsassen. Ab dort wäre ein konsequenter Nordkurs einzuschlagen, nach Wittenberg. Es geht gut. Der Körper hat die Gehbewegung nach gut einer Woche wieder aufgenommen. Etwa 25 bis 35 Kilometer liegen täglich hinter mir. Ich bin alleine unterwegs. Übernachtungen finden ist bis jetzt immer gelungen. Zur Not habe ich eine Matte und einen Schlafsack dabei. Ich merke, dass der Start mit 15. März sehr früh angelegt ist. Es begrüßen mich Winterreste.

Anstatt wärmer wird es von Tag zu Tag kälter. Die wunderschöne Gegend im Mühlviertel, Bayrischen und Oberpfälzer Wald schläft noch. Sie ist kahl und die Bauern bearbeiten Felder mit Gruppern, Eggen, Saatmaschinen und Güllefässern. Das Querfeldeingehen wird damit für Schuhe und Nase eine immer größere Zumutung. Das bedeutet, konsequenter am markierten Wanderweg zu bleiben. Mitten auf der 750 Kilometer langen Wegstrecke hängt an der Klostermauer von Waldsassen die große Tafel „Via Porta“. Sie löst eine spontane Idee aus. Das ursprüngliche Ziel liegt mit einem Mal nicht mehr auf meinem Weg. Bis dorthin waren „Wittenberg“ und „Freiheit geht“ die „Keywords“ meiner auf einen Monat angelegten Wanderung. Das Ziel „Evangelisches Kloster Volkenroda“ und der Weg „Ökumenischer Pilgerweg Via Porta“ mischen alles in mir so auf, dass ich mir die Freiheit gebe, das neue Ziel aufzunehmen.

Über folgenschwere Entscheidungen schlafe ich immer eine Nacht. Nach dem Frühstück ist klar: Freiheit geht und ein neues Ziel liegt am mir noch gänzlich unbekannten Weg. Von Volkenroda aus wurde 1133 das Kloster Waldsassen gegründet. Ich lasse Wittenberg im Norden liegen. Das mehr als 350 Kilometer entfernte Kloster Volkenroda, das mir bis zu diesem Augenblick unbekannt war, zieht mich an.

Neue Ideen nehmen Platz

Das Einzigartige dieses Weges ist, dass er von einer katholischen Abtei von Zisterzienserinnen in das von der evangelischen Jesusbruderschaft wieder aufgebaute Gründungskloster führt. Neue Ideen und Gedanken nehmen beim Gehen Platz, weil das Alte zurückgelassen wurde. Der bisherige Weg hat meinen Kopf und Körper geleert. Ein Gebet ist Stille und ein Hören. Vergangenes entschwindet und Neues wird immer größer. Im Rucksack hat das Wenige, was man braucht, leicht Platz und Menschen am Weg haben das andere Nötige wie Bett, Dusche und Essen. Mit jedem Tag wird nicht nur die körperliche Kondition besser, auch die mentale Weite nimmt zu. Ich verspüre keine großen körperlichen Hindernisse. Das liegt an den guten Waldviertler-Schuhen. Die Socken bleiben ungewaschen. Sie versöhnen sich so besser mit der Haut.

Zurück nach Waldsassen am fünfzehnten Tag. Das neue Ziel Volkenroda hat Konsequenzen. Statt Sachsen ist Thüringen im Visier. Das Heftchen mit der Wegbeschreibung ist die Basis für alle weiteren Schritte. Und so wird das Gehen, das Wandern in diesem Fall, zum Pilgern. Beklemmende und berührende Momente haben den Weg an der ehemaligen Grenze zur DDR begleitet. Menschen am Weg schildern, wie vor der Wende der berühmteste Weitwanderweg Deutschlands, der Rennsteig, nach zwei Dritteln am Stacheldraht endete.

Angesichts dieser Tatsachen empfinde ich den Schnee, der sich ein paar Mal unter die Schuhe schiebt oder die Zäune und Bäche, die mir beim Querfeldeingehen im Weg sind, als leichte Hindernisse. Am Fluss Eger in Tschechien muss ich das Querfeldeingehen allerdings büßen. Der „Abschneider“ stellt sich als eineinhalbstündige anstrengende Moorwanderung heraus, um eine Brücke zum Übersetzen zu finden. Abseits der Strecke begegne ich allerdings drei Biberkulturen. Solche Erfahrungen lassen mich den Satz immer wieder meditieren: Wer den Weg nicht verliert, bleibt auf der Strecke.

Meine Erfahrung nach der achtundzwanzigtägigen Österreichdurchquerung 2004 am 04- und 06-Weitwanderweg, dem zweiundfünfzigtägigen Weg nach Assisi durch Österreich am 09-Weitwanderweg, dem sechsundzwanzigtägigen Weg nach „Norden“, unzähligen Bergwochen und Pilgertagen lehrt: Gehe drei Tage sieben Stunden lang und es ist ein guter Beginn. Gehe sieben Tage sieben Stunden und du gehst, denkst und atmest anders. Gehe 21 Tage sieben Stunden lang und du spürst Körper, Geist und Seele neu.

Ca. 750 Kilometer von Kirchschlag bei Linz nach Volkenroda in Thüringen. 24 Gehtage, 2 Tage Pause. Broschüre: Goldsteigwandern und Via Porta. Kein GPS, keine digitalen Karten, kein Datenroaming, wichtige Telefonate am Abend. Die genaue Route auf www.kaineder.at/wordpress/?p=3004

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