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152 Tage lang verreist

Maria Kapeller Bild: Kapeller

152 Tage lang verreist

Man kann nicht fünf Monate lang ununterbrochen in Urlaubsstimmung sein. Wie es sich anfühlt, fast ein halbes Jahr auf Reisen zu sein, darüber schreibt Maria Kapeller.

Von Maria Kapeller, 12. September 2015 - 00:04 Uhr

Die Zeit vergeht ja eh so schnell! Wenn ich Sätze wie diese in E-Mails meiner Freunde las, schüttelte ich den Kopf. Was wollten sie mir damit sagen? Dass ihr eigenes Leben zu schnell verrinnt und ein einziger Strudel aus Arbeit und Freizeitstress ist? Oder dass meine Reise "eh" bald vorbei sei? War es nur eine leere Floskel, gedankenlos in den Computer getippt?

Meine Zeit, die verging jedenfalls langsam. Extrem langsam, schön langsam, intensiv langsam. Es war keine Ewigkeit, es waren 152 Tage. Anders gesagt: fünf Monate. Es war gleichzeitig ein lang ersehnter Traum und der für mich ganz natürliche Fortlauf meines Lebens: eine Reise um die halbe Welt. Mit dem Rucksack von Hongkong über Vietnam nach Neuseeland, Australien, Singapur, Malaysia, Thailand und Kambodscha. "Schönen Urlaub noch!", schrieben die Freunde in ihren Mails.

Aber ich sträube mich, so eine Reise "Urlaub" zu nennen. Wer fährt schon fünf Monate lang auf Urlaub? Ich jedenfalls nicht. Teilt man sich im Urlaub in manchen Nächten mit Kakerlaken das Zimmer? Schleppt man einen 14 Kilo schweren Rucksack durch die Gegend? Schläft man im Mehrbettzimmer und kocht selbst? Rumpelt man tagelang in Bussen und Zügen durch die Landschaft? Manche vielleicht, denn jeder reist anders. Zum Glück.

Erholen auf hohem Niveau?

Die Mehrheit stellt sich unter Urlaub aber ein Erholen auf hohem Niveau vor, ein schickes Hotel, jeden Morgen ein ausgiebiges Frühstücksbuffet. Keine Frage, wer für längere Zeit verreist, gönnt sich auch mal Luxus, verbringt zwischendurch ein paar Strandtage oder faulenzt den ganzen Tag lang in der Hängematte. Aber vielen Langzeitreisenden geht es nicht darum, nur faul auf der Haut zu liegen. Sie wollen tief und wahrhaftig in die Welt eintauchen, nähren Herz und Seele an der Vielfalt der Natur, der Buntheit des Lebens und den Begegnungen mit anderen Menschen.

Es gibt Millionen von Dingen, die man auf so einer Reise anstellen kann. Die Liste ist endlos lang, und das simple Nichtstun steht dabei meistens gar nicht so weit vorne. Oft versinkt man stundenlang im Chaos einer Stadt. Geht bewusst verloren. Radelt endlos lang der Sonne entgegen oder schaut Kindern beim Baden im Fluss zu. Irgendwie macht man immer was, aber viel bewusster als daheim, wenn man den Job, den Großeinkauf, die nächste Familienfeier und ständig eine ewig lange To-Do-Liste im Kopf hat.

Als ich nach Hause kam, gingen die Fragen weiter. "Hast du dich wieder eingelebt in Österreich?" Das wusste ich selbst nicht. Der lange Heimflug ist wie ein Transit zwischen dem Leben als Reisender und dem Leben daheim. Nach der Ankunft stellt man sich die Frage: Mag ich dieses, mein altes Leben überhaupt? Mochte ich es je? Das hört sich tragisch an. Aber es ist vielmehr bereinigend. Denn, egal wie die Antwort lautet, man entscheidet sich in der Folge viel bewusster als jemals zuvor für eine Art zu leben. Für mich ist es nicht schwer, in Österreich "anzukommen". Ich habe es schon oft gemacht, nach langen und nach kurzen Reisen. Österreich ist die absolut geschätzte Heimat, der sichere Hafen. Innere Zerrissenheit spüren viele, die mal länger verreist sind oder in einem anderen Land gelebt haben. Das muss aber nichts Negatives sein. Es ist viel mehr die Gewissheit, dass man auch andernorts glücklich sein kann. "Was hat dir am besten gefallen?", das war eine andere Frage, die mir Leute nach der Rückkehr gern stellten. Am besten? Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Ich war ausgebrochen aus dem rationalen Denken, dem Abhandeln von Themen, dem Beantworten von Fragen nach Schema F.

Gute und schlechte Tage

Vieles hatte mir gefallen, manches nicht so. Es gab gute und schlechte Tage, denn es war das ganz normale Leben. Man kann nicht 152 Tage lang in bester Laune sein. Man sieht und erlebt Dinge, die weit abseits von Hotelanlagen passieren. Und wenn es einem einmal schlecht geht, dann macht man das, was man daheim auch tut: Man verkriecht sich, man redet mit jemandem darüber oder kauft sich eine Tafel Schokolade. Wenn man sich auf so eine Reise hundertprozentig einlässt, denkt man viel nach, ist auch mal alleine, an manchen Tagen ist man träge, an anderen stürzt man sich voll ins Geschehen, egal was kommt.

Man schwebt außerhalb der eigenen Komfortzone, aber es fühlt sich großartig an. Weil man merkt, dass noch so viel mehr in einem steckt, als man geahnt hatte. Weil man Orte entdeckt, mit denen man sich auf wundersame Weise verbunden fühlt. Menschen trifft, die man umarmt, als würde man sich ewig kennen. Tränen lacht und jeden Tag voller Unbeschwertheit ist. Aber auch schwitzt, flucht, sich selbst infrage stellt.

Absolute Freiheit

Im Alltag hat man oft weder Kraft noch Muße, eine solche Intensität überhaupt zuzulassen. Welche Strände oder Sehenswürdigkeiten am schönsten sind, ist dabei reine Nebensache. Es geht um einen Gefühlszustand, um absolute Freiheit, ein Eintauchen in Welten, von denen man niemals geahnt hätte. Um zwischenmenschliche Erfahrungen, Kleinigkeiten, die unheimlich bereichern.

Es ist Glück, das ganz tief von innen kommt. Jeden Tag neue Emotionen. Vertrauen in die Welt. In sich selbst. Eindrücke, die das Hirn zum Querdenken ankurbeln. Die eigenen Gedanken werden weniger oberflächlich. Dasselbe gilt für die Gespräche mit anderen. Man redet nicht über Termine, Geld, Erfolg. Muss nicht versuchen, sich darzustellen. Man redet über das, was einen bewegt. Alles, was man besitzt, trägt man am eigenen Leib und im Rucksack. Materielles wird nicht nur zweit-, sondern absolut letztrangig.

Manchmal, ja manchmal hat man das Glück, eine wahre Freundschaft auf Augenhöhe mit einem Menschen aus einem der besuchten Länder zu knüpfen. All das schafft Platz für eine Masse an Dingen, die man mit Geld nicht kaufen kann. Und das, um die Frage doch noch zu beantworten, hat mir am besten gefallen.

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