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Innenpolitik

Weniger Corona-Tests? "Offenbar steigt nur die Zahl an Pressekonferenzen"

Von nachrichten.at/apa   28. März 2020 17:59 Uhr

ABD0026_20200324 - WIEN - ÖSTERREICH: (v.l.), Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Dienstag, 24. März 2020, im Rahmen der Pressekonferenz "Aktuelles zum Coronavirus". - FOTO: APA/HANS PUNZ - CoronaBKA2020

WIEN. Der von der Regierung angekündigte Ausbau der Coronavirus-Tests auf 15.000 pro Tag lässt auf sich warten. Die Opposition reagierte am Samstag mit harscher Kritik, laut Gesundheitsministerium seien die Zahlen "erst über mehrere Tage aussagekräftig".

Knapp 43.000 Tests auf SARS-CoV-2 sind bis Samstag in Österreich durchgeführt worden, wobei die Neos errechnet haben, dass die Testzahlen im Verlauf der vergangenen Woche entgegen der von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ausgegebenen Devise ("Testen, testen, testen!") nicht zu, sondern abgenommen haben.

Demnach sank die Zahl der Tests von 4.962 am Montag kontinuierlich auf 3.198 am Freitag. Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker zeigte sich angesichts dieser Entwicklung am Samstag "schwer enttäuscht". "Offenbar steigt nur die Zahl an Pressekonferenzen rapide, nicht aber die der überlebenswichtigen Corona-Tests, die essenziell zur Bekämpfung des Virus sind", stellte Loacker fest. Wenn die Regierung schon 15.000 Tests pro Tag verspreche, so erwarte er sich zumindest einen spürbaren Anstieg seit der Ankündigung, nicht aber einen Rückgang.

Diese Entwicklung sorgte auch bei der SPÖ und der FPÖ für heftige Kritik. FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz sprach von einer "Verhöhnung der Bevölkerung". Die Politik von Kurz und Anschober bestehe "aus Tarnen und Täuschen. Die Österreicherinnen und Österreicher werden zum Narren gehalten". "Fassungslos" zeigte sich SPÖ-Gesundheitssprecher Philip Kucher. Er warf der Regierung in einer Aussendung auch "Zögerlichkeit" bei der Beschaffung der für Corona-Patienten wichtigen Beatmungsgeräte vor. Bundeskanzler Kurz habe vor kurzem bei einem deutschen Hersteller für Medizinprodukte 1.000 Geräte bestellt, sei aber offenkundig zu spät dran gewesen, so dass jetzt nur 50 Geräte geliefert würden, bezog sich Kucher auf einen Bericht des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Kucher verlangte, dass "endlich eine zentrale Beschaffung von der Schutzbekleidung, über die Test-Kits bis hin zu den Beatmungsgeräten funktionieren muss". 

Ministerium: Zahlen sind nicht immer aktuell

Das Gesundheitsministerium hat den Vorwurf der Neos zurückgewiesen, die täglichen Tests auf SARS-CoV-2 hätten im Verlauf der vergangenen Woche von knapp 5.000 auf 3.200 abgenommen. Diese Behauptung stimme nicht. "Viele neue kleine Labors, die seit kurzem neu Testungen durchführen, sind noch nicht per Schnittstelle mit dem elektronischem Erfassungssystem verbunden", hieß es aus dem Ministerium.

Positivtests würden natürlich sofort gemeldet. Aber die Gesamtmenge der Tests sei oft höher als in der Statistik sichtbar, stellte das Ministerium am Samstagnachmittag in einer Stellungnahme klar. Wenn Wochenendtests etwa erst am Montag eingemeldet werden, erhöhe das außerdem den Tageswert. Eine Einmeldung sei nicht zwingend synchron zur Testung bzw. Analyse. Daher sei selbst bei einer Kapazitätserhöhung auf Länderebene ein "scheinbarer Rückgang theoretisch möglich".

Zahlen seien "erst über mehrere Tage aussagekräftig", betonte das Gesundheitsministerium. Bedingt durch die Aufarbeitung von Testrückständen könne es zu Schwankungen kommen. Um Unregelmäßigkeiten zu vermeiden, kündigte das Ministerium eine zentrale Einmeldung in das Epidemiologische Meldesystem (EMS) an.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte bereits am Freitag betont, dass die Zahl der Testungen durch die Menge an Reagenzien limitiert ist, die am Weltmarkt erhältlich sind. "Die Laborkapazität konnte bereits auf 15.000 Tests pro Tag ausgebaut werden, wird allerdings durch die Menge an am Weltmarkt erhältlichen Reagenzien beschränkt", bekräftigte dazu das Ministerium am Samstag.

Regierung legt Fokus auf "harte Indikatoren"

Die Berechnungen der türkis-grünen Regierung zum Coronavirus werden adaptiert. Man will sich ab jetzt zunehmend auf "harte Indikatoren" wie Spitalsaufenthalte und Intensivbetten und nicht mehr alleine auf die Wachstumskurven mit Neuinfizierten konzentrieren. Das erklärte Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) im Interview mit der "Presse am Sonntag".

"Ursprünglich hat sich unsere Statistik auf die Neuinfizierten konzentriert. Jetzt gehen unsere Modellrechner eher dazu über, die harten Indikatoren - so brutal das klingt - zu betrachten. Die da wären: Wie viele Corona-Patienten müssen ins Krankenhaus? Und wie viele auf die Intensivstation? Denn dort ist der Engpass. Von den Kapazitäten im Gesundheitswesen leitet sich dann alles Weitere ab. Am Montag werden wir einen Zwischenbericht abgeben", kündigte Kogler an.

Er bremst auch Hoffnungen auf baldige Normalisierung. "Wenn wir die Verlaufskurven anschauen, dann werden wir demnächst nicht mit drei Intensivpatienten und einem Todesfall pro Tag rechnen müssen. Sondern mit deutlich mehr. Diese Entwicklung wird eine Zeit lang auch exponentiell sein." Die Ausbreitung des Coronavirus könne nicht mehr verhindert werden, sagt Kogler. Es gehe darum, Leben zu retten.

"Das oberste Ziel ist, Leben zu retten. Oder es soll zumindest nicht gestorben werden, nur weil die intensivmedizinischen Kapazitäten nicht ausreichen. Das ist ja das, was wir in Italien und Spanien erleben und demnächst wohl in Großbritannien. Das wollen wir verhindern und den Menschen sonst so viele Freiheiten wie möglich lassen. Es bleibt eine Gratwanderung", so der Vizekanzler. Er deutete an, dass Schulen, Universitäten und Veranstaltungen wahrscheinlich als letzte im Zuge einer schrittweisen Lockerung der Maßnahmen geöffnet würden.

Nachschub in Sicht

Am Samstag war Nachschub zumindest bei medizinischen Hilfsmitteln in Sicht. Für Samstagabend wurde eine AUA-Maschine aus Malaysia mit zehn Millionen medizinischen Handschuhen erwartet. "Die dringend erwartete Lieferung wurde durch den unermüdlichen Einsatz unserer Botschaft in Kuala Lumpur und Botschafter Michael Postl ermöglicht", teilte das Außenministerium mit.

Samstagmittag hatte eine weitere Sondermaschine Österreicher nach Hause gebracht. 71 Einheimische kehrten aus Lima zurück. Wie eine Sprecherin des Außenministeriums erklärte, hatten sich in der nahezu voll besetzen Maschine insgesamt 289 Passagiere befunden. Der Notflug aus der peruanischen Hauptstadt war der mittlerweile 31. Repatriierungsflug im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. "Dieser Notflug ist gelebtes Beispiel dafür, dass die europäische Zusammenarbeit auch in Krisensituationen gut funktioniert. Neben 71 Österreicherinnen und Österreichern konnten wir Menschen aus 16 weiteren EU-Ländern und elf Drittstaaten die sichere Rückkehr nach Europa ermöglichen", stellte Außenminister Alexander Schallenberg fest.

Bisher wurden - die Maschine aus Lima mit eingerechnet - rund 5.600 Österreicher heimgeflogen. Für die kommenden Tage sind weitere Sonderflüge aus Indonesien, Malaysia, von den Philippinen, aus Vietnam, Chile, Argentinien und Australien geplant. Was die Situation der auf den Philippinen gestrandeten Urlauber betrifft, berichtete Außenministerium-Sprecher Peter Guschelbauer am Samstagnachmittag: "Zahlreiche auf den Inseln gestrandete österreichische Touristen konnten heute rechtzeitig vor dem Abflug des morgigen AUA- Repatriierungsflugs mit zwei von der Botschaft organisierten Charterflügen nach Manila gebracht werden. Eine sehr erfolgreiche Aktion und viele sichtlich erleichterte Österreicher, die gerade in Manila angekommen sind und die sich nun auf den Heimflug freuen!" Auf Ersuchen vieler Botschaften hätten sich auch etliche Bürger anderer EU- und Drittstaaten für den Sonderflug nach Europa angemeldet.

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