Lade Inhalte...

Innenpolitik

Mutation bringt eine "Pandemie in der Pandemie"

05. März 2021 06:16 Uhr

Mutation bringt eine "Pandemie in der Pandemie"
Minister Rudi Anschober

WIEN. Mehr als 3000 Neuinfektionen pro Tag für nächste Woche prognostiziert – Junge am meisten betroffen.

"Möglichst rasch eine Trend–umkehr schaffen", das forderte am Donnerstag Herwig Ostermann, Chef der Gesundheit Österreich GmbH, bei einer Online-Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne). Die steigenden Corona-Infektionszahlen sind laut Ostermann nicht auf das viele Testen zurückzuführen. Es handle sich um einen "tatsächlichen Anstieg", der auf die Krankenhäuser durchzuschlagen drohe. Anschober warnte vor einer "Wiederholung des Herbstes" und ließ offen, ob die am Montag verkündeten Lockerungen (Jugendsport und Vorarlberg Mitte März, Gastgärten Ende März) tatsächlich umgesetzt werden. Am 15. März werde evaluiert, so Anschober.

Gestern wurden bundesweit 2324 Neuinfektionen registriert, die Zahl der Spitalspatienten stieg um zehn auf 1425, jene der Intensivpatienten sank von elf auf 302. Die Prognosen sind schlecht. Laut den Experten des "Covid-Prognose-Konsortiums" ist kommenden Mittwoch mit 3200 Neuinfektionen zu rechnen, eine Woche später mit 420 Intensivpatienten.

"Das Ruder zeigt leider in die falsche Richtung", sagte Anschober. Die ansteckendere britische Virusmutation bringe eine "Pandemie in der Pandemie". Ostermann erklärte, dass man die ursprüngliche Variante unter Kontrolle habe, bei der britischen sei das anders.

Jetzt in Hinterhöfen Partys zu feiern, sei "das Schlechteste, was man tun kann", warnte Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Zentrums für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Unter den Jungen hat sich das Coronavirus vergangene Woche am stärksten verbreitet. Laut einer Analyse der Bundesgesundheitsagentur AGES betrug die Sieben-Tage-Inzidenz bei den 15- bis 24-Jährigen bzw. 5- bis 14-Jährigen 209,9 bzw. 202,3.

Anschober fordert strikteres Contact Tracing ein

"Wenn es in einzelnen Regionen Probleme beim Contact Tracing gibt, appelliere ich dringend, die Unterstützung der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Anm.) anzufordern. Genau dafür haben wir die Task-Force der AGES gegründet", betonte der Minister.

Darüber hinaus bekräftigte Anschober die Notwendigkeit eines Sicherungsnetzes zur Begrenzung regionaler Hotspots, das man am vergangenen Montag bei Beratungen mit Experten und den Landeshauptleuten fixiert habe. "In Planung ist eine Verordnung zu verpflichtenden Ausreisetestungen in Bezirken und/oder Gemeinden mit einer Sieben-Tages-Inzidenz über 400. Vorbild dafür ist jene Maßnahme in Tirol, die sich in den vergangenen 20 Tagen sehr gut bewährt hat", stellte Anschober fest. Dies habe "zu einer massiven Steigerung der Tests geführt und wesentlich dazu beigetragen, dass die Verbreitung der südafrikanischen Variante massiv verringert werden konnte".

Vorerst noch unklar war, wann die Verordnung erlassen und wann sie in Kraft treten wird. Was die politischen Bezirke betrifft, wären von Ausreisetestungen derzeit die zweitgrößte niederösterreichische Stadt Wiener Neustadt (488,8), der Kärntner Bezirk Hermagor (670,2) und der Salzburger Pongau (516,0) betroffen, wo die Sieben-Tages-Inzidenzen mit Stand Donnerstag, 14.00 Uhr deutlich über 400 lagen. In den im Pongau gelegenen Gemeinden Radstadt und Bad Hofgastein, die zuletzt einen extremen Anstieg bei den Infektionen zu verzeichnen hatten, tritt am Freitag für zwei Wochen eine Ausreisebeschränkung in Kraft. Die Gemeinden dürfen dann nur mehr mit einem negativen Corona-Test verlassen werden.

Noch am Donnerstagabend hat Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger (ÖVP) reagiert. In einem der APA vorliegenden Schreiben an Anschober hielt er fest, "darüber informieren" zu müssen, "dass in einer Stadt mit 50.000 Bewohnerinnen und Bewohnern, täglich 21.000 Aus- und 20.600 Einpendlern, 15.000 Passagieren des Öffentlichen Nahverkehrs, einer Hauptdurchzugsstraße mit 28.000 Kfz und als Verkehrsknotenpunkt für die gesamte Region diese Maßnahme ohne zur Verfügung Stellung von ausreichend zusätzlichem Personal nicht durchführbar ist". Aus dem Personalstand des Magistrats sehe er sich außerstande "dieses für die Kontrollen aufzustellen", so der Stadtchef. "Es wäre also notwendig, dass Ihr Ministerium über das Innenministerium ausreichend Kräfte zur Verfügung stellt."

Schneeberger betonte, dass er "selbstverständlich alle Maßnahmen umsetze und mittrage, die zu einem Sinken der Covid-19-Infektionen führen". Als mit dem Vollzug beauftragte Behörde ersuchte er jedoch gleichzeitig, "den Unterschied zwischen einem ländlichen Bezirk und einer urbanen Stadt zu berücksichtigen" und "um eine in der Praxis vollziehbare Verordnung". Ähnlich äußerte sich Gesundheitslandesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ). "Wir werden uns dagegen nicht wehren, aber wir werden Hilfe brauchen", sagte sie in der ZiB2 des ORF.

Gesetzesnovelle ermöglicht stärkere Eingriffe

Anschober hat Gesetzesnovellen in Begutachtung geschickt, die künftig stärkere Eingriffe ermöglichen. Dass Pädagogen und Berufsgruppen mit Kundenkontakt regelmäßige Corona-Tests umgehen dürfen, indem sie FFP2-Masken im Dienst tragen, könnte demnach abgeschafft werden. Nächtliche Ausgangssperren könnten schon bei nicht mehr funktionierendem Contact-Tracing verhängt werden.

Aus der Opposition kam Kritik. "Der Zwangstest kommt", sagte FP-Chef Norbert Hofer, die Bevölkerung sei angelogen worden. SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner will bei den Berufsgruppentests eine Sozialpartner-Einigung und warnte, dass die Regierung gerade in die dritte Welle hinein lockere. "Schockiert" zeigte sich Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker: Anschober habe nichts gelernt, seine einzige Antwort auf die Pandemie bleibe der Lockdown.

Interessieren Sie sich für dieses Thema?

Mit einem Klick auf das “Merken”-Symbol fügen Sie ein Thema zu Ihrer Merkliste hinzu. Klicken Sie auf den Begriff, um alle Artikel zu einem Thema zu sehen.

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr zum Thema

mehr aus Innenpolitik

125  Kommentare expand_more 125  Kommentare expand_less