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Innenpolitik

"Django hätte schnell schießen müssen"

Von Annette Gantner 17. April 2019 00:04 Uhr

Reinhold Mitterlehner beider Präsentation seines Buches "Haltung"

WIEN. Lange war es erwartet worden, heute wird Reinhold Mitterlehner sein Buch "Haltung" in Wien vorstellen. Darin zeichnet er unter anderem Kurz' Finten auf dem Weg zur Macht nach.

Auf 208 Seiten hat Mitterlehner seine Kindheit im Mühlviertel, den Einstieg in die Politik, den tragischen Tod seiner Tochter, die Herausforderungen der Finanz- und der Flüchtlingskrise sowie die Demontage durch Sebastian Kurz nachgezeichnet. "Machtübernahme" ist wohl jenes Kapitel, das auf das größte Interesse stoßen wird und dem VP-intern bang entgegengeblickt wurde.

"Haltung’ ist auch ein Buch gegen das Verschweigen", schreibt der Ex-VP-Obmann und -Vizekanzler zu Beginn. Es werde einige geben, die den moralinsauren Zeigefinger heben und sagen, man dürfe so etwas nicht schreiben. Aber genauso gut könne er fragen, welche Loyalität es ihm gegenüber gegeben habe. Mitterlehner bietet interessante Einblicke in die Mechanismen der Macht, ohne wehleidig zu sein oder Grenzen zu überschreiten. Er zeichnet Vieraugengespräche nach und zeigt auf, wie er sukzessive Alliierte verlor.

"Django hätte schnell schießen müssen"
Parteitag in Linz: Mitterlehner verzichtete auf eine Abrechnung.

Parteitag in Linz: Mitterlehner verzichtete auf eine Abrechnung.

Frage des Spitzenkandidaten

Noch bevor Mitterlehner VP-Obmann wurde, habe er Kurz vorgeschlagen, dass erst 2018 die Frage des Spitzenkandidaten entschieden werden solle. Kurz habe damals kein Interesse am Chefposten gezeigt. Doch mit dem Rücktritt von Kanzler Werner Faymann im Mai 2016 habe der VP-Jungstar den Druck erhöht. "Kurz hatte das Grand Design im Mai 2016 schon im Kopf, das er dann im Jahr 2017 auch umsetzte. Ich sollte für ihn die Koalition aufkündigen und den Schwarzen Peter nehmen, damit er unbefleckt in Neuwahlen gehen könne."

Der damalige Außenminister hatte demnach eine Umfrage in Auftrag gegeben, die zum Ergebnis kam, dass die Partei mit ihm 15 Prozent mehr an Stimmen erhalten werde. Unternehmer riefen Mitterlehner an und erzählten, dass Kurz bei ihnen bereits um Sponsoring werbe. In Boulevard-Medien wurden Intrigen lanciert.

Als SP-Kanzler Christian Kern im Jänner 2017 eine Überarbeitung des Regierungspakts forderte, stand die Koalition abermals auf der Kippe. Wieder wollte Kurz, dass Mitterlehner den Sprengmeister spiele. Dieser weigerte sich, daraufhin übernahm Innenminister Wolfgang Sobotka die Rolle. Staatssekretär Harald Mahrer vermittelte ein klärendes Gespräch zwischen Kurz und Mitterlehner an einer Wiener Hotelbar, doch auch mehrere Gin Tonics beruhigten die Lage nicht. Letztlich beendeten der VP-Vorstand und Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Neuwahlfantasien.

Mitterlehner wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war. Die Eskalationsspirale wurde weitergedreht, Kurz organisierte parallel Parteitreffen. Als die Minister Hans Jörg Schelling, Sophie Karmasin und Kurz einen Brief nach Brüssel wegen der EU-Familienbeihilfe schickten, war Mitterlehner nicht einmal eingebunden. "Das war der Anfang vom Ende", schreibt er. Die Unterstützung in der Partei fehlte, sein Rücktritt am 10. Mai 2017 sei deshalb schlüssig gewesen. "Als Politiker hätte ich, um stimmig als Django zu agieren, wohl schnell schießen müssen."

Für politisch Interessierte ist das Buch ein Dokument, das neben Privatem auch ein Stück Zeitgeschichte bietet. Wer eine knallharte Abrechnung erwartet hatte, wird enttäuscht. Mitterlehner gelingt die Gratwanderung zwischen Schlüsselloch und Selbstreflexion.

Video: Mitterlehner rechnet mit der ÖVP ab

 

Termine: Reinhold Mitterlehner wird heute das Buch "Haltung. Flagge zeigen in Leben und Politik" offiziell im Wiener Presseclub Concordia präsentieren. Redaktionell betreut wurde das Buch von Falter-Redakteurin Barbara Toth. Die OÖN werden die Präsentation ab 10 Uhr live übertragen. 

Am 24. April wird Mitterlehner um 19 Uhr in der Buchhandlung Thalia in Linz sein Werk vorstellen.

Reinhold Mitterlehner: "Haltung", Ecowin Verlag, 24 Euro

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Annette Gantner

Redakteurin Innenpolitik

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