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Innenpolitik

"Covid-19 ist eine heimtückische Krankheit"

Von Barbara Rohrhofer und Barbara Eidenberger   20. Oktober 2020 20:19 Uhr

LINZ. Von einem anfänglich leichten Verlauf dürfe man sich nicht täuschen lassen, sagt Mediziner Bernd Lamprecht.

Über so gut wie alle Fragen rund um das Thema Corona und Covid-19 sprachen die OÖN mit Primar Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde und einer der namhaftesten Corona-Experten im Land. Nicht nur zu den Themen in dem Artikel auf dieser Seite, sondern auch über Medikamente, Therapieformen, die kontroverse Frage der Herdenimmunität und den schwedischen Weg, die Aussagekraft von Tests und wie gefährlich Singen und Musizieren in geschlossenen Räumen ist, gab Lamprecht ausführlich Auskunft.

  • Das fast einstündige Gespräch in voller Länge als Video:

"Eine heimtückische Krankheit"

Verkürzte Quarantäne, symptomlose Verläufe und die Hoffnung auf eine baldige Impfung: Die OÖNachrichten sprachen mit Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler-Universitätsklinikum Linz, über die aktuelle Lage.

Covid-19: Eine eigentlich heimtückische Erkrankung, beschreibt Lamprecht: "Nach anfänglich leichten Anzeichen können nach einer Woche schwere Symptome auftreten." Das heißt, manche wiegen sich schon in Sicherheit und glauben, einen leichten Verlauf zu haben und stellen dann erst fest, dass auch Atemnot und Sauerstoffbedarf hinzutreten und sie ins Krankenhaus müssen.

Die zweite Welle: Ein neuerlicher Anstieg der Infektionszahlen sei mit dem Sinken der Temperaturen erwartbar gewesen, sagt Lamprecht. Aber: "Es hätte nicht so früh kommen müssen." Versäumnisse im Umgang mit der Pandemie sieht er nicht, auch wenn man sich eingestehen müsse, dass Fehler möglich seien: "Wir machen das zum ersten Mal durch und haben noch keine Erfahrungswerte."

Symptome: Der Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinnes sei einer der sichersten Hinweise, dass es sich um eine Corona-Infektion handelt. Trockener Husten und das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, seien ebenfalls typisch. Leider sei die Unterscheidung nicht einfach: "Die Diagnostik wird eine der großen Herausforderungen der kommenden Monate", sagt Lamprecht.

Dauer der Infektion: Von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit dauert es drei bis sieben Tage, was deutlich länger ist als bei der Influenza (ein bis drei Tage). Ist es in diesem Zeitraum zu keinem Ausbruch gekommen, kann man sich als geschützt betrachten.

Spät- und Langzeitfolgen: Patienten nach schweren Virusinfektionen klagen häufig über Abgeschlagenheit, mangelnde Belastbarkeit, Schlafstörungen und Atembeschwerden. Noch sei nicht abschätzbar, wie groß der Anteil jener ist, die anhaltend unter diesen Beschwerden leiden. Positiv sei, so Lamprecht, dass "wir so gut wie keine Lungenschäden sehen, die sich nicht schon nach drei bis sechs Monaten zurückgebildet haben."

Kinder: Ganz geklärt sei die Rolle von Kindern bei der Verbreitung des Virus noch nicht. "Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter erkranken seltener und weniger schwer." Entsprechend sei auch die Virusabgabe an die Umgebung reduziert. Trotzdem warnt Lamprecht: "Kinder können erkranken und Erwachsene anstecken." Entsprechende Fälle seien nachgewiesen worden.

Ansteckungsrisiken: Die meisten Infektionen passieren im privaten Umfeld. Statistisch betrachtet könnten durch Kontaktreduktion um 30 Prozent die Hälfte der Infektionen verhindert werden: "Daran zeigt sich, dass wir es selber in der Hand haben, wie wir über die nächsten Monate kommen."

Abstand: Tröpfchen haben beim normalen Sprechen eine Reichweite zwischen 60 und 90 Zentimeter. Daher komme die Empfehlung von einem Meter oder mehr. Wird laut gesprochen oder gesungen, reicht dieser Abstand jedoch nicht aus. Generell sei Abstand zu halten aber die einfachste und wirksamste Maßnahme gegen die Verbreitung des Virus.

Masken und Visiere: "Jede physikalische Barriere reduziert die Konzentration und macht eine Infektion unwahrscheinlicher", erklärt Lamprecht, warum Gesichtsbedeckung sinnvoll ist. Zudem sei ein Mund-Nasen-Schutz auch eine psychologische Barriere. Auch ein Visier würde mehr bringen, als gar nichts zu tragen: "Aber es vermittelt falsche Sicherheit und kann eine Maske nicht ersetzen."

Quarantänedauer: Die derzeit diskutierte Verkürzung der Quarantäne auf fünf Tage will Lamprecht nicht pauschal befürworten: "Die Frage ist, für wen: Menschen mit Symptomen, ohne Symptome oder nur Kontaktpersonen. Da sollte man differenzieren." Die höchste Ansteckungsgefahr besteht zwei Tage vor Symptombeginn und drei bis fünf Tage danach. Das sei bei einer Kürzung zu bedenken. "Diesen Preis einer Risikoerhöhung müssen wir gut kalkulieren", mahnt Lamprecht zur Vorsicht. Er rät bei einer kürzeren Quarantäne zu einem weiteren Test nach zwei symptomfreien Tagen. Ist dies nicht möglich, sei die "längere Quarantäne eine Sicherheitsmaßnahme."

Grippe und Corona: Beides würde am Anfang ähnlich beginnen, doch Corona sei ganzjährig ein Thema, es gebe noch keine Schutzimpfung und kein verlässlich wirksames Medikament. Die Sterblichkeit sei höher, vor allem für Menschen über 70 Jahre. "Ab diesem Alter sehen wir auch deutlich öfter schwere Verläufe."

An oder mit Covid verstorben? Das sei im Einzelfall zu betrachten, so Lamprecht zu dieser intensiv geführten Unterscheidungsdebatte. Man müsse überlegen, was der Auslöser war: "Wenn es die Corona-Infektion war, die dazu führte, dass man im Spital behandelt werden musste, ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Infektion verantwortlich war."

Vorerkrankungen: Die überwiegende Zahl jener Patienten mit einem schweren Covid-19-Verlauf hätte mehrere Begleiterkrankungen, so Lamprecht. Dazu gehören vor allem Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck.

Immunität und Antikörper: Bei der Frage nach der Immunität nach einer Covid-Erkrankung spielt nach den bisherigen Erfahrungen die Schwere der Erkrankung eine Rolle: "Bei ganz leichten Infektionen dürften die Betroffenen nicht sicher sein, immun zu sein." Dies sei aber nicht abschließend geklärt.

Test-Strategie: Die Forderung, Kontaktpersonen ohne Symptome nicht zu testen, kann Lamprecht nicht unterstreichen: "Wir haben Fälle von Ansteckungen, die durch Menschen ohne Symptome passiert sind." Die Teststrategie müsse ohnehin immer wieder überdacht werden: "Wir müssen die Tests natürlich gezielt einsetzen." Vorrangig sei die Testung jener, die Symptome haben. Dass die PCR-Tests fehleranfällig seien, kann Lamprecht nicht bestätigen: "Sie sind sehr zuverlässig."

Überforderung des Gesundheitssystems: Bei der Anzahl der Intensivbetten sei Österreich gut ausgestattet. Aber auch diese Kapazitäten könnten erschöpft sein, wenn ein bis zwei Prozent der positiv Getesteten auf einer Intensivstation behandelt würden, rechnet Lamprecht vor: "Aktuell geht sich das gut aus, sogar noch, wenn sich die Zahlen um den Faktor zehn erhöhen." Die Frage sei aber, was die Spitäler dann noch leisten könnten: "Es gibt ja auch andere schwere Erkrankungen, die behandelt werden müssen." Grundsätzlich müsse man derzeit nicht davor zurückschrecken, einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen: "Bei jedem ernst zu nehmenden Problem rate ich dringend dazu." Auch Vorsorgeuntersuchungen seien natürlich möglich.

Impfstoffe: Lamprecht rechnet damit, dass im ersten Halbjahr 2021 die aussichtsreichen Kandidaten für einen Impfstoff bekannt sein würden. Es sei weder realistisch noch notwendig, dass für alle Menschen Impfstoff zur Verfügung gestellt werden könne: "Mehr als 90 Prozent der Infizierten haben einen milden Verlauf." Impfungen seien für die Risikogruppen wichtig: Ältere und jene, die sich um diese Menschen kümmern. Das Virus werde bleiben, aber nicht in dieser Form, betont Lamprecht: "Die Möglichkeiten, damit umzugehen, werden besser. Wir müssen aber noch einige Monate mit den Maßnahmen leben."

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