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Innenpolitik

Schlechtes Zeugnis für Neue Mittelschule

Von Jasmin Bürger   03. März 2015 18:50 Uhr

Das Expertenurteil über die neue Schule fällt eher durchwachsen aus.

WIEN. Der Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule sieht keine Verbesserung zur Hauptschule.

Abgeliefert haben die Experten ihren von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) beauftragten Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS) schon mit Ende 2014. Die Veröffentlichung ließ auf sich warten, seit Dienstag sind die Ergebnisse nach einer ersten Präsentation in der Bildungsreformkommission (siehe Bericht unten) bekannt.
Der unter Federführung des Salzburger Erziehungswissenschafters Ferdinand Eder erstellte Bericht über die neue Schule fällt schlecht aus. So haben sich die Hoffnungen, dass sich die Schülerleistungen an den NMS im Vergleich zur Hauptschule verbessern, bisher nicht erfüllt, wie die OÖNachrichten erfuhren. Konkret heißt es im Bericht, dass es „keine belastbaren Hinweise gibt, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt“. Mehr noch: Es bestünden sogar „Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“.

Standortunterschiede

Recht unterschiedlich ist an den Schulen laut Experten auch die Umsetzung erfolgt: So haben zwar einige Standorte die neuen pädagogischen Konzepte als Unterrichtsmethode integriert, an jeder zweiten Schule allerdings ist das nur „unzureichend“ erfolgt.

„Nur teilweise“ sind laut Bericht auch „erwartete Begleitfolgen hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit eingetreten“. Die Wirkung bekannter Ungleichheitsfaktoren wie sozialer Herkunft würden sich nicht substanziell von der Situation an Hauptschulen unterscheiden. Lediglich für Schüler mit Migrationshintergrund könnte laut Experten durch den NMS-Besuch „ein kleiner Vorteil“ entstehen.
Eher positiv sind die Ergebnisse einer für die Evaluierung durchgeführten Studie zum Schulklima: Dieses habe sich im Allgemeinen verbessert, heißt es.

Einschränkend verweisen die Experten in ihrem Bericht allerdings auch darauf, dass der Beobachtungszeitraum relativ kurz ist, die Schulen also noch in einer Umstellungsphase seien.
Eine Erklärung, warum die NMS keine besseren Ergebnisse liefert, haben die Experten aber auch: Sie wurde „nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt“, eine „sozial durchmischte Schülerschaft“ ist an den NMS daher nicht vorhanden.

Für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) ist der Bericht das zweite durchwachsene Zeugnis zur Neuen Mittelschule. Der Rechnungshof hatte das Projekt in einer Prüfung Ende 2013 bereits heftig kritisiert und das Fehlen „zentraler Entscheidungsgrundlagen“ für die Einführung als Regelschule bemängelt. Ebenfalls kritisch verwiesen die RH-Prüfer auf die Kosten der NMS: Pro Schüler beliefen sich diese auf 7200 Euro im Jahr, an den AHS-Unterstufen lagen die Durchschnittskosten dagegen bei 4700 Euro.

 

Die Neue Mittelschule: Ein Kompromiss

2008 starteten unter Bildungsministerin Claudia Schmied (SP) die ersten Schulversuche zur Neuen Mittelschule – zunächst ausschließlich an Hauptschulen, die für die neue Unterrichtsform mehr Geld – sechs Zusatzstunden pro Klasse – bekamen.

Wesentlicher Unterschied der NMS zu den Hauptschulen ist das Fehlen von Leistungsgruppen. Neu ist das Teamteaching von zwei Lehrern in den Hauptfächern. Das soll einen individualisierten Unterricht ermöglichen. Unterrichtet wird nach dem AHS-Unterstufen-Lehrplan.

2012 beschlossen SPÖ und ÖVP die Übernahme der NMS ins Regelschulwesen. Bis 2018/19 sollen alle Hauptschulstandorte in Österreich in NMS umgewandelt werden.

Aus SP-Sicht war das ein Schritt zu einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-jährigen, die ÖVP dagegen sah das Gymnasium gesichert, da AHS-Unterstufen bestehen blieben.

Im aktuellen Schuljahr 2014/15 ist die Neue Mittelschule österreichweit bereits an 1073 Standorten umgesetzt. Das sind mehr als 95 Prozent der bisherigen Hauptschulen.

Gymnasien können freiwillig an der Umstellung zur Neuen Mittelschule teilnehmen. Bisher hat sich allerdings österreichweit nicht einmal ein Dutzend AHS gemeldet.

 

Alle Lehrer zu den Ländern? Entscheidung vertagt

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SP) schien von den Ankündigungen ihrer Mitverhandler zur Bildungsreform etwas überrumpelt: Die Verwaltung der Lehrer sei zwar „Teil des Papiers“, das beim Treffen der Reformkommission diskutiert werden sollte, sagte sie am Vormittag. Von einer „Verländerung“ der Lehrer zu sprechen sei aber „verfrüht“.

Ihr Parteichef, Kanzler Werner Faymann, klang anders: Die Ministerin könne sich „vorstellen, die Kompetenzen neu zu ordnen“. Am Abend, nach fast vierstündigen Verhandlungen in der rot-schwarzen Reformkommission hieß es dann „Bitte warten“.

Das von den Experten präsentierte Papier zur Neuordnung der Schulverwaltung müsse nun erst einmal gesichtet werden, sagten sowohl Heinisch-Hosek wie auch Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (VP). Pröll hatte zuletzt einen „Durchbruch“ angekündigt, mit dem die Zuständigkeit für alle Lehrer in Länderhand wandern soll. Das Anstellungsverhältnis der Lehrer solle sich aber nicht ändern, sagte er wiederum nach der gestrigen Runde. Der von Pröll und seinen Landeshauptmann-Kollegen zuletzt aufgebaute Druck (die OÖNachrichten berichteten) war auch auf Widerstand gestoßen: Die AHS-Lehrergewerkschaft etwa befand Pläne für eine Verländerung als „absurd“.

SP-intern dagegen stieß das Expertenpapier durchaus auch auf Wohlwollen. Nun soll ein Weg gefunden werden, wie das Modell möglichst gut dargestellt werden kann. Erster Schritt ist die Fokussierung auf die Schulautonomie. Tatsächlich sieht das Expertenpapier mehr Freiheit für die Standorte bei Personalauswahl und pädagogischen Schwerpunkten vor. Angedacht ist – auf die Personalauswahl bezogen – aber die Zusammenfassung mehrerer Schulen als autonome Ebene.

Übergeordnet sollen in den Ländern Bildungsdirektionen entstehen, die für Schulerhaltung, Personalbewirtschaftung, Ressourcenzuteilung, Vollziehung und Standortplanung zuständig sind. Dem Bildungsministerium obliegen Gesetzgebung, Dienstrecht und Diensthoheit, Ausbildung und Qualitätsvorgaben. Bis Sommer will die Verhandlergruppe erste Ergebnisse vorlegen.

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