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Außenpolitik

Nawalny: Kreml verwundert über "deutsche Eile"

26. August 2020 00:04 Uhr

Julia Nawalny
Julia Nawalny, die Ehefrau des Kremlkritikers, vor der Berliner Charité

BERLIN/MOSKAU. Nach Bestätigung der Charité für die Vergiftung des Oppositionspolitikers fordert Kanzlerin Merkel Konsequenzen.

Die Erkenntnisse der Berliner Charité, wonach klinische Befunde ergaben, dass Kremlkritiker Alexej Nawalny vergiftet wurde, sind für die russische Regierung kein Beweis. Laut Aussendung der Charité weisen die Befunde auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin. Die konkrete Substanz sei aber bisher nicht bekannt. Die Wirkung des Giftstoffes im Organismus ist mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen.

Der Kreml äußerte Unverständnis über die deutsche "Eile" bei der Gift-Diagnose. Die russischen und die deutschen Ärzte seien bei ihren Untersuchungen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. "Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht." Russland sieht trotz der ersten Erkenntnisse der Charité keine Beweise für einen Giftanschlag auf den Oppositionspolitiker. Die Diagnose der Berliner Universitätsklinik sei kein definitiver Beleg dafür.

Forderungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD), wonach die russischen Behörden den Vorfall untersuchen sollten, wies der Sprecher zurück. Erst wenn die Charité die Substanz festgestellt habe, die für die Erkrankung Nawalnys verantwortlich sei, und es sich dabei um eine Vergiftung handle, gebe es einen Grund, Ermittlungen einzuleiten.

Cholinesterasen sind körpereigene Stoffe, die unter anderem dafür sorgen, dass der Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Acetylcholin schnell abgebaut wird. Das ist notwendig, denn wenn sich der Transmitter zwischen Nerven und Nerven oder Nerven und Muskeln ansammelt, kommt es zu einer Dauererregung der Nerven oder auch der Muskeln.

Cholinesterasehemmer verhindern den wichtigen Abbau des Neurotransmitters. Das kann bei Erkrankungen, etwa Alzheimer, sinnvoll sein. Hier werden Cholinesterase-Hemmer eingesetzt, damit das Acetylcholin länger im Körper verbleibt. Die Medikamente können die Erkrankung weder verlangsamen noch stoppen, aber die Symptome abmildern.

Ausgang der Erkrankung unsicher

Laut den Ärzten wird Nawalny derzeit mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher. Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden. Der Gesundheitszustand Nawalnys sei ernst, es bestehe aber keine akute Lebensgefahr. Nawalny ist der bekannteste Widersacher von Wladimir Putin.

Die deutsche Regierung forderte Moskau gestern eindringlich zur Aufklärung auf. Merkel und Maas forderten in einer gemeinsamen Erklärung: "Angesichts der herausgehobenen Rolle von Herrn Nawalny in der politischen Opposition in Russland sind die dortigen Behörden nun dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären – und das in voller Transparenz." Die Verantwortlichen "müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden".

Auch die EU meldete sich mit einer Erklärung. Sie fordert eine "unabhängige und transparente Untersuchung". Es sei zwingend notwendig, dass die russischen Behörden unverzüglich eine solche Untersuchung einleiteten, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell.

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