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Außenpolitik

Faktencheck: War Selenskyj in Videos auf Drogen?

Von nachrichten.at/apa   22. April 2022 11:05 Uhr

KIEW. Rund um den Ukraine-Krieg findet sich im Internet eine Fülle an Desinformationen. So wird dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj derzeit aufgrund viraler Videos unterstellt, ein Drogenproblem zu haben und in seinen Videos beeinträchtigt zu sein. Einer detaillierten APA-Überprüfung halten diese Anschuldigungen allerdings nicht stand.

In einem Artikel lautet die Headline etwa "Kokainwahn im Drehstuhl", User unterstellen ebenfalls einen Kokain-Konsum.

Einschätzung: Es gibt keinerlei Hinweise, dass Selenskyj in seinen Videos durch Drogen beeinträchtigt ist. Die vermeintliche Kokainspur auf seinem Tisch ist eindeutig als Tischverzierung zu identifizieren.

Überprüfung: Mehrere Behauptungen zum angeblichen Drogenkonsum Selenskyjs stützen sich auf einen Kameraschwenk in seinem jüngsten auf Instagram veröffentlichten Video. Bei Sekunde 15 sind mehrere weiße Streifen auf dem Tisch zu sehen.

Bei Bildern dieses Videoausschnitts wurde in Artikeln und sozialen Medien auf die weißen Linien verwiesen. Dabei wird ein Kokain-Konsum nahegelegt. Das Video Selenskyjs kursiert dabei oft in schlechterer Bild- und Audioqualität.

Im Video auf seinem offiziellen Account klärt sich alleine durch die bessere Bildqualität auf, was die weißen Linien im Video darstellen. In Wirklichkeit handelt es sich bei den längeren Linien um Verzierungen auf dem Tisch und bei den kürzeren um die Spiegelung eines aufgestellten Bilderrahmens auf der Tischoberfläche.

Dies lässt sich durch andere Aufnahmen von Selenskyjs Schreibtisch verifizieren - etwa hier oder auch hier. Die Schreibtischunterlage ist mit einem Rahmen aus Doppellinien verziert.

Selenskyj wird von Kritikern und prorussischen Kreisen immer wieder Drogenkonsum etwa mit Alkohol oder Kokain unterstellt. Beweise liefern die angeführten Videos keine. Selenskyj unterzog sich im ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2019 auf eigene Initiative einem Drogentest, nachdem es zu dieser Zeit ebenfalls Drogenvorwürfe gegeben hat. Dieser fiel negativ aus.

Den Aufruf zu einem zweiten Test verweigerte Selenskyj, da er Provokationen durch seinen Kontrahenten am dafür vorgesehenen Ort befürchtete. Er erklärte aber, dass er bereit sei, Tests in anderen internationalen Labors durchzuführen, und dass er keine Drogen konsumiere.

Der angeblich exzessive Drogenkonsum in der Ukraine ist auch Teil der Russischen Propaganda. Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete die ukrainische Führung im Februar als "drogenabhängige Neonazis".

Russland ist für seine harte Drogenpolitik bekannt. Die US-Behörde Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs verwies im "International Narcotics Control Strategy Report" 2018 auf Angaben bei einer Konferenz in St. Petersburg, wonach 63 Prozent aller in Russland inhaftierten Personen wegen Drogendelikten einsaßen.

Einer Analyse von Parlamentsdebatten aus dem Jahr 2021 zufolge nimmt Russland Drogen als Bedrohung für die eigene Bevölkerung wahr und sieht das Problem als von anderen Ländern importiert an.

Nach der Annexion der Halbinsel Krim wurden dort Entzugsprogramme für Drogenabhängige eingestellt, infolgedessen es auch zu einem Anstieg von HIV-Infektionen gekommen sein soll (17). Da Russland etwa kein Methadon zur Behandlung von Drogensüchtigen erlaubt, kam es zu zahlreichen Todesfällen durch Überdosen oder Suizid.

Politisch unliebsamen Gegenspielern eine Nähe zu Drogen zu unterstellen, ist eine gängige Strategie, um die Person in ein schlechtes Licht zu rücken. Bekannte Beispiele sind etwa manipulierte Videos der demokratischen US-Politikerin und Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi.Reale Videos von Interviews und Reden Pelosis wurden dabei in der Geschwindigkeit reduziert, damit es so wirkt, als wäre die Politikerin betrunken und nicht zurechnungsfähig. Die Videos wurden Millionen Male angesehen.

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