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Außenpolitik

Der Horror von Beirut wird zur Katastrophe für das ganze Land

Von Michael Wrase  06. August 2020 00:05 Uhr

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Bild 1/26 Bildergalerie: Der Tag nach der Katastrophe: Halb Beirut liegt in Trümmern

BEIRUT. Verzweifelte Suche nach weiteren Opfern – die Stadt gleicht einem Trümmerfeld. Ohne Hilfe aus dem Ausland kann der Libanon nicht überleben.

Die gewaltigen Detonationen im Hafen der libanesischen Hauptstadt kamen zu einem für das Land verheerenden Zeitpunkt. Ohne Hilfe aus dem Ausland kann die Zedernrepublik nicht überleben. Es war kurz nach 18 Uhr, als zwei kurz aufeinanderfolgende Explosionen Beirut in den Grundfesten erschütterten. Die Detonationen waren so gewaltig, dass sie sogar noch im 200 Kilometer entfernten Zypern zu spüren waren. Die Apokalypse im Hafen der libanesischen Hauptstadt verwüstete ganze Straßenzüge. Mindestens 135 Libanesen wurden durch die Wucht der herumfliegenden Metall- und Glasteilchen getötet, 5000 Menschen schwer verletzt.

Blutüberströmt und apathisch saßen sie am Straßenrand und blickten auf den riesigen, dunkelgrauen Rauchpilz, der die Abendsonne verdunkelte. Es dauerte mehr als drei Stunden, bis Ministerpräsident Hassan Diab den Versuch einer Erklärung für die Katastrophe lieferte. Fast 2800 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat lagerten in den letzten sechs Jahren im Beiruter Hafen, der sich am Rande von dicht besiedelten Wohngebieten befindet. Am Dienstagnachmittag war es dort fast 40 Grad heiß. Diab schwor, die Verantwortlichen für die durch Nachlässigkeit und Inkompetenz verursachte Katastrophe zur Rechenschaft zu ziehen.

  • Kommentar: Der Libanon muss endlich Reformen umsetzen
  • Video: Nach den beiden Explosionen in Beirut hat sich erst Mittwochfrüh das ganze Ausmaß der Zerstörung gezeigt: eingestürzte Gebäude, verwüstete Straßenzüge, ausgebrannte Schiffe. 

Das Klima ist vergiftet

Hätte man im Libanon rechtzeitig auf die von Korruption und Vetternwirtschaft begleiteten Fehler der Politik reagiert, befände sich das Land nicht in einem derart jämmerlichen Zustand. Auch die Apokalypse vom Dienstag hätte verhindert werden können. Wie es zur Explosion der 2800 Tonnen Ammoniumnitrat kommen konnte, ist noch unklar. Vieles spricht dafür, dass eine kleinere Explosion, in einem Lager mit Feuerwerkskörpern, die Detonation des riesigen Düngemittelberges auslöste. Jetzt, wie US-Präsident Donald Trump, über eine Bombe zu spekulieren, ist unverantwortlich. Es wäre besser gewesen, er hätte geschwiegen – auch deshalb, weil mit seinen Spekulationen Verschwörungstheorien Vorschub geleistet und so das politische Klima im Libanon weiter vergiftet wird.

Der Zeitpunkt der Explosion ist für den Libanon eine Katastrophe. Seit Oktober befindet sich das Land in einer Abwärtsspirale, die auch nach einem Regierungswechsel nicht gestoppt werden konnte: Es begann mit einem durch kriminelle Währungsspekulationen verursachten Kursrutsch der libanesischen Lira, die mittlerweile fast 90 Prozent ihres Wertes verloren hat. Wer im Oktober noch 500 Dollar verdiente, verfügt heute, was die Kaufkraft angeht, nur noch über 75 Dollar. Importwaren wie Kleidung, Treibstoff oder auch Lebensmittel sind unbezahlbar. Die Zedernrepublik, einst als die "Schweiz des Orients" gepriesen, steht vor einer Hungersnot, von der mehr als 50 Prozent der Bevölkerung betroffen sein könnten.

Corona verschärft die Krise

Verschärft wird die schwere Wirtschaftskrise durch das Coronavirus. Spätestens jetzt rächt es sich, dass es alle Regierungen versäumt haben, in den letzten Jahrzehnten für eine funktionierende Strom- und Wasserversorgung sowie Abfallbeseitigung zu sorgen und ein effektives Gesundheitswesen aufzubauen. Im Vordergrund standen die persönlichen Profite einer Politikerklasse, die in ihrer unermesslichen Gier ihresgleichen im Nahen Osten sucht. Im Libanon gibt es über 2000 Millionäre und angeblich über 30 Milliardäre. Würden sie nur ein Drittel ihres Reichtums abgeben, könnte das Land saniert werden. Stattdessen hält man an der systematischen Bereicherung fest und nimmt dafür sogar den Untergang des Landes in Kauf.

Die Arroganz der Herrschenden ist unfassbar. Mit Ministerpräsident Hassan Diab, einem Politologieprofessor, steht zwar ein relativ unbescholtener Politiker an der Spitze. Er steht nun aber vor seiner womöglich letzten Bewährungsprobe. Wie hilflos Diab ist, zeigt sein dramatischer Appell an die internationale Staatengemeinschaft, dem Libanon zu helfen.

Ammoniumnitrat: Die Horrorwaffe des "Islamischen Staates"
"Wie eine Atombombe"

Ammoniumnitrat: Die Horrorwaffe des „Islamischen Staates“

Beiruter Chronisten können sich nicht erinnern, dass ihre Stadt je von einer derart heftigen Explosion erschüttert wurde. Mit einer Ausnahme: Am Morgen des 23.Oktober 1983 hatte ein schiitischen Terrorgruppen zugerechneter Selbstmordattentäter einen Lastwagen in das Hauptquartier der US-Marines in Beirut gesteuert. Um die Sprengkraft seiner Höllenmaschine noch zu erhöhen, hatte der Attentäter mehr als 100 Säcke Ammoniumnitrat geladen. Die anorganischen Mineraldünger sind leicht entzündlich und hochexplosiv – vor allem dann, wenn sie zuvor mit Benzin getränkt wurden und „konventioneller“ Sprengstoff wie TNT dazugegeben wurde. Im Headquarter der US-Marines waren damals 240 Soldaten gestorben. US-Experten verglichen die Wucht der Explosion mit einer „kleinen Atombombe“. 25 Jahre später erinnerten sich die Terroristen des „Islamischen Staates“, Al Kaida und anderer Dschihad-Gruppen an die verheerende Wirkung von Ammoniumnitrat, deren Kristalle bereits bei Raumtemperatur reagieren. Sie integrierten die Chemikalie in ihre Höllenmaschinen: Pritschenwagen, normale Pkws oder Laster wurden mit Ammoniumnitrat beladen und mit Benzin durchtränkt.

Auch der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik hatte Ammoniumnitrat beim Bau einer Bombe verwendet, die 2011 in Oslo detonierte. Die gleiche Substanz benutzte Timothy McVeigh im April 1995, um in Oklahoma City einen Bürokomplex in die Luft zu jagen.

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