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Außenpolitik

Amerika hofft auf Herdenimmunität schon Anfang Juli

Von Thomas Spang, Washington   17. April 2021 00:04 Uhr

Amerika hofft auf Herdenimmunität schon Anfang Juli
In den USA wird im Rekordtempo geimpft: auch auf Parkplätzen, in Kirchen, Schulen und in Drogeriemärkten.

Das größte Problem, die Pandemie zu stoppen, sind jedoch die Impfskeptiker.

Dean (59) trägt die weiße Karteikarte der Gesundheitsbehörde CDC immer bei sich. Darauf stehen sein Name, das Geburtsdatum sowie genaue Angaben darüber, wann er die erste und zweite Covid-19-Impfung erhalten hat. "Ich fühle mich befreit", sagt der Elektriker, der seinen Impfausweis mit einer Schutzfolie laminiert hat. Wie Millionen Amerikaner, die nach einem Jahr an Lockdowns, sozialem Abstand und Inkompetenz der abgewählten Regierung Licht am Tunnel sehen.

Joe Biden machte nach seiner Amtsübernahme den Kampf gegen die Pandemie zur obersten Priorität seiner Präsidentschaft. Er versprach 100 Millionen Impfungen in den ersten 100 Tagen. Dafür sicherte er ausreichende Mengen an den drei zugelassenen Impfstoffen von Biotech/Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson. Die USA verfügen darüber hinaus über AstraZeneca-Impfdosen, die bisher aber noch nicht von den Gesundheitsbehörden zugelassen sind.

Drei Millionen Impfungen am Tag

In einem rasanten Tempo organisierte das Covid-19-Team Bidens in Zusammenarbeit mit den für die Durchführung der Impfungen zuständigen 50 Gliedstaaten die Verteilung der Vakzine durch Drogerieketten, Kirchen, Sportarenen, Gemeindezentren, Schulen und auf Parkplätzen, die die Gesundheitsbehörden kurzerhand in "Drive-Thru"-Impfkliniken verwandelten. Mit rund drei Millionen Impfungen am Tag hat die neue Regierung ihr ehrgeiziges Ziel bereits weit übertroffen. Bleibt es bei dem Tempo, könnte Amerika am 4. Juli nicht nur seine Unabhängigkeit als Nation, sondern auch die von dem tödlichen Virus feiern.

Dean erhielt seine Impfung in einer Walgreens-Drogerie vor den Toren von Georgetown in South Carolina. Als der Bundesstaat Anfang März die Altersgrenze auf 55 plus herabsetzte, verbrachte er Stunden am Computer, für sich und seine Frau einen freien Impftermin zu finden. Alles andere war ein Kinderspiel. Stolz zeigt er nach seiner zweiten Impfung mit Moderna das rote Pflaster auf dem Oberarm.

"Einen Tag etwas schlapp"

"Ich fühlte mich einen Tag etwas schlapp", sagt der Selbstständige zu den Nebenwirkungen. Dass er sich impfen lassen würde, war für ihn ein "No-Brainer" (dt.: klare Entscheidung). Angesichts von mehr als 550.000 Covid-Toten hielt Dean das Risiko, an den Folgen einer Infektion Schaden zu nehmen, für um das x-Fache höher, als Komplikationen durch die Impfung zu haben. "Das ist Idiotie", meint Dean zu den Skeptikern, die sich nicht impfen lassen wollen.

In Staaten wie South Carolina ist das ein besonderes Problem, weil hier geballt zwei Problemgruppen leben, die die Gesundheitsbehörden nur schwer erreichen. Weiße Republikaner, die dank der Politisierung der Pandemie durch Donald Trump nicht an Vakzine "glauben", und Schwarze, die zögern, weil sie in der Vergangenheit bei der Erprobung eines Syphilis-Impfstoffs als Versuchskaninchen missbraucht worden waren.

Das rund eine Viertel der Amerikaner, das in aktuellen Umfragen angibt, sich nicht impfen lassen zu wollen, stellt aus Sicht von Gesundheitsexperten das größere Problem dar als die Verfügbarkeit von Vakzinen. Der Top-Infektiologe des Weißen Hauses, Anthony Fauci, sagt, eine "Rückkehr zu einem normalen Leben ist möglich, wenn wir zwischen 70 und 85 Prozent der Bevölkerung geimpft haben".

Alles darunter könnte die "Herdenimmunität" verhindern. Die Sorge besteht, dass Covid-19-"Inseln" entstehen, die dem Virus die Chance geben, erneut zu mutieren und resistent gegen die hochwirksamen Impfstoffe zu werden. Experten sagen, allein aus diesem Grund hätten individuelle Entscheidungen große Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit.

Meinungsforscher Frank Luntz meint, vor diesem Hintergrund sei die Entscheidung der Gesundheitsbehörde CDC bedenklich, den Einsatz von "Johnson & Johnson"-Vakzinen nach einzelnen Komplikationen zu pausieren. Dies sei Wasser auf die Mühlen der Impfgegner, die triumphal behaupteten: "Das habe ich vorausgesagt."

Tatsächlich handelt es sich um ein bestenfalls verschwindendes Risiko, das kleiner ist, als beim Fensterputzen tödlich zu verunglücken. Von fast sieben Millionen mit J & J geimpften Amerikanern entwickelten sechs Frauen Komplikationen, die in dem Zeitraum von bis zu zwei Wochen nach der Impfung zu Blutgerinnseln im Gehirn führten.

"Genug für jeden Amerikaner"

Bidens Covid-19-Koordinator Jeffrey Zients weist die Kritik an der Vorsichtsmaßnahme zurück. Zum einen mache "J & J" nur fünf Prozent an den 120 Millionen bisher verimpften Dosen aus. "Wir haben mehr als genug anderer Vakzine." Der Präsident selber nahm den Wirbel zum Anlass, seine Entscheidung in Erinnerung zur rufen, 600 Millionen Dosen an Biotech/Pfizer und Moderna zu sichern. "Es gibt genug für jeden einzelnen Amerikaner." In Mississippi gibt es bereits ein Problem, das die Europäer gerne hätten. An einem einzelnen Tag Anfang April gab es mehr verfügbare Vakzine als Arme, in diese gespritzt werden konnten. 73.000 Impftermine blieben ungenutzt.

Höchste Opferzahlen

Trotz des rasanten Impftempos in den USA verzeichnen die Gesundheitsbehörden noch immer mindestens 75.027 Neuinfektionen binnen 24 Stunden.

Insgesamt wurde bei mehr als 31,55 Millionen Amerikanern das Coronavirus nachgewiesen. Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Virus hat bereits die traurige Zahl von 565.673 erreicht. Die USA weisen damit die weltweit höchsten Todeszahlen auf.

Mittlerweile haben auch Betrüger das Geschäft mit den heiß begehrten Corona-Impfkarten entdeckt. Im Internet werden gefälschte Karten um 20 bis 60 Dollar angeboten.

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