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Außenpolitik

Der Nobelpreis für den Dissidenten Liu Xiaobo empört Chinas Führung

09. Oktober 2010 00:04 Uhr

Der Nobelpreis für den Dissidenten Liu Xiaobo empört Chinas Führung
Chinas Opposition feierte: „Der glücklichster Tag seit Jahren!“

OSLO. Chinas politischer Druck wurde ignoriert: Der Friedensnobelpreis geht an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo. Während die Entscheidung weltweit gelobt wurde, zeigte sich das Regime in Peking empört.

„Chinesen, dies ist der glücklichste Tag in den letzten 60 Jahren. Von heute an können wir in die Zukunft schauen.“ Mit dieser Twitter-Nachricht feierte der kritische Künstler Ai Weiwei gestern die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo. „Danke Norwegen, du hast Chinas Volk eine Chance beschert“, schrieb der Blogger Michael.

Zehntausendfach verbreitete sich die Euphorie gestern im chinesischen Netz – allerdings nur bei der kleinen Minderheit derer, die sich den Zensurmechanismen zu entziehen wissen. Dass zum ersten Mal ein chinesischer Staatsbürger einen Nobelpreis gewonnen hat, gehört nach Ansicht der Regierung zu den gefährlichsten Informationen, die seit Jahren zirkulierten.

Es war um Punkt 17 Uhr chinesischer Ortszeit, als in Oslo Komiteechef Jagland verkündete, dass die diesjährige Ehrung an den derzeit in China inhaftierten Initiator des Demokratiemanifests „Charta 08“ gehe. Damit werde Lius „langer und gewaltloser Kampf für fundamentale Menschenrechte in China” gewürdigt, sagte Jagland.

Mit der Vergabe ignorierte das Nobelpreiskomitee Pekings diplomatischen Druck. Gleich zwei chinesische Spitzenpolitiker, Vizeaußenministerin Fu Ying und Politbüromitglied He Guoqiang, waren zuletzt mit scharfen Warnungen nach Oslo gereist. Am Freitagabend kommentierte Chinas Außenministerium knapp, die Entscheidung „könnte den chinesisch-norwegischen Beziehungen schaden“.

Massive Medienzensur

Es war der einzige Kommentar, den Chinas Regierung zu dem Thema übrig hatte. Dabei traf die Ehrung Pekings Propagandaapparat nicht unvorbereitet. Schon Stunden vor der Bekanntgabe nahmen chinesische Suchmaschinen das Wort für Nobel nicht mehr an. Kaum war Liu gekürt, mussten alle Webportale ihre Berichterstattung zu allen Nobelpreisen löschen.

Doch die Internetbenutzer behalfen sich mit einem Codenamen: Unter der Bezeichnung „Dynamit-Preis“ verbreitete sich die Meldung trotzdem. „Glückwunsch – China hat den Dynamit-Preis gewonnen“, schrieb einer. „Der Dynamit-Preis ist mächtig genug, um den Wind aus den größten Segeln zu nehmen“, lautete ein anderer Kommentar. Die Regierung steht vor einem Dilemma: Wenn sie das Thema wie bisher weiter totschweigt, überlässt sie das Feld den Liu-Fans im Internet – und die werden ihre Wege finden, die Nachricht auch an der offiziellen Zensurmaschine vorbei zu verbreiten. Geht die Partei jedoch in die Offensive und greift das Nobelpreiskomitee öffentlich an, weist sie die Menschen selbst auf ein Thema hin, von dem sie bisher nichts wussten. Denn für viele Chinesen ist Liu ein Unbekannter. (bartsch)

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