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Außenpolitik

Der Mann aus dem Sarkophag von Tschernobyl

Von Heidi Riepl  20. April 2011 00:04 Uhr

Der Mann aus dem Sarkophag von Tschernobyl
Tkachuk ist der einzige, der den Höllentrip überlebt hat.

Eigentlich dürfte Anatoly Tkachuk gar nicht mehr am Leben sein. Der ehemalige KGB-Sicherheitsoffizier war im Inneren des Sarkophags. Zu viert erforschten sie 1987 das Innenleben des vor 25 Jahren explodierten Reaktorblocks von Tschernobyl.

Tkachuk hat diesen Höllentrip als einziger überlebt.

„Natürlich hatte ich Todesangst. Ich war mir, ehrlich gesagt, auch ziemlich sicher, dass ich sterben werde“, sagt der heute 61-jährige Russe. Mit einfachen Schutzanzügen und Gummistiefeln wurde er den gigantisch hohen Strahlungsdosen ausgesetzt. Doch Tkachuk ging freiwillig, denn er fühlte sich als Vertreter des Staates verantwortlich. „Als Mann und als Soldat konnte ich einfach nicht nein sagen.“ Dabei war sein Sohn gerade auf die Welt gekommen, die Tochter erst zehn. „Es ist einfacher, selbst in den Tod zu gehen, als andere in den Tod zu schicken“, beschreibt er in seinem gestern in Wien präsentierten Buch die damaligen Gefühle.

Nur 30 Minuten hatten die vier Männer damals Zeit, um die Baukonstruktion zu checken und Proben zu ziehen. Ein Scheitern war nicht vorgesehen. Finsternis, Nebel, Dampf, Staub, geborstene Metallteile – das waren die ersten Eindrücke. „Ich bekam sofort heftige Kopfschmerzen, der Hals brannte“, erinnerte sich Tkachuk.

Und dann ging alles Schlag auf Schlag: Der erste Kollege, ein Bauingenieur, geriet in einen Strahlenwirbel, fiel um und war tot. Der Atomphysiker berührte die strahlende Masse und starb zwei Tage später. Der dritte – ein Militärgeneral – überlebte das Strahlenbombardement nur ein paar Tage länger. Warum gerade Tkachuk heil aus dem Sarkophag kam, weiß eigentlich niemand. „Vielleicht war es Glück“, sagt er selbst. Denn es sind oft nur einige Zentimeter, die über Leben und Tod entscheiden – je nachdem welchen radioaktiven Elementen man ausgesetzt ist. Sein Krebs, die von den Strahlen kohlschwarze Haut und die Strahlenkrankheit sind offenbar wieder ausgeheilt.

25 Jahre nach dem Reaktorunglück ist es Tkachuk ein besonderes Anliegen, auf die Gefahr der Atomtechnik hinzuweisen. „Die Erde ist zur Geisel der Menschheit und ihrer technischen Entwicklung geworden“, schreibt er in seinem Vorwort. „Ich kann nicht schweigend der heranziehenden Katastrophe planetarischen Maßstabes zusehen.“ Doch ganz gegen Atomenergie ist der Mann aus dem Sarkophag dennoch nicht. „Die Menschheit kann noch nicht auf Atomenergie verzichten, doch sie muss neue ökologisch saubere Energiequellen zu finden.“

  • 550 Millionen Euro: Die internationale Gemeinschaft hat der Ukraine gestern 550 Millionen Euro für den Bau eines neuen Schutzmantels um den Unglücks-reaktor von Tschernobyl zugesagt. Doch auch diese Summe reicht nicht. Die Ukraine hatte 740 Millionen Euro gefordert. Insgesamt werden die Kosten auf 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Greenpeace spricht von der „größten mobilen Konstruktion, die je gebaut wurde“.
  • Das Buch: A. N. Tkachuk: „Ich war im Sarkophag von Tschernobyl“. Styria premium, 320 S., 24,95 Euro

Artikel von

Heidi Riepl

Redakteurin Außenpolitik, Weltspiegel

Heidi Riepl
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