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Außenpolitik

Der Ansturm der Afrikaner auf Europa hat noch gar nicht begonnen

Von Josef Lehner   23. Oktober 2018 00:04 Uhr

Der Ansturm der Afrikaner auf Europa hat noch gar nicht begonnen
Keine Angst vor Reise nach Europa: Daheim ist es noch gefährlicher.

150 bis 200 Millionen Menschen werden sich bis 2050 nach Europa aufmachen, schreibt ein Kenner des schwarzen Kontinents.

Was die Mexikaner ab den 1970ern für die USA waren, werden die Afrikaner für Europa sein, schreibt der deutsch-französische Autor Stephen Smith, Jahrgang 1956. Er lehrt seit zehn Jahren an der Duke-University (North Carolina) "African Sciences" und war zuvor viele Jahre auf dem schwarzen Kontinent Korrespondent.

Den Rio Grande hätten jedoch bis 2010 nur 30 Millionen Menschen auf der Suche nach Wohlstand überquert. Über das Mittelmeer dürften bis 2050 trotz der größeren Distanzen und Gefahren hochgerechnet mindestens fünfmal so viele kommen.

Smith zeigt anhand vieler Zahlen, dass bisher kaum Emigration aus Afrika stattgefunden habe, obwohl die Menschen dort ständig via Satelliten-TV und Internet erfahren, wie toll das Leben im Norden ist. Obwohl Armut, Diktaturen, korrupte Systeme und Naturkatastrophen seit Jahrzehnten gute Gründe dafür gäben.

Armut bedeute aber auch Unwissen, einen "verschlossenen Horizont", so Smith. Die meisten Menschen hätten einen Tunnelblick auf das eigene, armselige Leben.

Eigentor des Westens

Neben verschärften Umweltbedingungen würden bald zwei Entwicklungen den Sturm auf Europa auslösen: Es werde eine geringe Wohlstandsschwelle erreicht, die Geld mobilisiert, damit die Familien ihre jungen Männer losschicken können. Womöglich werde falsch strukturierte Entwicklungshilfe aus dem Norden dazu beitragen: "ein Eigentor des Westens". 2000 bis 3000 Euro seien derzeit nötig.

Zweitens gebe es viele afrikanischen Gemeinden in den entwickelten Ländern, die mittlerweile eine Brückenkopffunktion ausüben. Moderne Kommunikationstechnik eröffnet die Kontakte, begrenzt das Startrisiko. Eine Mitschuld an diesen afrikanischen Basen in Europa würden die Urbewohner tragen: "Je schwerer sich eine afrikanische Gemeinde tut, in der Gesellschaft aufzugehen, desto mehr wird sie Anlaufstelle für neue Migranten und desto weniger werden sich diese integrieren." Dass Tausende im Mittelmeer ertrinken, wirke nicht abschreckend; in ihren Dörfern und Slums daheim sei die Lebensgefahr viel größer.

Stephen Smith ist sachlich und schürt keine Emotionen. Er verhehlt aber nicht, dass die EU-Politik nicht funktionieren werde. Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2017 kritisch anmerkte, dass die afrikanische Bevölkerung weiter rasch wachse, trotz Entwicklungshilfe, wurde er als "Rassist" beschimpft. Auf der anderen Seite würden populistische Politiker in der Aufarbeitung der Flüchtlingswelle von 2015 verharren. Dabei dürfte es 2050 rund 2,5 Milliarden Afrikaner geben, gegenüber 1,3 Milliarden heute. Zwei Drittel von ihnen werden jünger als 30 sein. Sie seien wegen TV und Internet nicht verwurzelt wie ihre Eltern. Emigrieren würden nicht die Ärmsten, sondern die (untere) Mittelschicht.

Blauäugig oder nationalistisch

Es stelle sich die Frage, ob das vergreiste Europa die Afrikaner brauchen werde, um sein Sozialsystem halbwegs zu erhalten. Diese Frage müsse "entmoralisiert" werden, schreibt Smith: "In Sachen Einwanderung scheint mir blauäugige Menschenliebe nicht weniger gefährlich als nationalistische Egoismen und jedweder Blut-und-Boden-Kult." Es gehe nicht darum, zwischen gut und böse zu entscheiden, sondern das Gemeinwesen im Interesse seiner Bürger zu regieren.

Stephen Smith: Nach Europa!, Edition FotoTapeta, 240 S., 18 Euro

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