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USA: Eltern kaufen für ihre Kinder kugelsichere Rucksäcke

Von Thomas Spang, Washington   19.August 2019

"Unsere Gesetzgeber bewegen sich zu langsam"
In den USA kommt es immer wieder zu tödlichen Schießereien in Schulen.

Raquel Donahue bereitete das Aufklärungsgespräch mit ihrem Buben intensiv vor. Schließlich fasste sie sich ein Herz und sprach mit ihrem 6-jährigen Sohn darüber, wie er sich im Fall des Falles schützen könne. Wenn jemand in seiner Schule anfange, herumzuschießen, so die 38-jährige Bibliothekarin, könne er seinen Rucksack nehmen und vor seinen Körper halten.

Denn seine Oma hat darin eine kugelsichere Tafel eingenäht, die die Eltern für 75 Dollar im Internet erworben hatten – als Alternative zu Rucksäcken, die komplett aus kugelsicherem Spezialgewebe gefertigt werden, das umfassenden Schutz verspricht.

Sicher ist das nicht. Denn weder das eingenähte Schutzschild noch die kugelsicheren Rucksäcke sind jemals vom "National Institute of Justice" getestet worden, das die entsprechenden Zertifikate ausstellt. Der behauptete "IIIA"-Standard schützt darüber hinaus nicht gegen kriegstaugliche Waffen, die meist bei Massenschießereien zum Einsatz kommen.

Extrem hohe Nachfrage

Donahue gibt der Zeitung "Washington Post", der sie von ihrer Entscheidung erzählt, zu erkennen, wie wenig sie selbst von dieser Lösung überzeugt sei. "Was wir wirklich brauchen, ist eine Reform unserer Waffengesetze", sagt die Mutter, die nach dem Massaker von El Paso ihren Glauben an die Politik verloren hat: "Unsere Gesetzgeber bewegen sich zu langsam."

Das sehen immer mehr Eltern in den USA so. Pünktlich zum Schulbeginn nehmen sie das Heft des Handelns deshalb selbst in die Hand. Ganz oben auf dem Einkaufszettel stehen bei immer mehr Familien kugelsichere Rucksäcke, die je nach Modell für 100 bis 400 US-Dollar angeboten werden.

Die Nachfrage ist so hoch, dass Bürobedarfsketten wie "Office Max" und "Office Depot" die Produkte für das "Back-to-School"-Shopping in ihr Sortiment aufgenommen haben. Und die Hersteller können kaum noch liefern.

"Guard Dog"-Gründer Yasir Sheikh erklärt den Erfolg seines Unternehmens mit einer düsteren Abwägung: "Der Rucksack kann den Unterschied zwischen Tod und Leben bedeuten." Gewaltpräventionsexperten wie Matthew J. Mayer halten kugelsichere Produkte dagegen für Augenauswischerei.

Ob sie helfen oder nicht – ein gutes Geschäft bedeuten sie für die Hersteller allemal. Mit jeder neuen Schießerei wächst eine Industrie, die in den USA heute schon 2,7 Milliarden Dollar Umsatz macht.

"Eine morbide Nische"

Es sei eine "morbide Nische", räumt Steve Naremore von "TuffyPacks" ein, der seine Rucksäcke mit Superhelden von Marvel bis Harry Potter bedruckt. Dass "Disney" von seiner Firma kürzlich verlangte, ein Modell mit Prinzessinnen-Motiven vom Markt zu nehmen, habe die Lieferengpässe verschärft.

Die Begründung des Konzerns klingt irgendwie plausibel: "Disney-Charaktere und Gewehrkugeln passen nicht richtig zusammen."

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23. Oktober 2019