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Weltspiegel

Es braut sich etwas zusammen

Von Roswita Fitzinger  22. August 2020 00:04 Uhr

Es braut  sich etwas  zusammen 

Meteorologen erwarten für 2020 im Atlantik ein außergewöhnliches Sturmjahr. Vor genau 15 Jahren versank New Orleans in den Sturmfluten von Hurrikan "Katrina". Auch in unseren Breiten wirbeln die Winde, wenngleich schwächer.

Die Flut kam im Laufe des 29. August 2005, einem Montag. Die maximale Stärke von "Katrina" mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 280 km/h und Windböen bis zu 344 km/h vom Vortag über dem Golf von Mexico hatte zu diesem Zeitpunkt schon nachgelassen, der Hurrikan war von Stärke 5 auf 4 zurückgestuft worden. Der Sturm peitschte zwar immer noch durch die Stadt, doch die Zerstörung hielt sich in Grenzen.

Wer ein Auto besaß, war längst aus der 485.000-Einwohner-Stadt geflüchtet, doch 100.000 Bewohner saßen fest. Arme, Kranke meist Afroamerikaner, die angesichts der abnehmenden Stärke des Wirbelsturms hofften und aufatmeten. Zu früh. Der Wind hatte das Wasser zu acht Meter hohen Wellen aufgetürmt, die gegen die Deiche der Stadt drückten. Doch die Dämme von New Orleans hielten dem Druck nicht stand. Die Jazz-Metropole und Stadt des "Big Easy" versank in den Fluten.

Später wird man sagen, dass New Orleans gegen einen Hurrikan von Ausmaß "Katrinas" nie eine Chance hatte. Nicht nur, dass die von Seen, Sümpfen und dem Mississippi umgebene Stadt zu 70 Prozent zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Ihre Dämme waren darüber hinaus nur für maximal fünfeinhalb Meter hohe Überschwemmungen ausgelegt, außerdem teilweise hundert Jahre alt und hatten früher bereits versagt. Der Totalausfall der Elektrizität tat schließlich ein Übriges, ließ auch die Pumpen versagen.

Es braut sich etwas zusammen
Die zerstörerische Kraft von Hurrikan "Katrina"– mehr als 1800 Menschen starben, 350.000 Häuser wurden zerstört.

Größte Naturkatastrophe der USA

Auch wenn der damalige US-Präsident George Bush drei Tage später sagen wird, niemand hätte vorhersehen können, dass die Deiche brechen, war das Risiko seit Jahren bekannt. Warnungen von Experten waren in den Wind geschlagen worden. Eine Fahrlässigkeit, die 80 Prozent der Südstaatenmetropole bis zu 7,6 Meter unter Wasser setzte, unmittelbar 1836 Menschen das Leben kostete, hunderttausende Menschen obdachlos machte und wirtschaftliche Schäden von mindestens 125 Milliarden Euro verursachte. Seit 2005 ist New Orleans eine Stadt mit einer Zeitrechnung vor Katrina und danach, eine Stadt, in der heute 100.000 Menschen weniger leben als noch vor 15 Jahren .

Sie ist ein wiederkehrendes Ereignis, das jährlich offiziell am 1. Juni beginnt und am 30. November endet. Während der sogenannten "Atlantischen Hurrikansaison" bilden sich im nördlichen Atlantischen Ozean üblicherweise die meisten Wirbelstürme. Nur zu dieser Zeit herrschen die dafür geeigneten Bedingungen vor, nämlich erwärmter Ozean, feuchte Luft und eine geringe Windscherung.
Die Hurrikansaison 2005 war eine der Rekorde, noch nie und seit her nie wieder hatte es so viele Wirbelstürme gegeben: Insgesamt wurden 28 tropische Stürme, 15 Hurrikans und 7 Hurrikans der Kategorie 3plus verzeichnet. Die durchschnittliche Aktivität (im Klimamittel von 1981 bis 2010) liegt bei 12 Stürmen, 6 Hurrikans und 3 besonders schweren Hurrikans.

Arthur, Berta, Cristobal, Dolly …

Nach 2019 soll auch 2020 wieder ein Jahr mit einer (leicht) überdurchschnittlichen Wirbelsturm-Aktivität werden. 15 Stürme, sieben Hurrikans und 4 der schweren Kategorie, lautet die Prognose der Tropical Storm Risk TSR. Die Vorhersage des Konsortiums britischer und amerikanischer Klima- und Risikoexperten basiert auf der Beurteilung der Passatwinde, der Meeresoberflächentemperatur und des El-Niño-Effektes.

Einer anderen Vereinigung, der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), obliegt es, die Wirbelstürme zu benennen. Konkret führt die WMO für den Nordatlantik sechs Listen mit jeweils 21 alphabetisch geordneten Namen, die rotieren. Sie sollen eingängig klingen, Namensvorschläge wie bei Wetterhoch- und -tiefdruckgebieten sind nicht möglich, jedoch herrscht seit 1979 Geschlechterparität. Zuvor waren die Wirbelstürme namentlich ausschließlich weiblich.

Es braut sich etwas zusammen
Dieser Tornado in Aken, südlich von Berlin, zerstörte 100 Häuser.

Arthur, Berta, Cristobal, Dolly, Edouard, Fay, Gonzalo, Hanna, Isaias, Josephine und Kyle sind die bereits vergebenen Namen der aktuellen Hurrikansaison mit neun tropischen Stürmen und zwei Hurrikans. Was noch kommen wird, ist ungewiss, sicher ist jedoch, ihre Nachfahren werden Laura, Marco, Nana, Omar, Paulette, Rene, Sally, Teddy, Wicke und Wilfried heißen.

Mit Sicherheit auf keiner Liste mehr geführt wird der Name Katrina für einen Wirbelsturm. Ebenso wie Matthew werden Namen von besonders verheerenden Hurrikans von der Liste gestrichen.

Zahlen und Fakten

2220 Kilometer breit war der Taifun "Tip" 1979 in Japan. Überhaupt können Wirbelstürme gewaltige Ausmaße annehmen. Hurrikan "Olga" war mit knapp 1600 Kilometern der bisher größte beobachtete Durchmesser eines Hurrikans.

Hurrikan/Taifun/Zyklon: Tropische Wirbelstürme der Nordhalbkugel werden Hurrikan, der Südhalbkugel Zyklon genannt. Taifun heißt es hingegen, wenn ein derart außergewöhnliches Wetterereignis in Ost- und Südostasien bzw. im nordwestlichen Teil des Pazifiks stattfindet.

31 Tage lang zog Hurrikan "John" 1994 über den Pazifik und gilt damit als der Methusalem der Hurrikans.

350 Stundenkilometer erreichten die Windböen, mit denen Hurrikan "Dorian" 2019 über die Bahamas fegte. Bei "Katrina" wurden Windspitzen von bis zu 280 km/h gemessen.

Saffir-Simpson-Skala: dient zur Klassifizierung von Wirbelstürmen, eingeführt 1969 von den Meteorologen Saffir und Simpson. Die Skala ist in die Kategorien 1 (schwach) bis 5 (verwüstend) eingeteilt und gibt Auskunft über Windgeschwindigkeit, Luftdruck und Anstieg des Meeresspiegels.


Die (Un-)Wetterwarner vom Dienst

Die (Un-)Wetterwarner vom Dienst
Die Wetterbeobachter liefern auch Bildmaterial für die Wissenschaft.

Anfangs belächelt, liefern die ehrenamtlichen Wetterbeobachter von SkyWarn heute für Meteorologen wichtige Informationen

Wenn sich etwas zusammenbraut am Himmel, dichte Gewitterwolken aufziehen, sind die aktiven Mitglieder von SkyWarn längst in Alarmbereitschaft. "Wir haben in Zusammenarbeit mit der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG) die aktuellen Wetterdaten vorliegen und sehen, wenn sich Gewitterlagen ankündigen", sagt Bettina Zeitlinger aus Adlwang: "Taucht tatsächlich ein Unwetter auf, setze ich über unsere Website skywarn.at eine Meldung über die tatsächliche Wetterlage ab, ob es etwa Starkregen, Hagel, Überflutungen, Blitzschlag gibt, wie stark der Wind ist, wie groß die Hagelkörner sind", sagt die 34-Jährige. Die Daten werden direkt an die Partner wie ZAMG oder den Flugwetterdienst Austro Control übermittelt. Hauptzweck von SkyWarn sei es, über den Ist-Zustand zu berichten, so Zeitlinger.

Die Traunviertlerin ist stellvertretende Vereinsobfrau und gehört zu den 100 sogenannten "Spottern" von SkyWarn, Menschen, die ehrenamtlich und gezielt das Wetter beobachten. Um ein Spotter zu sein, brauche es nicht viel, so Zeitlinger, "eine Vorliebe fürs Wetterbeobachten, zwei Augen und ein Lineal zum Vermessen der Hagelkörner."

Rudolf Stadler hat all das und noch viel mehr. Der Sierninger besitzt eine professionelle Wetterstation mit Webcam, führt seit 1986 täglich Wettertagebuch, betreibt einen eigenen lokalen Wetterdienst und war lange Wettersachverständiger. Einst jagte er sogar Unwettern hinterher, war ein sogenannter "chaser", ein Verfolger. Und: Der 70-Jährige ist einer der Vereinsgründer. "Auslöser war das Donauhochwasser 2002. Da sind bei den Wetterwarnungen Fehler passiert. Die Vorhersagen waren sehr ungenau." Daraufhin habe man das amerikanische Muster der Sturm- und Tornadojäger auf österreichische Verhältnisse umgelegt und SkyWarn gegründet, so der Wetter-Autodidakt Stadler. Anfangs belächelt und von den Meteorologen nicht ernst genommen, arbeitet man mittlerweile eng mit ihnen zusammen.

"Wir sind die Augen im Sturm für die Meteorologen, die aufgrund unserer Daten gezielter warnen können", bringt es Bettina Zeitlinger auf den Punkt. (rofi)

Tornados in Österreich: "Da kann schon einmal ein Bankerl fliegen"

Tornados in Österreich: "Da kann schon einmal ein Bankerl fliegen"
Christian Ortner, ZAMG-Meteorologe

Meteorologe Christian Ortner über Wirbelstürme, warmes Wetter und trockenes Klima

Der Meteorologe Christian Ortner lebt in Thalheim bei Wels und arbeitet für die Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG), wo er für die Wettervorhersage für Salzburg und Oberösterreich zuständig ist.

Welche Wirbelstürme kommen auch in Europa vor?

Hurrikans oder Taifune haben wir hier nicht zu erwarten. Wenn ein kräftiger Hurrikan etwa über die Ostküste der USA zieht, kann es durchaus sein, dass der Sturm nach Norden abbiegt und mit der Westströmung nach Europa kommt – dann aber als normales bis kräftiges Tiefdruckgebiet und bei Weitem nicht mehr mit der Stärke eines Hurrikans. Mit einer Ausnahme. Es kann sein, dass über dem Mittelmeer ähnliche Verhältnisse wie in der Karibik herrschen …

… also wenn das Meerwasser sehr warm wird?

Genau, dann kann kurzfristig eine Art Medikan (Kunstwort aus mediterran und Hurrikan, Anm.) entstehen mit einem Auge, das klassisch ist für einen solchen Tiefdruckwirbel. Aber auch der kommt nicht zu uns.

Für Tornados gilt das aber nicht, oder?

Tornados gibt es bei uns. Die kleinen kennen wir als Windhose, wenn sich Luft in der Sommerhitze zu drehen beginnt und etwa Strohreste auf einem Feld herumwirbelt – sogenannte Staubteufel. Aber es kann auch den klassischen Tornado geben, wie man ihn aus den USA kennt. Erst vor ein paar Tagen gab es einen bei Osnabrück in Deutschland. Fünf bis zehn Tornados zählen wir pro Jahr in Österreich. Bei schweren Gewittern ist durchwegs Tornadopotenzial dabei.

Mit welchen Stärken treten Tornados in Österreich auf?

Bei uns muss man mit kleinen bis mittleren Tornados rechnen, die auch nur kurzlebig sind. Sie erreichen hohe Windgeschwindigkeiten, die in einen Wald durchaus kurze Schneisen schlagen können. Es gibt welche mit nur einem Meter Durchmesser, die vielfach unbemerkt bleiben, aber auch solche mit ein paar hundert Metern Durchmesser.

Vor einem Staubteufel braucht man sich aber nicht fürchten, oder?

Nein, die sind nur kleinräumig und kurzlebig, aber es kann schon einmal ein Bankerl fliegen. In Deutschland gab es einen Fall, wo ein Staubteufel durch ein Zeltgelände nahe einem Open-Air-Konzert durchgelaufen ist. Da sind die Zelte nur so durch die Luft geflogen. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Noch ein Blick auf den durchwachsenen heurigen Sommer. Firmiert er bei Ihnen als normaler Sommer?

Er war ein durchschnittlicher Sommer, wobei der Mittelwert der Temperatur leicht überdurchschnittlich gewesen ist. Man glaubt es kaum, aber in Summe war der Sommer recht warm. Was gefehlt hat, waren lange Hitzewellen. Wir waren ja schon andere Sommer gewöhnt aus den vergangenen Jahren, die waren irre heiß und weit über dem Temperaturdurchschnitt – da zeigte sich schon der Klimawandel. Jetzt ist wieder einmal ein durchschnittlicher Sommer da und fast jeder meint, er wäre viel zu kalt.

Müssen wir uns auf Trockenheit einstellen, so wie wir es heuer im Frühjahr erlebt haben?

Trockenheit ist bei uns immer mehr ein Thema geworden. Was da in den vergangenen zwei Jahren abgegangen ist, war ja arg – besonders in Oberösterreich. Die Kollegen, die sich damit befassen, erwarten, dass Trockenheit häufiger wird aufgrund stabiler Hochdruckphasen, auch im Winter und im Frühling. Sicherlich verzeichnen wir auch immer wieder Phasen, in denen es ordentlich regnet – das ist normal bei uns. Aber in Summe zeigt sich bei uns und in den Nachbarländern ein Trend in Richtung trockenere Phasen. Das ist fatal für die Landwirtschaft. (but)

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Roswita Fitzinger

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