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Weltspiegel

Die US-Millionenmetropole New York "ist das Epizentrum der Coronakrise"

Von Thomas Spang  27. März 2020 00:04 Uhr

Die US-Millionenmetropole New York "ist das Epizentrum der Coronakrise"
Auf den Straßen New Yorks – wie hier in Brooklyn – ist es derzeit ruhig.

Die am dichtesten besiedelte Stadt der USA droht von der Pandemie überrollt zu werden

Die Stadt, die niemals schläft, ruht. Gespenstische Stille ersetzt das Hupen und die Sirenen in den Straßenschluchten von Manhattan. Die Touristen drängen nicht mehr über die Brooklyn Bridge. Einkäufer halten sich von den Kaufhäusern und Luxus-Boutiquen an der Fifth Avenue fern. In den trendigen Kneipen und Restaurants des "Meatpacking District" lagern die Stühle verkehrt herum auf den Tischen.

Es gibt keine Schlangen vor dem neu gestalteten MoMA-Museum, das wie alle anderen Kultureinrichtungen geschlossen hat. Am Broadway bleiben die Lichter ebenso aus wie in der Metropolitan Opera und im legendären Jazzclub "Blue Note". Der Times Square ist wie leergefegt. Unter die Leuchtreklamen mischen sich die Botschaften der Gesundheitsbehörden, die darauf drängen, auf Abstand zu gehen.

Doch soziale Distanz zu halten, ist schwer in einer Stadt, in der auf einem Quadratkilometer mehr als 10.000 Menschen leben. In Wolkenkratzern, wo sich die Nachbarn im Aufzug begegnen, oder in kleinen Wohnungen, auf den Fluren alter Backsteinbauten.

Leben in einer Art Schockstarre

Seit Bürgermeister Bill de Blasio am Sonntag eine Ausgangssperre in Kraft setzte, leben die New Yorker in einer Art Schockstarre. Nur wer in lebenswichtigen Bereichen arbeitet, darf auf die Straße gehen. Dazu gehören medizinisches Personal, Verkäufer in Lebensmittelläden, Polizisten und Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe.

Mitte der Woche kletterte die Zahl der Coronafälle auf mehr als 17.000. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, spricht von "astronomischen Zahlen". Schon jetzt wird jeder dritte Corona-Fall in den USA in New York City diagnostiziert. Die Zahlen verdoppeln sich in immer kürzeren Abständen.

"New York ist das Epizentrum dieser Krise", sagt Bürgermeister De Blasio, der vor zwei Wochen noch Empörung auslöste, weil er unbekümmert Sport trieb. Jetzt entlässt er vorsorglich Kleinkriminelle aus den überfüllten Gefängnissen, um Personal und Mitgefangene zu schützen. Und er bittet um die Solidarität Amerikas. "Kein Ort leidet mehr Schmerzen. Kein Ort braucht dringender Hilfe."

Zu wenige Krankenhausbetten

US-Präsident Donald Trump hat den Appell seiner Heimatstadt, die ihm zu Geld und Macht verholfen hat, bisher weitgehend ignoriert. Die Bundesregierung verlangt von jedem New Yorker, der die Metropole verlässt, dass er sich für 14 Tage in Quarantäne begibt. Und Trump mobilisierte die Nationalgarde für den Fall, dass es zu Unruhen kommt. Dringend benötigte Schutzmasken und Beatmungsgeräte liefert er nicht. Darum müsse sich der Gouverneur selbst kümmern, heißt es im Weißen Haus.

Noch dringender werden Spitalsbetten benötigt. Gebraucht werden bis zu 140.000, verfügbar sind 53.000. Im Eiltempo wandelt die Stadt Manhattans gläsernes Kongresszentrum – das Javits Center – zu einem Notkrankenlager mit 1000 Betten um. Ein weiteres Veranstaltungszentrum am Stadtrand und zwei Universitäten fungieren nun ebenfalls als Feldlazarette. Und die Navy schickt das Krankenhausschiff USS Comfort mit 1000 Betten.

Mitte der Woche gab es in New York bereits mehr als 300 Corona-Tote. Das "Elmhurst Hospital Center" in Queens, dem Stadtteil, aus dem Trump stammt, meldete am Mittwoch 13 Corona-Tote in nur 24 Stunden. "Es ist apokalyptisch, was sich hier abspielt", sagt die Ärztin Ashley Bray.

Während sich über der Stadt gespenstische Stille ausbreitet, tobt in den Krankenhäusern New Yorks ein Abwehrkampf gegen das Virus. Überarbeitete Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger versuchen ihr Bestes, um möglichst viele Leben zu retten.

"Arbeiten im Desastermodus"

Die Ärztin Sylvie de Souza sagt einer Reporterin der "New York Times", sie fürchte sich vor einer Situation, in der sie wählen müsse, welche Patienten eine Chance erhalten, an der Beatmungsmaschine zu überleben. Bereits kommende Woche werde es nicht mehr genügend Platz geben, um etwa im Brooklyn Hospital Center alle Schwerkranken zu versorgen. "Wir arbeiten im Desastermodus."

Das älteste New Yorker Spital "Bellevue" hat nicht einmal für die erwarteten Toten genügend Platz. Aus zusammengestellten Kühllastern wird daher eine behelfsmäßige Leichenhalle errichtet.

"Ihr seid keine Supermänner"

Bürgermeister De Blasio und der Gouverneur erwarten, dass der Höhepunkt der Pandemie in New York noch 21 Tage entfernt liegt. "Was auf uns zurast, ist nicht ein Güterzug, sondern ein Hochgeschwindigkeits-Express", illustriert Gouverneur Cuomo die Herausforderung für das Gesundheitssystem. Und er fordert die jungen New Yorker eindringlich auf, sich an die Ausgangssperre zu halten. "Ihr seid keine Supermänner und Superfrauen."

Der Appell richtete sich indirekt auch an einen Sohn der Stadt, der nun im Weißen Haus sitzt. Trump spekulierte am Dienstag darüber, in weniger als drei Wochen die Ausgangssperren zu lockern und die Geschäfte wieder zu öffnen.

In New York wird das nicht passieren, versichert Cuomo. "Wir sind nicht bereit, diesem Virus ein bis zwei Prozent der New Yorker zu opfern", sagt der Gouverneur.

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