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Weltspiegel

Mehr als bloß Rindviecher

Von Roswitha Fitzinger   05. Dezember 2015

Mehr als  bloß Rindviecher
Das Tiroler Grauvieh – Aushängeschild Tirols

Die wildesten, die gefährlichsten, die beliebtesten, sogar die exotischsten Tiere finden sich in diversen Bildbänden wieder. Jetzt gibt es ein bildgewaltiges Werk über Kühe. Bio-Pionier Werner Lampert hat die ursprünglichsten Rindviecher diese Welt zusammengefasst – eine Huldigung an die Kuh.

Nichts ist mir so vertraut wie diese Kühe. Ich liebte es als Kind, mein Nase in ihrem Fell zu reiben, meinen Kopf an ihren Körper zu schmiegen. Ich liebte ihren Geruch, ihre Zugewandtheit", sagt Werner Lampert über sich und das Montafoner Braunvieh. Es sind die Kühe seiner Kindheit. Sie hat er gehütet, ihren sein Leid und seine Sorgen erzählt. Der Erfinder der Bio-Marken "Ja Natürlich" und "Zurück zum Ursprung" ist seit Kindertagen ein Kuhfreund, wie er sagt. Für ihn nur ein Grund, ein 400-seitiges Kuhbuch zusammenzustellen, das nicht nur in seinem Umfang den Rahmen eines Bildbandes sprengt. Es ist eine Enzyklopädie ursprünglicher Rinderrassen vom Zillertal bis in die Mongolei, angereichert mit zahlreichen Fakten und wunderschönen Fotografien - von Kühen, versteht sich. Die OÖNachrichten sprachen mit dem Autor über die Schönheit und Charaktereigenschaften diesere Tiere und warum sie eines Tages unser Überleben sichern werden.

 

OÖN: Warum faszinieren Sie gerade Kühe?

Werner Lampert: Es ist unter anderem ihre Fähigkeit zur Bezogenheit. Kühe können auf unglaubliche Art zu Menschen Beziehungen aufnehmen und diese eine lange Zeit aufrechterhalten.

DIeses Buch war Ihnen ein "Herzensprojekt". Warum war Ihnen die Realisierung ein so großes Anliegen?

Immer wenn ich ein Projekt verwirklicht habe, dachte ich: Jetzt mache ich das, aber in Wirklichkeit möchte ich ganz etwas anderes tun. Ein tolles Kuhbuch zu machen, diese Idee trage ich seit 20 Jahren mit mir herum. Warum es mir aber ein so großes Anliegen ist, hat auch damit zu tun, dass wir heute nur noch hochgezüchtete Leistungsrinder haben. Dieses Buch handelt jedoch von Rindern, an denen noch nicht herumgezüchtet worden ist. Kühe, die noch eine große Natürlichkeit haben.

Ursprüngliche Kühe in aller Welt aufzuspüren stelle ich mir als eine ziemlich abenteuerliche Unternehmung vor...

Ich bin nicht selber gereist, aber die meisten dieser Kühe kenne ich bereits seit langer Zeit. Ich habe mich mein Leben lang mit Kühen auseinandergesetzt. Aber ja, es war ein Abenteuer und eine wilde Herausforderung. Die Fotografin und ein Begleiter haben etwa Mitte Jänner auf 5000 Meter die Yaks fotografiert oder versucht, die Koupreys im kambodschanischen Dschungel aufzuspüren. Eine Suche, die vergebens war. (Das Kapitel über die Koupreys gibt es im Buch dennoch, allerdings klafft anstelle der Fotos ein Weißraum. Seit 1983 hat diese Rinderrasse niemand mehr gesichtet. Möglicherweise ist sie bereits ausgestorben, Anm. d. Red.)

Welche logistische Herausforderungen gab es zu bewältigen?

Allein die Umsetzung des Buches hat zweieinhalb Jahre gedauert, die Vorbereitungszeit mit gerechnet waren es vier Jahre. Insgesamt waren vier Fotografen im Einsatz. Nach Westafrika allerdings wollte keiner gehen. Damals war in dieser Gegend gerade Ebola sehr stark verbreitet. Um die Kouri am Tschadsee zu fotografieren, mussten wir auf Fotos der FAO zurückgreifen, weil dort die Terrorgruppe Boko Haram immer wieder Menschen verschleppt. In manche Gegenden sind wir auch zweimal gereist, weil die Bilder nicht gepasst haben. Während der Dürrezeit in Äthiopien und Ruanda sind die Fotos grau und düster geworden, also sind wir noch einmal hin.

In dem Buch kommen fast ausschließlich Kühe mit Hörnern vor. Hat das einen Grund?

Nur in Schottland gibt es genetisch hornlose Kühe, ansonsten haben sie Hörner. Deshalb habe ich auch viel Wert darauf gelegt, dass wir fast ausschließlich solche Tiere beschreiben, weil dieses Bewusstsein langsam verschwindet. Wir kennen meist nur noch hornlose Tiere, aber Kühe haben Hörner und die sind wichtig, einmal um ihr soziales Umfeld abzustecken. Kühe kommunizieren mit ihren Hörnern.

Inwiefern?

Hörner sind kein totes Stück, sondern total lebendig, weil sehr sensibel und stark durchblutet. Außerdem gehören Hörner zur Erscheinung einer Kuh. Wie Menschen mit den Augen sprechen, reden Kühe mit den Hörnern. Es wird davon ausgegangen, dass Kühe mit Hörnern eine andere Qualität an Milch geben. Ganz sicher ist, dass sie etwas mit dem Verdauungssystem oder in den großen Höhen Afrikas etwas mit dem Temperaturausgleich zu tun haben.

Rinder werden eines Tages unser Überleben sichern. Was bewegt Sie zu dieser Aussage?

Weil Rinder in den 12.000 Jahren, in denen sie mit uns zusammen leben, gezeigt haben, dass sie die Fähigkeit besitzen, sich unglaublich gut anpassen zu können. Ob sie nun in den trockensten, heißesten oder kältesten Gegenden leben, sie passen sich an.

Weiß ein Werner Lampert, wie man eine Kuh melkt?

(Lacht). Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Es ist sicher 20 Jahre her, dass ich eine Kuh gemolken habe, aber ich könnte es noch, da bin ich sicher. Das ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht.

Welche Charaktereigenschaften würden Sie Kühen zuweisen?

Das kommt darauf an. Ich glaube, dass die Funktion und das Umfeld die Eigenschaften mitgestalten. Es ist ein Unterschied, ob eine Kuh in Sibirien oder im Mühlviertel beheimatet ist. Prinzipiell haben Kühe einen sehr ausgeglichenen, ruhigen Charakter. Sie sind genaue Beobachter und äußerst wachsam. Werden sie das erste Mal auf die Alm getrieben, kann man auch erleben, welche Lebensfreude sie haben.

Essen Sie Rindfleisch?

Ich versuche, es zu vermeiden.

In Ihrem Buch finden sich an die 80 indigene Rinderrassen – nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt?

Wir haben versucht, sie in Gruppen zusammenzufassen. Zwei wichtige Kriterien waren etwa der Bedrohtheitsgrad und die kulturelle Wichtigkeit für eine Gegend. Dann gibt es beispielsweise die Gruppe der Alpentiere und jene, die ich einfach schön finde.

Es hat den Anschein, als wollten Sie die Kuh in das rechte Licht rücken, auch optisch zeigen, wie schön diese Tiere sind.

Ich wollte eine Ahnung davon vermitteln, was heißt eigentlich Kuh, wollte zeigen, dass es unterschiedliche Formen gibt, die mit der Einheitshochleistungskuh, wie wir sie kennen, nichts zu tun haben. Ich wollte auch die unheimliche Vielfalt von Rindviechern verdeutlichen, und dass die Art, wie wir sie halten, ein Zeichen von Armut ist. Unsere Einheitshochleistungskühe werden den Klimawandel nicht überstehen. In der Mongolei oder in Ostsibirien gibt es Rassen, die 100 bis 120 Grad Temperaturunterschied aushalten. Das sind die Kühe der Zukunft. Was ich sagen will: Unsere Hochleistungskühe werden uns auf Dauer nicht ernähren. Das Land, das sich am stärksten mit indigenen Rassen auseinandersetzt und etwas zu ihrer Erhaltung tut, ist China. Das hat mich sehr erstaunt. Das Land mit dem geringsten Interesse diesbezüglich ist Amerika.

Hat Kuhfreund Lampert eine Rinderrasse, für die sein Herz besonders schlägt?

Na ja, eigentlich sind es zwei. Das ist das Montafoner Rind, das mir persönlich sehr nahesteht. Dann das Pinzgauer Rind, wie ich finde, das großartigste Rind. Es ist einfach unglaublich schön. Es hat einen tollen Körper, eine wunderbare Farbe, dann diese Augen. Dieses Rind ist für jeden Stall eine Zierde. Wenn man in einen Stall voller Pinzgauer geht, bleibt einem der Atem stehen, so baff ist man von dieser Schönheit.

 

 

Abstammung

Der vorderasiatische Ur- oder Auerochse gilt als Stammvater sämtlicher Hausrinderrassen. Das Rind war das erste Großtier, aus dem sich die Menschen ein Haustier zu formen trauten. Die Domestikation fand vor 10.000 Jahren statt. Der letzte Auerochse starb 1627 in einem Wald von Jaktorów in Polen im Alter von 30 Jahren.


Arten

Bei der UN-Ernährungsorganisation FAO sind 990 Rinderarten verzeichnet, 209 gelten als ausgestorben, 490 als gefährdet


Das geht auf keine Kuhhaut ...

... ist wohl eine der bekannten Redewendungen, die ihren Ursprung im Mittelalter hat. Zu dieser Zeit dachten die Menschen, der Teufel würde alle Sünden einer Person auf Pergament, einer Tierhaut, festhalten. Für kleine Sünder genügte der Sage nach eine Schafs- oder Kalbshaut, bei einem großen Sünder reichte jedoch nicht einmal eine Kuhhaut aus.

 

Biopionier, Unternehmer und Buchautor

Mehr als  bloß Rindviecher

Werner Lampert. Bereits als Kind hat der 1946 in Feldkirch geborene Vorarlberger einen eigenen Garten mit Obst und Gemüse. Doch bis zu seinem 25. Lebensjahr übt er den Beruf des Kirchenrestaurators aus, bevor er Altorientalistik studiert. Gemeinsam mit Menschen mit Downsyndrom und Schizophrenie betreibt er eine Arbeitsgemeinschaft, die Bio-Lebensmittel anbietet. Der Betrieb rutscht jedoch in die Pleite. Ein Freund rät Lampert, einen Großhandel für biologische Lebensmittel in Österreich aufzubauen. Naturkostläden und Reformhäuser sind seine Kunden. Doch Lampert will mehr. Als Konsum und Spar ihn abblitzen lassen, landet er bei Billa und bekommt dort seine Chance: 1994 hat „Ja Natürlich“ als eigene Bio-Marke ihren Marktauftritt. Die Zusammenarbeit endet 2003. Für den Diskonter Hofer kreiert Lampert 2006 mit „Zurück zum Ursprung“ eine weitere Biomarke mit mehr als 300 Produkten. Heute verwaltet er den Csardahof im Burgenland, wo eine Vielzahl des Zurück zum Ursprung-Biogemüses angebaut wird, und ist Geschäftsführer der Werner Lampert GmbH.

Werner Lampert: „Unberührte Schönheit. Reisen zu den ursprünglichsten Kühen der Welt“: Servus Buchverlag,
415 Seiten, 29,90 Euro

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