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Weltspiegel

In der Todeszone von Tschernobyl

Von Heidi Riepl   31. März 2011 00:04 Uhr

Tschernobyl

Wer glaubt, dass die Todeszone von Tschernobyl menschenleer ist, irrt. Auch 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe arbeiten und leben hier tausende Menschen. Für »Touristen« kostet der Eintritt in die Zone umgerechnet etwa 100 Euro.

Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt von Kiew mit dem Kleinbus. Zunächst geht es über mehrspurige Schnellstraßen, doch je näher wir der „30-Kilometer-Zone“ kommen, desto holpriger wird der Asphalt. Am Kontrollpunkt empfängt uns Militär, das die Pässe mit der Teilnehmerliste abgleicht. Der Blick des Beamten ist streng. Der Grenzschranken darf nur für die geöffnet werden, die eine offizielle Genehmigung haben.

Debnis Sabarin ist auf Gäste vorbereitet. In fließendem Englisch empfängt uns der Touristenführer im Besucherzentrum und erklärt in knappen Worten den Hergang der bisher schwersten Atomkatastrophe: Dass man damals, nach dem 26. April 1986, eifrig aufgeräumt habe und viele dabei gestorben seien. Dass man die schwer verstrahlten Lkw und Bagger in riesige Gruben geschoben und dann Sand über alles gekippt habe. Und dass man mit etlichen Dörfern ganz genauso verfahren habe. Auf der Landkarte zeigt er die am schwersten verstrahlten Gebiete der Zone. „An dem vom Plutonium in Rot getauchten Waldstück werden wir lieber vorbeifahren und nicht anhalten. Dort ist es einfach viel zu gefährlich“, fügt Debnis hinzu. Und das gilt für die nächsten 241.000 Jahre. So lange dauert es nämlich, bis die Radioaktivität wieder Normalwerte erreicht.

Mit unserer Unterschrift müssen wir dann noch versichern, dass wir über unser gesundheitliches Risiko Bescheid wissen. Erst dann dürfen wir weiterfahren.

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Besuch in der Todeszone: Tschernobyl im Jahr 2011

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„Wo soll ich sonst arbeiten?“

Erster Stopp: das Dorf Tschernobyl. Am Straßenrand steht ein Denkmal, sowjetisch, kitschig, grau. Es ist den 28 Männern der Werksfeuerwehr gewidmet, die sich in der Unglücksnacht den Flammen entgegengeworfen haben. Sie sind längst tot, Leukämie. „Zehn Minuten Fotopause“, brummt Debnis. Die Kameras klicken.

Der Straßenarbeiter Boris ist einer von mehr als 3000 Arbeitern, die noch immer in der Zone arbeiten. Er macht hier eine Rauchpause. „Ach, wir haben uns an die Radioaktivität gewöhnt. Zwei Wochen arbeiten wir hier, dann verlassen wir die Zone.“ Ob er denn keine Angst habe? Boris zuckt mit den Schultern: „Wo soll ich sonst arbeiten?“ Mundschutz trägt er keinen, obwohl gerade der Straßenstaub gefährlich radioaktiv ist. Offiziell leben in der gesperrten Zone 360 Menschen: Sie werden von den ukrainischen Behörden geduldet. Wahrscheinlich sind es ein paar hundert mehr. Man erkennt die bewohnten Häuser zwischen den verlassenen sofort: Vorhänge an den Fenstern, manchmal steht ein Auto davor. Es sind meist ältere Menschen, die in ihre Häuser zurückgekehrt sind. „Selbstsiedler“ werden sie genannt.

Nach dem zweiten Checkpoint wird es immer verwilderter. Im inneren 10-Kilometer-Ring rund um den Unglücksreaktor haben Zivilisten nichts verloren. Der Bus stoppt hundert Meter vom Sarkophag entfernt, dem Betonschutzmantel um die Reaktorruine. Die Hülle haben einst ahnungslose Arbeiter zusammengeschustert und über die Jahre nur notdürftig geflickt. Sie bröckelt und rostet. Sollte der Sarkophag einstürzen, würde eine radioaktive Wolke die Region erneut kontaminieren.

Fotografieren ist nur fünf Minuten erlaubt, dann geht es hinein in eine Art Schauraum. Dort empfängt uns ein gut gekleideter Herr mit Zeigestab. Er klappt ein Modell des explodierten Reaktors auf und erklärt nochmals den Hergang der Katastrophe. Das Gerät an der Wand misst in großen Leuchtziffern die aktuelle Belastung direkt vor dem Reaktor. Bei jedem Windstoß ändert sich die Strahlung. Mal ist sie ein bisschen höher, mal ein bisschen weniger, doch ungefährlich ist sie nie.

Beeindruckender als der Reaktor selbst ist es, zu sehen, was er angerichtet hat – etwa in Pripjat, der 1970 erbauten Stadt, die die Arbeiter des Atomkraftwerks beherbergte. Wohnungen waren so gut wie umsonst, es gab ein Einkaufszentrum, ein modernes Hallenbad, einen Kulturpalast, ein Krankenhaus und Schulen. Die Stadt war eine der jüngsten und lebendigsten in der Sowjetunion, eine Art nukleares Schlaraffenland.

Gespenstische Ruhe

Erst Tage nach der Explosion in Reaktor 4 hat man die 50.000 Einwohner evakuiert. Man hat ihnen vorgelogen, sie könnten bald zurück. Doch niemand ist zurückgekehrt – außer den Plünderern. Nur was niet- und nagelfest war, rottet seitdem vor sich hin. Ein gigantisches Freilandexperiment – gruselig.

Wo einmal das pralle Leben war, herrscht jetzt gespenstische Ruhe. In den Klassen hängen Fotos von Lenin und anderen Helden der UdSSR, auf den Böden und Bänken liegen verstreut Schulhefte, als wären sie gestern irrtümlich vergessen worden. Ein alter Telefonhörer hier, ein verrottender Schuh dort – die übrig gebliebenen Dinge sind stumme Zeugen der Katastrophe. „Achtung, nicht auf das Moos treten“, sagt unser Führer. Der Geigerzähler beginnt wie wild zu ticken. Die Strahlendosis Wiens wurde soeben um das 1300-fache überschritten.

Der Busfahrer hupt, wir müssen weiter. Es geht zurück zum äußeren Checkpoint, alle müssen noch auf ein Messgerät steigen. Grünes Licht, wir sind Gott sei Dank sauber und dürfen das Sperrgebiet verlassen.

  • Für Interessierte bietet die EVN Führungen in Zwentendorf an: www.zwentendorf.com. Grundsätzlich sind Führungen nur an Freitagen um 13.00 und 15.00 Uhr möglich. Die Führung durch das AKW dauert rund 1,5 Stunden. Aus sicherheitstechnischen Gründen ist die Teilnahme an der Führung erst ab dem vollendeten 15. Lebensjahr gestattet.
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