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Gabonionta: Wie Mehrzeller versuchten, die Erde zu erobern

08. März 2014, 00:04 Uhr
Gabonionta: Wie Mehrzeller versuchten, die Erde zu erobern
Bis zu 17 Zentimeter messen die Gabonionta, die in einem Steinbruch in Gabun gefunden wurden. Bild: NHM

Fossilien, die aussehen wie versteinerte Ohren, erzählen die sensationelle Geschichte einer der größten Umwälzungen der Erdgeschichte: dem "Great Oxydation Event".

Ihre Entdeckung wirbelte die Zeittafel der Evolution durcheinander. Als vor knapp vier Jahren im Fachjournal "Nature" über die ältesten Fossilien von komplexen, kolonialen Lebewesen berichtet wurde, musste das Buch des Lebens um mehr als 1,5 Milliarden Jahre zurückdatiert werden. Gabonionta, versteinerte Gebilde, die Ohrmuscheln ähneln, sind ab 12. März im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen.

Das Leben auf der Erde entstand vor etwa 3,8 Milliarden Jahren. Die ersten Organismen waren Bakterien, die mitunter mächtige Matten und Polster bildeten – die Stromatolithen. Bis 2010 lautete die Lehrmeinung, dass diese Bakterienwelt erst vor 580 Millionen Jahren durch mehrzellige Lebewesen (Ediacara-Fauna) abgelöst wurde. Dann fand der marokkanisch-französische Geologe Abderrazak El Albani von der Universität Poitiers (Frankreich) in 2,1 Milliarden Jahre altem Schiefer eines Steinbruchs in Gabun Fossilien und nannte sie Gabonionta.

Weder Tier noch Pflanze

Gabonionta sind weder Tiere noch Pflanzen, sondern bilden eine eigenständige Organismengruppe. Ihr mehr oder weniger ellipsoider bis kreisförmiger Zentralkörper ist durch einen Saum umgeben, der eine radiale Struktur aufweist und in einem gelappten Rand endet. Die Entstehung der Gabonionta aus Einzellern war kein Zufall. Sie fällt in eine Zeitspanne der Erdgeschichte, die als "Great Oxydation Event" bezeichnet wird. Vor etwa 2,3 Milliarden Jahren wurde die Atmosphäre erstmals mit Sauerstoff angereichert. Verantwortlich dafür war vermutlich die Fotosynthese durch Cyanobakterien. Dadurch wurde die schädliche UV-Strahlung der Sonne abgeschwächt und eine der Rahmenbedingungen für Vielzelligkeit und Größenwachstum geschaffen.

100 Millionen Jahre nach ihrem Auftreten starben die Gabonionta aus. Vermutlich sank der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre drastisch ab. Die Verwitterung von Gesteinen, die nun bereits sehr reich an organischem Kohlenstoff waren, entzog der Atmosphäre und auch dem Meer den eben erst gebildeten Sauerstoff. Das "Experiment Leben" erlitt einen gewaltigen Rückschlag.

Ab 12. März werden die Gabonionta im Naturhistorischen Museum Wien – als erstes Museum weltweit – ausgestellt. Videos zeigen 3D-Rekonstruktionen mehrerer Individuen. Diese Animationen basieren auf Micro-CT-Daten und erlauben faszinierende Einblicke in den Aufbau der Organismen.

 

Steckbrief: Gabonionta

Bedeutung: ältestes bekanntes vielzelliges, komplexes Leben mit koordiniertem Wachstum.
Form: dreidimensional erhaltene Scheiben mit gewelltem Rand und radialem Innenaufbau.
Größe: bis zu 17 cm.
Anzahl: mehr als 450 Objekte.
Alter: 2,1 Milliarden Jahre.
Fundort: Steinbruch wenige Kilometer von Franceville (Gabun).
Sediment: schwarze Tonschiefer – ehemaliger Meeresschlamm.
Erhaltung: Druck und Gegendruck in Pyrit und Eisenoxiden.
Lebensraum: Sedimentoberfläche eines Flachmeeres mit sauerstoffreichem Wasser.
Lebensweise: unbekannt; vielleicht nutzten die Organismen chemische Energie oder waren zu Fotosynthese fähig.

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