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Weltspiegel

Der Geschmack von Blei auf der Zunge

Von Stefan Scholl   23. April 2016 00:04 Uhr

Der Geschmack von Blei auf der Zunge
Petschnikow vor 30 Jahren im Panzerwagen (li.) in Tschernobyl

Sie beerdigten die Radioaktivität und sie schluckten sie. Die atomare Katastrophe hat sie getötet, ihre Gesundheit ruiniert, sich bis heute in ihre Schicksale verbissen: die 800.000 Liquidatoren von Tschernobyl.

Am Kontrollpunkt an der 30-Kilometer-Grenze stand ein japanisches Strahlenmessgerät. Es leuchtete auf, wenn ein radioaktiv verschmutztes Auto vorbeifuhr. Der Wagen musste dann erst gewaschen werden. "Wenn unsere Gruppe nach der Arbeit rausfuhr, leuchtete der Japaner rot wie eine Ampel", erzählt Alexander Petschnikow. Deshalb bat der Fahrer die Männer, vor dem Kontrollpunkt abzusteigen. Der Lastwagen passierte problemlos. "Dafür strahlten wir." Petschnikow grinst. "Aber strahlende Menschen durften weitergehen."

Vor 30 Jahren, am 26. April 1986, explodierte im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor. Durch sein zerfetztes Dach gerieten radioaktive Partikel tonnenweise in die Atmosphäre. Der schlimmste Unfall in der Geschichte der Kernkraft, AKW-Techniker und Feuerwehrleute warfen sich der Strahlung als Erste entgegen, über 30 verbrannte die inhalierte Radioaktivität in den nächsten Wochen von innen. Danach kamen Ingenieure, Facharbeiter, Soldaten. Insgesamt 800.000 Sowjetmenschen waren im Einsatz, Zehntausende verloren ihr Leben, Hunderttausende ihre Gesundheit.

Tapferkeits-Orden

Alexander Petschnikow, 53, hat sich seinen guten Anzug angezogen, an der Brust seines flaschengrünen Blazers hängen der sowjetische "Tapferkeits-Orden" und eine Ehrenmedaille des russischen Invalidenverbands, auch sein grauer Schnauzbart ist imposant. "In Tschernobyl haben wir uns die Haare ganz kurz geschnitten, weil Haare viel Radioaktivität aufnehmen." Aber den Bart habe er nicht rasiert. "Was ist ein Mann ohne Schnauzbart?" Er grinst wieder.

Petschnikow kommt aus der Stadt Schtschekino im Gebiet Tula südlich von Moskau, mehr als 2500 Liquidatoren stammen aus der Region. Auch den anderen Tulaner Liquidatoren sieht man nicht an, dass sie "Invaliden der 2. Gruppe" sind, in Russland der zweithöchste Behinderungsgrad. Kräftige Endfünfziger mit breiten Gesichtern und grauen Haarschöpfen.

Aber sie leiden an Kopf- und Gelenkschmerzen, an kranken Mägen und Herzen. "Am kaputtesten", sagt Petschnikow, "ist das Nervensystem."

Die ersten Liquidatoren wurden mobilisiert, als die Katastrophe noch nicht öffentlich war. "Als ich am 6. Mai nach Hause kam, lag dort ein Gestellungsbefehl", erinnert sich der frühere Kraftfahrer Sergei Aldochin aus Tula. "Abends im Fernsehen hörten wir dann das erste Mal von Tschernobyl."

Aldochin gehörte wie Petschnikow oder der Fabrikschlosser Wladimir Pawlow zu den Reservisten der Sowjetarmee, die nach Tschernobyl fuhren. Sie alle hatten im Wehrdienst geübt, Radioaktivität nach einem Nuklearschlag zu bekämpfen, sie wussten um die Tödlichkeit freigesetzter Atomkraft. Aber niemand, sagen sie, habe versucht, sich zu drücken. Die Liquidatoren fuhren, um eine unvermeidliche Pflicht zu erfüllen. "In unserem Bergwerk suchten sie 150 Freiwillige", sagt der damalige Grubenvorarbeiter Wladimir Naumow. "Es meldeten sich mehr als 300." "Wir waren doch alle Komsomolzen", erklärt der frühere Elektroingenieur Wjatscheslaw Filonow. "Wenn nicht wir, wer hätte es denn getan?", fragt Aldochin.

Bauarbeiter und Soldaten, Bagger- und Lkw-Fahrer mauerten die Radioaktivität zu, wuschen, schabten, schaufelten und fuhren sie weg, beerdigten sie. Naumows Bergleute gruben einen 150-Meter-Tunnel unter den Reaktor, um das Erdreich darunter mit einem Betonsockel abzudichten. Tschernobyl wimmelte wie eine riesige Baustelle von alltäglicher Geschäftigkeit. Aber es war auch atomares Schlachtfeld, Schauplatz einer der größten Massenheldentaten in der Geschichte Europas.

Der Geschmack von Blei auf der Zunge
Petschnikow heute

Das Herz rast

"Es ist falsch, dass man Strahlung nicht spürt", sagt Petschnikow. Sie schmecke wie Blei auf der Zunge, das Herz rase. Manche Männer erbrachen sich, andere fühlten sich wie nach einem Sonnenstich.

Die Liquidatoren campierten in Zeltlagern außerhalb der 30-Kilometer-Zone, fuhren auf Ural-Lkws in die Radioaktivität, sie trugen simple Schutzbekleidung aus imprägniertem Stoff und Gummistiefeln. Und Atemmasken aus mit Glasfaser überzogenem Mull, "Blättchen" genannt.

Die Männer arbeiteten in Schichten, je nach Radioaktivität vor Ort eine halbe Stunde oder nur fünf Minuten. Hinterher wurde mit einem Stiftdosometer die Strahlung an ihrer Kleidung kontrolliert. Hatte eine Gruppe das Tageshöchstsoll von 0,6 Röntgen erreicht, wurden sie zum Duschen abkommandiert.

Anfangs mutete man jedem Liquidator insgesamt 30 Röntgen Radioaktivität zu, später 20 Röntgen. Die Männer besitzen noch heute die Kärtchen mit ihren Dosen, 19,4 Röntgen steht auf jener Petschnikows. Aber die Messungen seien nur relativ genau gewesen, sagt er. Und Pawlow erzählt, Jahre nach Tschernobyl habe man in einem Stück seines Zahnes 80 Röntgen gemessen. "Aber mehr als 20 Röntgen war verboten." Höhere Dosen hätten den Staat teure Entschädigungen gekostet.

Die Männer schluckten ihre Strahlung ohne Panik. "Nach ein paar Tagen stumpft die Angst ab", erklärt Petschnikow. "Radioaktivität ist ja kein bissiger Hund, der auf dich zurennt." Pawlow sagt: "Arbeit, ganz normale Arbeit." Aldochin taufte ein Kätzchen, das ihm in der Zone zulief, "Röntgen", nahm es später mit nach Hause.

Aber sie brachten auch den Tod heim, schon in Tschernobyl verfielen ihre Körper. "Ich war völlig abgemagert", sagt Petschnikow, ich dachte, ich verrecke." Wie viele seiner Kameraden begann er nach Tschernobyl um sein Leben zu kämpfen. "Ich war täglich auf dem Sportplatz. Erst konnte ich bloß gehen, dann fing ich an zu laufen. Ich lief, bis ich weiße Mäuse sah."

Die einen versuchten es mit Wodka gegen die rasenden Kopfschmerzen, eine tödliche Kur, andere joggten, tranken literweise Wasser, schwitzten in der Sauna. "So kriegt man einen Großteil der radioaktiven Stoffe aus dem Körper raus", sagt Filonow. "Nur nicht aus den Knochen." Leukämie, grauer Star, Immunmangel, viele siechten auch ohne Wodka zu Tode.

90.000 tote Liquidatoren

240.000 der Liquidatoren kamen aus Russland. 90.000 von ihnen sind tot, offiziell starben nur 10.000 von ihnen an Radioaktivität. Und diese soll nur 40.000 von 90.000 Invaliden ihre Gesundheit genommen haben. Aber Statistik ist in Russland noch geduldiger als der Tod.

Die Liquidatoren leben in bescheidenen Plattenbauwohnungen, mit altmodischen Teppichen an den Wänden. Einfache Helden, sie bekommen einen Zuschlag von mindestens 120 Euro auf ihre Renten, es gibt alte sowjetische Balladen, neue Denkmäler und Ikonen zu ihren Ehren. Sie wissen selbst, dass sie Heimat und Europa vor jahrelangen radioaktiven Fallouts gerettet haben, aber ihr Stolz ist leise. Tschernobyl habe sein Weltbild umgestülpt, sagt Petschnikow. "Wie nach einem Krieg: Lebe und freu dich, dass du lebst!" Auch die anderen sagen, sie wüssten jetzt, dass die Zukunft sehr schnell zu Ende sein könne. "Jeden Tag bewusst leben, das ist das Wichtigste", sagt Filonow.

Tschernobyl hat sich in ihre Schicksale verbissen. Nach dem Unfall zog eine radioaktive Wolke Richtung Moskau, Sowjetflieger "schossen" sie mit Chemikalien ab. Der Regen traf auch die Region Tula, besonders die Stadt Schtschekino. "Mein erster Sohn kam zwei Monate vorher zu Welt." Petschnikow lächelt nicht mehr. "Ein talentierter Bub, er hat die Schule mit einem Einserzeugnis abgeschlossen." Aber sein Sohn leide an einer Knochenkrankheit, die nicht heilbar sei. Petschnikow schweigt jetzt. Die Liquidatoren reden nicht gern über Strahlenkrankheiten, auch nicht über die ihrer Kinder.

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