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Weltspiegel

Bolschoi-Attentat war ein Racheakt

Von Stefan Scholl aus Moskau   07. März 2013

Bolschoi-Attentat war ein Racheakt
Anstifter Pawel Dmitritschenko in der Titelrolle des Balletts »Iwan der Schreckliche«. Er engagierte Kleinkriminelle gegen den Chef des Hauses.

Startänzer ließ Direktor nach Abweisung der Freundin mit Säure verätzen.

Der Fall erinnert immer mehr an das Melodram „Schwarzer Schwan“. Im Dezember kam die Ballerina Angelina Woronzowa zu Sergei Filin, dem künstlerischen Leiter des Bolschoi-Balletts, und bat ihn um die Hauptrolle im „Schwanensee“. Das berichteten Tänzer der Truppe der Zeitung Iswestija. „Schau dich doch im Spiegel an“, antwortete Filin, „was für ein Schwan du bist.“ Nach Aussage der Tanzpädagogin Marina Kondratjewa war Angelina tatsächlich „elementar zu dick“ für die Rolle.

Trotzdem könnten diese Worte Filin einen Großteil seines Augenlichtes gekostet haben. Am 17. Jänner wurde ihm Schwefelsäure ins Gesicht gespritzt, Filin wurde mehrfach operiert, zur weiteren Behandlung nach Aachen in Deutschland ausgeflogen. Aber bisher gelang es den Ärzten nur, die Sehfähigkeit seines linken Auges zur Hälfte wiederherzustellen.

Gestern haben nach Angaben der Moskauer Polizei drei Tatverdächtige, die am Vortag festgenommen worden waren, gestanden, darunter auch Pawel Dmitritschenko, Solist des Bolschoi-Balletts. Er und die von Filin beleidigte Woronzowa sollen ein Liebespaar gewesen sein. Dmitritschenko heuerte nach den Angaben der Ermittler zwei Kleinkriminelle an. Einer schüttete Filin die Säure ins Gesicht, der andere wartete in einem bereitstehenden Fluchtwagen.

Viele der 220 Tänzer und 24 Tanzpädagogen des Bolschois reagierten geschockt auf die Festnahme Dmitritschenkos. „Ich habe dazu nichts zu sagen“, erklärte Startänzer Nikolai Ziskaridse, der als Lehrmeister auch Angelina Woronzowa betreute, unserer Zeitung. „Aber wenn so etwas möglich ist, hat sich die Theaterleitung völlig diskreditiert.“

Ziskaridse gilt seit Jahren als lautstarker Kritiker seines Hauses, er wurde von Journalisten als möglicher Täter verdächtigt, weil er auch aus seiner Abneigung gegen Filin kein Hehl machte. Mehrere Mitglieder der Truppe bezweifeln, dass Dmitritschenko wirklich der Anstifter war. Einerseits sei der Solist, der unter anderem „Iwan den Schrecklichen“ und „Spartakus“ tanze, bei Kollegen und Vorgesetzten sehr angesehen gewesen, Theaterdirektor Ana- toli Iksanow habe ihn sehr gemocht.

Anderseits besäße er ein impulsives Wesen, handle immer spontan, wochenlange Planung eines hinterhältigen Gewaltverbrechens widerspreche seinem Charakter. Allerdings sagte Bolschoi-Pressesprecherin Katerina Nowikowa noch während der Ermittlungen, das ganze Theater wünsche sich einen Außenstehenden als Täter. Schließlich gilt das Bolschoi seit Jahren als Skandalküche.

 

Ähnlicher Fall in Österreich

Ein bestelltes Attentat in Theaterkreisen machte in Wien vor 31 Jahren Schlagzeilen. Damals war Isabel Weicken, Star des Musicals „Evita“ im Theater an der Wien, von Schlägern nächtens krankenhausreif und arbeitsunfähig geprügelt worden. Für die Zweitbesetzung der Evita, Vera Gutmann, war das die erhoffte Chance zum Aufstieg.

Wenig später gestanden zwei Wiener Unterweltler, für den Anschlag angeheuert worden zu sein. Und zwar vom seinerzeit sehr bekannten TV-Produzenten und Theateragenten Werner Ploner, einem engen Freund Gutmanns. Gutmann ist seither von der Bildfläche verschwunden. Ploner, der die Tat bis heute nicht gestanden hat, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, setzte sich aber nach Indonesien ab, noch ehe der Oberste Gerichtshof seine Nichtigkeitsbeschwerde verworfen hatte. Vier Jahre später wurde er verhaftet und saß seine Strafe in Graz-Karlau ab. Seit seiner Freilassung lebt Ploner auf der Touristeninsel Bali als vielbeschäftigter Reiseführer.

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