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Weltspiegel

50 Jahre Umweltpolitik: Ein Jubiläum ohne einen Grund zum Feiern

Von Josef Lehner  15. Januar 2022 00:04 Uhr

50 Jahre Umweltpolitik Jubiläum ohne einen Grund zum Feiern

Wie der ehemalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt, die Umweltorganisation Greenpeace und der US-Ökonom Dennis Meadows der Umweltpolitik ab 1971 Leben einhauchten.

Die Probleme köchelten schon einige Zeit vor sich hin. Vor 50 Jahren war der Begriff dann plötzlich allgegenwärtig: Umweltschutz. Den internationalen Durchbruch erfuhr die neue Bewegung 1972 mit dem Erscheinen des Buches "Die Grenzen des Wachstums".

Schon 1970 hatte weltweit erstmals der "Tag der Erde" stattgefunden, der die Menschheit dazu anregen sollte, die Ausbeutung der Natur zu überdenken. Seither wird er jedes Jahr am 22. April begangen. In Deutschland und in den USA erfolgten dann zwei Initialzündungen:

Am 15. September 1971 lief aus dem Hafen von Seattle ein Fischkutter aus, den eine Umweltorganisation gechartert hatte. Sie wollte damit US-Atomwaffentests an der Küste stören. Es war die Geburtsstunde von Greenpeace.

Wenige Tage später verkündete die junge SPD-FDP-Regierung von Willy Brandt in Bonn das erste deutsche Umweltprogramm. Rund 100 Gesetze und Verordnungen wurden für den Schutz der Natur adaptiert oder neu beschlossen. 1972 erfolgten dann zwei große internationale Weichenstellungen:

In Stockholm fand im Juni der erste Umweltgipfel der Vereinten Nationen statt, der Start der internationalen Umweltpolitik.

Breiten und lang anhaltenden Widerhall fand die im März präsentierte Studie des US-Ökonomen Dennis Meadows "Die Grenzen des Wachstums", initiiert vom Club of Rome.

2100 ist die Erde erschöpft

Die Hauptthese: Die Menschheit beute den Planeten so sehr aus, dass im Jahr 2100 alle Ressourcen erschöpft und unser aller Lebensraum irreparabel zerstört sein würde. Treiber seien die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum. Es hagelte über die Jahre massenhaft Kritik am Club of Rome – neue Technik werde den Trend stoppen. Meadows und seine Mitautoren beharrten: Die einzelnen Bereiche seien so verknüpft und sich selbst verstärkend, dass es nicht gelingen werde, mit Innovation die exponentielle Kurve der Naturzerstörung zu brechen.

Österreich wollte sich nicht ausschließen; Bruno Kreisky schuf schon im selben Jahr das Ministerium für Gesundheit und Umweltschutz. Geleitet wurde es von Ingrid Leodolter. In der Folge war die Umweltpolitik weiter Anhängsel anderer Ministerien: einmal von Jugend und Familie, auch der Landwirtschaft. Aktuell ist sie in grüner Hand, zusammen mit Klimaschutz, Innovation, Mobilität und Energie.

Klimaschutz ab Rio 1992

Apropos Klimaschutz: Dieses Schlagwort kam erst vor genau 30 Jahren ganz oben auf die Tagesordnung, mit der UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. Sie gilt als erster Weltklimagipfel. Es wurde dabei die Klimarahmenkonvention beschlossen, die noch heute die Strategie gegen die Erderwärmung vorgibt. Erste Hauptthemen in der Umweltpolitik waren der saure Regen und das daraus resultierende Waldsterben. Ab 1989 traten sie in den europäischen Industrieregionen und in deren Hauptwindrichtungen massiv auf. Neue Schlagworte waren der Treibhauseffekt oder auch das Lamettasyndrom: Die Äste der Fichten lichteten sich so stark, dass sie wie der Christbaumglitzer nach unten hingen.

Erfolg gegen sauren Regen

Die westlichen Industrieländer reagierten rasch, bauten bei den Großverschmutzern, vor allem Kraftwerken, Rauchgasreinigungen ein und verbannten den Schwefel weitgehend aus Treibstoffen. Radikal wurde auch gegen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) vorgegangen. Sie wurden als Treibmittel in Spraydosen und als Kältemittel verwendet, belasteten die Atmosphäre tausendfach stärker als Kohlendioxid und wurden 1989 in der EU verboten.

Bei den anderen Sorgen, die sich parallel auftürmten, gingen die meisten Regierungen weniger konsequent vor: der Wasserverschmutzung, der Bodenerosion, dem Artensterben und eben dem Klimaschutz. Im Kyoto-Protokoll verpflichtete sich die Weltgemeinschaft, die Treibhausgase bis 2012 um fünf Prozent auf Basis 1990 zu verringern. Österreich preschte mit minus 15 Prozent vor, schaffte jedoch selbst in der Nachfrist, die bis 2020 gesetzt wurde, keine Verbesserung; die Emissionen stiegen über die Werte von 1990, vor allem jene im Straßenverkehr.

Schwierige grüne Geburt

Dabei hatte sich mit der Abstimmung über das Atomkraftwerk in Zwentendorf (1978), dem Aufstand gegen ein Wasserkraftwerk in der Hainburger Au (Winter 1984/85) und dem Reaktorunglück von Tschernobyl (1986) eine breite Umweltbewegung entwickelt. Der Einzug in den Nationalrat gelang allerdings erst 1986, weil eine linke (Alternative Liste ALÖ) und eine bürgerliche (Vereinte Grüne) Bewegung einander jahrelang bekämpften. Erst 50 Jahre nach dem Aufbruch der Umweltbewegung zog die Grüne Partei erstmals in eine Bundesregierung ein.

Heute gibt es in den meisten Industrieländern ein breites Umweltbewusstsein; die Thesen von Dennis Meadows sind aber auch nach einem halben Jahrhundert nicht durch Taten entkräftet. Zu Beginn des Jahres 2022 gilt noch immer, was Aurelio Peccei, der Präsident des Club of Rome, schon vor 40 Jahren hoffnungsvoll festgestellt hat: "Die notwendigen und möglichen Veränderungen verlangen zwar eine ganze Reihe von Opfern, doch fallen sie geringer aus als diejenigen, die die Menschheit bringen müsste, wenn sie ihren Weg in die Katastrophe fortsetzt." (Aurelio Peccei: "Die Zukunft in unserer Hand", 1981)

Artikel von

Josef Lehner

Redakteur Wirtschaft

Josef Lehner

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