Lade Inhalte...

Kleinigkeit mit großer Auswirkung

Von Carsten Hebestreit   12.Dezember 2020

Kleinigkeit mit großer Auswirkung
95 Prozent der Benziner im Land vertragen E10 problemlos, sagt der ÖAMTC. Der kleine Rest müsste "Schutzsorten" tanken.

Rechtsanwalts- und Arzt-Gattinnen, die ihren Nachwuchs im Mega-SUV zum Kindergarten oder zur Schule kutschieren – dieses Bild treibt den Grünen die Zornesröte ins Gesicht. Ein Umweltfrevel, so die Kritik. Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) brachte Donnerstag – wie berichtet – den Antrag in den Nationalrat ein, die Normverbrauchsabgabe (NoVA) empfindlich zu erhöhen, um ebendiese "Stadt-Panzer" vulgo "Stinker" empfindlich zu verteuern.

NoVA-Erhöhung trifft alle

Der Haken ist nur: Der Gewessler-Plan verteuert nicht nur die schweren SUV, sondern praktisch alle Automodelle, darunter viele Familienfahrzeuge.

Bei einer emotionalen Pressekonferenz, bei der sich die Automobilbranche inklusive der beiden Autofahrerclubs vehement gegen die Anhebung der NoVA stemmte, brachte ÖAMTC-Vertreter Martin Grasslober eine Umweltalternative ins Spiel: die Anhebung des Bioethanolanteils im Benzin von fünf auf zehn Prozent. Also von E5 auf E10. Die Auswirkungen dieser Maßnahme seien sofort spürbar, so Grasslober.

Kleinigkeit mit großer Auswirkung
Das Agrana-Bioethanol-Werk in Pischelsdorf bei Tulln

Pro Jahr zapfen Autofahrer in Österreich nicht nur 8,3 Milliarden Liter Diesel – davon fließen 28 Prozent in ausländische Fahrzeuge ("Tanktourismus") –, sondern auch 2,2 Milliarden Liter Benzin. Durch die Beimengung von fünf Prozent Bioethanol (Alkohol) zum Benzin (E5), verringert sich der CO2-Ausstoß pro Jahr um 170.000 Tonnen, bestätigt Günther Lichtblau vom Umweltbundesamt (UBA). Würde der Bioethanolanteil auf zehn Prozent angehoben werden, könnten noch einmal 136.000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden, errechnete der ÖAMTC. Zum Vergleich: Der Verkehr bläst pro Jahr 22 Millionen Tonnen CO2 hinaus. Wobei dieser Wert aus dem verkauften Sprit errechnet wird. "Ehrlicherweise müsste man den Tanktourismus herausrechnen", sagt Bernhard Wiesinger vom ÖAMTC.

Trotzdem: "Die 136.000 Tonnen sind nicht die Welt, aber ein Anfang", sagt Martin Grasslober vom Club. "Jede Maßnahme, bei der fossile durch biogene Kraftstoffe ersetzt werden, ist sinnvoll", so Lichtblau.

Bioethanol aus Österreich

Produziert wird der Biosprit im Bioethanol-Werk der Agrana in Pischelsdorf bei Tulln. 40 Prozent der Jahresproduktion werden österreichischem Benzin beigemengt. Der Rest wird unter anderem nach Deutschland exportiert. "Wir könnten also den Mehrbedarf mit Bioethanol aus österreichischer Produktion decken", sagt Wiesinger.

95 Prozent der Benziner auf Österreichs Straßen vertragen laut ÖAMTC E10, der schon längst in Deutschland, Belgien, Rumänien, Bulgarien etc. eingeführt worden ist. "E10 ließe sich also rasch einführen."

Im türkis-grünen Regierungsprogramm steht – etwas verklausoliert – jedenfalls diese Idee. Umsetzung? Ungewiss! Da hatte die NoVA Vorfahrt.

Agrana: Bioethanol-Produktion

Die Agrana Stärke GmbH in Pischelsdorf bei Tulln stellt seit 2008 Bioethanol her. Die Jahresproduktion beträgt aktuell rund 250.000 Kubikmeter.

40 Prozent dieser Menge werden dem Benzin in Österreich beigemengt (E5), der Rest der Produktion, also etwa 60 Prozent, wird exportiert. Dieser Bioalkohol findet vorwiegend in Deutschland Abnehmer.
Dass derart viel Bioethanol in andere Länder gebracht wird, stößt hierzulande auf Kritik. Denn weil der Bioalkohol nicht dem heimischen Benzin beigemischt wird, muss Österreich dafür CO2-Lizenzen kaufen. Derzeit kostet das Zertifikat für eine Tonne CO2 rund 25 Euro. „Österreich muss also pro Jahr 7,5 Millionen Euro bezahlen, weil das Bioethanol nicht in Österreich verwendet wird“, sagt Agrana-Sprecher Markus Simak.
Wobei die CO2-Preise weiter steigen und eine Verdoppelung auf 50 Euro pro Tonne erwartet wird.

Neben einer Verbesserung der CO2-Bilanz würde die Anhebung auf E10 auch den Partikelausstoß von Pkw deutlich reduzieren, besagt eine Studie der TU Wien. Würde künftig zehn Prozent Bioethanol beigemengt, würde sich der Partikelausstoß um 23 Prozent verringern, so die Studie.

copyright  2021
06. Mai 2021