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Motornachrichten

Sünder werden vom Blitz getroffen

Von Carsten Hebestreit   21. Mai 2017 04:12 Uhr

Sünder werden vom Blitz getroffen
Die Radar-Technik hat sich nicht geändert, nur die Fotoapparate sind mittlerweile digital. Statt 800 wie beim Nassfilm passen nun 40.000 Fotos drauf.

Vor 60 Jahren wurde in Österreich das erste Radargerät aufgestellt – Die Technik hat sich seither kaum verändert.

"Für eine derart lächerliche Übertretung bin ich maximal bereit, 30 Euro zu zahlen!" Günther Bauer liest den Einspruch vor, ohne die Miene zu verziehen. Der 59-Jährige ist seit 1986 der Leiter der Polizei-Abteilung "Geschwindigkeitsübertretungen und Rotlicht" und täglich mit alternativen Fakten von ertappten Temposündern konfrontiert. Das härtet ab. Und er kennt sie alle: die Ausreden und die Vorwürfe, er bzw. sein Radar-Team hätten die Kfz-Kennzeichen, das Radargerät und überhaupt die gesamte Technik manipuliert. "Warum sollte ich?", sagt der ÖAMTC-Instruktor und Hobby-Motorrad-Rennfahrer. "Ich hab’ ja nix davon!"

"Ja, das kenne ich", ergänzt der langjährige Leiter des Strafamtes der BH Linz-Land, der "seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen" möchte. Denn sein Ex-Job sei nicht gerade populär – bei jenen, die zur Kasse gebeten wurden und werden. Verständnis? Das haben die meisten Temposünder nicht. Dafür Kreativität. Er habe eine Kolik gehabt. Oder Durchfall. Oder die Frau lag in den Wehen. "Das ganze Repertoire bekommt man geboten", sagt der 63-Jährige. Seit auch von vorne fotografiert werde, sank die Quote der Das-war-ich-nicht-Einsprüche. "Eine Blondine hat einst vehement protestiert, sie sei zum angegebenen Zeitpunkt woanders unterwegs gewesen", erzählt der ehemalige BH-Mann. Mehrmals bekräftigte sie ihre Aussage – bis er das "Lenkerfoto" mit dem Porträt der Frau vorlegte. Sie, trocken: "Wie viel?"

Die bravsten Zahler seien jene Lenker und Lenkerinnen, bei denen nicht der Ehepartner auf dem Beifahrersitz mitfährt. "Diese Rechnungen werden sofort beglichen! Oft auch direkt im Amtsgebäude. Die Strafhöhe ist dieselbe, dafür entfällt der RSb-Brief nach Hause."

Sünder werden vom Blitz getroffen
Die Bildqualität ist auch heute noch mies, weil die Blende und Belichtungszeit fix eingestellt werden müssen. Die digitalen Fotos werden aber nachbearbeitet

Die Bildqualität ist auch heute noch mies, weil die Blende und Belichtungszeit fix eingestellt werden müssen. Die digitalen Fotos werden aber nachbearbeitet

In der Kategorie "brave Zahler" parken auch Temposünder mit Promi-Status. "Mit diesen Personen hatten wir diesbezüglich nie Probleme", sagt der Ex-Strafamtsleiter der BH Linz-Land.

Wobei die Dreistigkeit von Verkehrsteilnehmern den Radar-Männern öfters den Atem raubt. "Ich hab’ grad Fotos heruntergeladen, die Radar-Kabine war offen, da rast ein Motorradfahrer mit 118 km/h vorbei", erzählt Günther Bauer. Erkenntnis: Die Geräte blitzen auch, wenn die Kabinentür geöffnet ist.

Natürlich gebe es Fehlmessungen, gibt der Polizist zu. "Aber diese bewegen sich im Promillebe-reich." Da wären der Fahrrad- und der Traktorfahrer gewesen, die als "Temposünder" entlarvt worden sind. Oder der Oldtimer auf der Autobahn. Das alte Vehikel wurde auf einem Sattelschlepper transportiert. Der Lkw war zu schnell und das Nummerntaferl des Oldtimers nicht abgedeckt. Fazit: Die Verwechslung war rasch aufgeklärt.

Manch ertappter Sünder hat seinen Ärger nicht unter Kontrolle und greift zur Farbsprühdose. "Juristisch betrachtet eine ,schwere Sachbeschädigung‘", sagt Bauer. Kabinenglas putzen - fertig. Länger hat’s nach dem 30. Dezember 2015 gedauert, als ein Unbekannter mit einem "Tschechen-Böller" um 23.30 Uhr eine Radarkabine an der B309 sprengte. "Ein Zeuge hat noch einen schwarzen BMW oder Audi davonfahren sehen – nach einem illegalen Rennen", erzählt der 59-Jährige, der nach zwei Tagen den USB-Stick des Radargerätes gefunden hat. Der Speicher ließ sich nicht auswerten. Schaden: 70.000 Euro.

 

60 Jahre Radar in Österreich: Die Geschichte der wohl unbeliebtesten Fotos

Das Tempo schätzen? Das war 1957, also vor exakt 60 Jahren, vorbei. Damals wurde der erste Radarkasten Österreichs in Betrieb genommen: in Preitenegg an der Packer Bundesstraße in Kärnten.Heute stehen 74 Fix-Radarstationen in Oberösterreich, die Polizei hat 28 Radargeräte sowie ein Lasergerät im Einsatz. 

Im Vorjahr wurden damit 753.586 Tempo- und Rotlicht-Sünder ertappt (2015: 706.249).Ende 1990 waren zehn Radargeräte in Betrieb, sieben Jahre später wurden 66.003 Anzeigen verschickt. "Damals haben wir Nassfilme verwendet", sagt Günther Bauer. Die Kapazität pro Rolle lag bei 800 Fotos, also 400 Temposündern. Denn bei jedem Auslösen werden zwei Fotos angefertigt. Dieser "Doppler-Effekt" wird auch heute noch im Digitalzeitalter angewandt. Auf die Speicherkarten passen allerdings bis zu 40.000 Fotos drauf.

"Früher haben wir Freitagnachmittag eine neue Box in der Überkopfanlage auf der A1 installiert und Samstagmittag war der Film voll." Bei einem Einspruch können Experten aus den beiden Fotos, die in einem Abstand von 0,5 Sekunden geschossen werden, das Tempo errechnen. Verschwindet ein Fahrzeug auf dem zweiten Foto hinter einem anderen ("Abschattung"), wird der Lenker nicht zur Kasse gebeten.

Bei Laser-Geräten wird nur ein Foto geschossen, mehrere Fahrbahnen können überwacht werden. Abschattungen gibt’s nicht.Blende und Belichtungszeit werden bei den Fotoapparaten noch immer fix eingestellt, denn Belichtungssensoren arbeiten viel zu langsam für eine Radarmessung. Demensprechend schlecht ist die Qualität der Fotos. Mittels Software können die Bilder aber nachbearbeitet werden.

Die Kennzeichen werden automatisch ausgelesen und anschließend manuell nachkontrolliert.Unter 100 km/h werden fünf km/h Messfehler-Toleranz abgezogen, darüber fünf Prozent. Zusätzlich werden vom Ergebnis noch zehn km/h subtrahiert. Diese Toleranz wird vom Land OÖ festgelegt und "kann jederzeit widerrufen werden", sagt Bauer.Immer mehr Front-Kameras werden eingesetzt: Das Tempo wird von hinten ermittelt, von vorne werden die Bilder geknipst.

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