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Grüne Welt

So wird die Erde enkelfit

Von Klaus Buttinger  03. Oktober 2020 00:04 Uhr

So wird die Erde enkelfit

Nachhaltig wirtschaften war gestern. Treffender noch heißt es heute: enkel-tauglich leben. Den Nach-kommen einen gesunden Planeten zu hinterlassen – darum geht es.

"Ein gutes Leben für alle“ – diese Forderung ist schnell auf ein Plakat gedruckt. Doch was bedeutet das auf den weiten Ebenen des Alltags? Und was heißt das für die Lebensgrundlage von uns allen – den Planeten Erde? Eine von der Begrifflichkeit her noch nicht ausgelutschte und vom Greenwashing noch nicht korrumpierte Antwort heißt: enkeltauglich leben.

Das Wort „enkeltauglich“ kam in die Welt als das deutsche Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt, zu dem verschiedene Kinder- und Umweltorganisationen gehören, eine „Kinderagenda 2001 – Vorschläge für eine enkeltaugliche Politik“ veröffentlichte.
15 Jahre später wurde die Neuauflage der „Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie“ überschrieben mit dem Slogan „Der Weg in eine enkelgerechte Zukunft“. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel fasste die Agenda zusammen: „Es geht um nicht weniger als um ein Leben in Würde, Gerechtigkeit und Frieden, um soziale Sicherheit ebenso wie um wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten bei gleichzeitigem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.“

Keine Kleinigkeit. Auf dem Spiel steht das große Ganze. Wobei die Verantwortung dafür weder die „Fridays for Future“-Generation und schon gar nicht die nachfolgende Generation der Enkelinnen und Enkeln tragen kann. Denn eine der Grundregeln der Nachhaltigkeitsstrategie lautet klipp und klar: „Jede Generation muss ihre Aufgaben selbst lösen und darf sie nicht den kommenden Generationen aufbürden.“ Wir haben viel zu tun!

Mutter Erde in Not Nachhaltigkeitskonzepte zur Rettung der Welt

So kann es nicht weitergehen. Nicht in Europa und nicht im Rest der Welt. Würden alle Menschen so wie in der ersten Welt leben, einen ähnlichen ökologischen Fußabdruck erreichen, bräuchte die Menschheit die Ressourcen von vier Erden. Gleiches Ergebnis, andere Berechnung: Der Welterschöpfungstag, der Tag an dem die Weltbevölkerung die Ressourcen, die die Erde in einem Jahr bereitstellen kann, aufgebraucht hat, war heuer am 8. April. Jene, die angesichts solcher Daten das neoliberale TINA-Mantra weiterbeten ("There is no alternative" = Es gibt keine Alternative), ist nicht mehr zu helfen. Sie haben übersehen, dass Regionalwährungen, Tauschbörsen, Kooperativen, Energiegenossenschaften und ähnliche Strukturen immer mehr Raum greifen. Alternative Konzepte des Wirtschaftens finden immer mehr Anhänger – als Beispiel sei die Gemeinwohlökonomie angeführt. Wirtschaft wird immer weniger als isoliertes Regelwerk begriffen, sondern eingebettet in Politik, Gesellschaft und neuerdings vor allem in die Ökologie.

Nachhaltigkeit aus dem Wald

Vorläuferin für die Idee des "enkeltauglichen Lebens" war die Nachhaltigkeit. Dieses Handlungsprinzip zur Ressourcenschonung lässt sich zurückführen auf den Oberberghauptmann des Erzgebirges, Hans Carl von Carlowitz. In seinem Werk "Sylvicultura oeconomica" geht er der Frage nach, wie Holzanbau anzustellen sei, "daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe". Im englischen Wort für Nachhaltigkeit "sustainability" steht "to sustain" im Sinne von "aushalten" bzw. "ertragen". Hier kommt man der Sache näher: Was kann ein System dauerhaft aushalten, ohne Schaden zu nehmen? Angesichts des aktuellen Reports des Weltbiodiversitätsrats müsste man antworten: viel. Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. Ein Viertel aller katalogisierten Tier- und Pflanzenarten ist bereits verloren. Der Artenschwund verläuft gegenwärtig zehn- bis hundertmal schneller als im Durchschnitt während der vergangenen zehn Millionen Jahre. Laut WWF hat sich die Wildtierpopulation seit 1970 weltweit um 60 Prozent verringert. Die Biomasse von Insekten ist auf ein Drittel zurückgegangen. Höchste Zeit, das Ruder herumzureißen.

Aber wie soll das gehen? Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan (1938-2018) versuchte 2013 darauf eine Antwort zu geben: "Wir müssen … die Mär von der Wahl zwischen Wohlstand und Nachhaltigkeit entlarven. Deutschland hat den Weg einer grünen Wirtschaft, die auf sauberen, erneuerbaren Energien gründet, eingeschlagen und beweist damit, dass Wohlstand und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen." Bezogen hat sich der Diplomat aus Ghana damit auf die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung, in der 17 Entwicklungsziele von den Vereinten Nationen beschlossen wurden, darunter: "Armut zu beenden, den Planeten zu schützen, den Schutz der Menschenrechte zu gewährleisten und Wohlstand für alle zu gewährleisten". Klingt nicht nach Spaziergang.

Das Gemeinwohlgezänk

Das Bundeskanzleramt definiert unter den wenigen Erfolgsgeschichten der Agenda 2030 die Gemeinwohlbilanz als effektives Instrument. Und auch der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hält fest, dass "Wirtschaft für das Gemeinwohl" zu einem "europäischen ethischen Markt" beitragen werde, der soziale Innovation fördere, die Beschäftigungsquote erhöhe und der Umwelt zugutekomme. Als Attac-Aktivist Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, 2016 in einem Schulbuch in eine Riege mit John Maynard Keynes, Karl Marx, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek gestellt wurde, brach ein enormer Shitstorm los. Einer der Hauptkritikpunkte an der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die sich Werten wie ökologischer Nachhaltigkeit, Solidarität, Menschenwürde und Mitbestimmung verpflichtet fühlt, ist der Begriff des Wachstums. In einer endlichen Welt könne unendliches Wachstum nicht stattfinden, befinden GWÖ-Proponenten. Andererseits findet sich in den Nachhaltigkeitsagenden Deutschlands als auch Österreichs sehr wohl das Ziel "stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum", gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner.

Bereits vor zwei Jahren fand im Europäischen Parlament eine Konferenz zum "Postwachstum" statt. 230 Wissenschafter aus allen EU-Staaten diskutierten eine "neue Ökonomie". Politikwissenschafterin Nina Treu, Vertreterin der Degrowth-Bewegung aus Leipzig, sagte damals: "Um die sozialen Probleme hierzulande anzugehen, brauchen wir ohnehin kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechte Verteilung des Reichtums, den es bereits gibt." Unter ihresgleichen findet das Stichwort Transformation große Aufmerksamkeit (hier muss auf den großen österreichischen Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi und dessen Werk "The Great Transformation" hingewiesen werden). Jedenfalls sei – so Treu – "Wohlstand anders zu messen als mit dem Bruttoinlandsprodukt". Zudem solle es in jedem EU-Mitgliedstaat ein "Ministerium für wirtschaftliche Transformation" geben.

Zurück ins Mittelalter?

Kritiker des Nullwachstums bzw. der Degrowth-Bewegung fürchten eine Rückkehr ins Mittelalter. Der deutsche Umweltökonom Niko Paech fordert das implizit: Der Süden müsse entwickelt und der Norden materiell abgerüstet werden. Das Leben solle deglobalisiert und deindustrialisiert werden. Er propagiert ein Europa der souveränen Regionen, die sich möglichst kleinräumig versorgen. Das wäre krisenstabiler, ökologisch verantwortbar und mit einem – zugegeben – weitaus bescheidenerem Wohlstand und einer 20-Stunden-Woche vereinbar.

Mutter Erde in Not Nachhaltigkeitskonzepte zur Rettung der Welt
Niko Paech, Umweltökonom Uni Siegen (D)

Erfolgversprechender sei demgegenüber das Experiment, die ökologischen Probleme durch strikte Regulierungen und ökonomische Anreize in den Griff zu bekommen, meint Wirtschaftswissenschafter Ewald Walterskirchen, WIFO-Berater mit keynesianischem Hintergrund.

Wohin die transformatorische Reise im Detail auch geht, Zeit zum Aufbruch ist allemal. Die Wissenschaft hat oft genug die Folgen dargestellt, die ein Tun wie bisher nach sich ziehen würde: "Grenzen des Wachstums" (1972), "Brundtland Report" (1987), "Earth Charter" (2000), "Millennium Ecosystem Assessment Synthesis Report" (2005) oder das Konzept der "planetaren Grenzen" von 2009.

Durch die Corona-Krise seien die Mängel im Wirtschaftssystem noch sichtbarer geworden, so Degrowth-Aktivistin Treu. Somit stelle die Krise aber auch eine Chance dafür dar, dass Menschen sich noch mehr politisieren – und zu grundlegenden Veränderungen bereit werden.

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Redakteur Magazin

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