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Menschenfreie Zonen gegen Insektentod

Von Klaus Buttinger   16.März 2019

Menschenfreie Zonen gegen Insektentod
Edgar Honetschläger montiert eine Bewässerungsanlage in seinem Garten. „Drei Jahre hat es nicht geregnet.“

Der in Linz geborene Künstler Edgar Honetschläger (52) hat begriffen, dass ohne Insekten letztlich auch die Existenz des Menschen auf dem Spiel steht. Die OÖN trafen den Filmemacher, Drehbuchautor und Biobauern zum Gespräch in der Landesgalerie in Linz, wo er am 21. März "Go Bugs Go" präsentieren wird.

 

OÖN: Wie kamen Sie auf die Idee, sich für Insekten einzusetzen?

Honetschläger: Ich war in Hainburg dabei und bei der Gründung der Vereinten Grünen in Linz. Ich hab in Japan gelebt, bis zum großen Schock von Fukushima. Ich habe Japan verlassen und in Italien einen großen Gemüsegarten angelegt.

Mit wie viel Gartenerfahrung?

Mit wenig. Aber ich wollte der Frage nachgehen, wie groß ein Grundstück sein muss, damit ich mich davon ein ganzes Jahr ernähren kann. So ist der Garten – 70 Kilometer nördlich von Rom, in der Maremma – immer größer geworden. Dann hatten wir drei Jahre keinen Regen, und mir fiel auf, dass wir im Sommer 2017 keine Insekten mehr hatten – und keine Vögel mehr, keine Fledermäuse. Es war ein schrecklich stiller Sommer – ohne Zikaden.

Was war der Grund dafür?

Meine Nachbarn – ebenfalls Bauern – und ich wussten, da ist etwas faul, lange bevor die Medien über das Insektensterben berichteten – über Spritzmittel in der Landwirtschaft und in den Gärten, über den Klimawandel ...

Menschenfreie Zonen gegen Insektentod

Das war aber noch nicht die Geburt von "Go Bugs Go", oder?

Im Winter darauf war ich in Australien, um ein Stück Natur zu suchen, das noch funktioniert – den australischen Dschungel. Ich musste feststellen, dass das nur noch ganz kleine Inseln sind. Dafür tausende Kilometer weit Land nur für Kühe – früher Urwald, jetzt umgeschnitten, abgebrannte Wiesen, kein Regen. Ich war total verzweifelt und fragte mich: Wie kann ich mich als Künstler weiter in ästhetischen Produktionen üben, wenn rundherum die Welt untergeht? Soll ich mich umbringen oder etwas machen?

Offensichtlich haben Sie sich für zweitere Möglichkeit entschieden.

Das ist ja vernünftiger. Jedenfalls stieß ich – zurück in Italien – auf die Geschichte des amerikanischen Ehepaars Tompkins. Die beiden haben in den 70er-Jahren die Marken Esprit und The North Face gegründet und später verkauft. Um die hunderten Millionen, die Douglas Tompkins dafür bekommen hat, hat er in Patagonien 13.000 Quadratkilometer Land gekauft, um es der Natur zurückzugeben und Tiere wieder anzusiedeln. Man fragt sich, warum das nicht alle Reichen machen, und: Was kann ich als armer Wurm machen? Und dann kam ich auf die Idee für "Go bugs go – Verein zur Befreiung der Natur – Set nature free".

Sie sehen "Go Bugs Go" als Bewegung, die den Insekten Land zurückgeben will. Wie funktioniert das in der Praxis?

Es geht in dem Projekt darum, Ländereien zu akquirieren, um sie zu Non-Human-Zones zu erklären. Dafür haben wir einen hochkarätigen, fünfköpfigen wissenschaftlichen Beirat gegründet, geleitet vom Wiener Biologen Peter Iwaniewicz (siehe rechts, Anm.). Der Beirat prüft mögliche Grundstücke. Wenn jeder zwanzig Euro einzahlt, kann man schon ordentlich etwas kaufen. Und es braucht keine großen Flächen. In Italien, auf dem Streifen zwischen Feld und Straße, der nicht gemäht wird, hat man den größten Artenreichtum. Bei uns wird das "schöngemäht".

Gibt es schon solche Grundstücke, solche Flicken in der Kulturlandschaft?

Heuer im Frühjahr wird das erste Grundstück angeschafft. Wir haben schon 500 Mitglieder, die wir Buggys nennen, und genug Geld, um zu kaufen. Eine G’stettn kostet ja nicht viel.

Warum kein Grundstück inmitten intensiver Landwirtschaft?

Es hat keinen Sinn, dort einen Flecken zu kaufen, den spritzen sie uns ja mit.

Wie sähe Ihr Wunschgrundstück aus?

Ich möchte ein Stück Land, das Heimat von Insekten ist oder wird und das kontroversiell ist, damit die Medien weiter darüber berichten. Wir müssen das am Kochen halten. Als Künstler kann man da frischen Wind hineinbringen und emotional sein, man agiert nicht so wie die abgestandenen Umweltschützer, die seit Jahren schreien, aber keiner hört ihnen zu.

"Go Bugs Go"-Flächen, Patches genannt, soll es in vielen Ländern geben. Wie gehen Sie mit den unterschiedlichen Gesetzen um?

Eine der größten Rechtsanwaltskanzleien der Welt, DLA Piper, macht Pro-bono-Arbeit und hat beschlossen, uns zu unterstützen, indem sie uns internationale Statuten ausgearbeitet hat.

Nun sind Insekten – man denke nur an Gelsen – nicht die beliebtesten Tiere. Wie haben Sie diese Hürde umschifft?

NGO-Berater haben mir geraten, die Sache "cute", also niedlich aufzuziehen. Danach habe ich die Webseiten unter gobugsgo.org gezeichnet, die derzeit auf Deutsch übersetzt werden.

Menschenfreie Zonen gegen Insektentod

Inwiefern ist das Projekt Kunst?

Ich wollte immer schon aus den viel zu eng gesteckten Grenzen der Kunst ausbrechen. Das soll keine exklusive G’schicht sein für Kunstfuzzis. Wir müssen uns alle damit beschäftigen. Mich wird das Projekt ein Leben lang beschäftigen. Ich fühle mich aber gut dabei, weil ich weiß, ich tue etwas Sinnvolles.

Generelles Umdenken täte not?

Ich halte es mit der Tiefenökologie-Bewegung der 1970er-Jahre: Jedes Lebewesen ist gleich viel wert, der kleinste Wurm so viel wie ein Mensch. Es geht um einen anderen Umgang mit den Lebewesen, nicht nur mit Katze und Hund. Insekten sind ja wahnsinnig schöne Tiere. Wir reden immer von Aliens und so. Aber man braucht sich nur ein Insekt genau anzuschauen – das ist ein Alien.

Was darf man sich bei der Präsentation von "Go Bugs Go" in der Landesgalerie erwarten?

Die Leute wollen ja nichts hergeben, ohne etwas dafür zu kriegen. In der Galerie stehen auf einem langen Tisch hunderte meiner Konserven mit Gemüse aus der Maremma. Ab 10 Euro gibt es eine Urkunde – du bist jetzt ein Buggy. Ab 100 Euro gibt’s ein Paket mit Sugo oder Melanzani und eine Zeichnung von mir sowie die Buggy-Urkunde.

"Go Bugs Go", Festsaal Landesgalerie Linz, 21. März, 18 Uhr

 

„Alle sollen an einen Tisch, ohne politisches Gezänk“

Biologe Fritz Gusenleitner unterstützt „Go Bugs Go“

Wir schützen den Braunbären und den Luchs“, sagt der ehemalige Leiter des Biologiezentrums des Linzer Landesmuseums, „aber woher nimmt sich der Mensch das Recht, andersgeartete Tiere wie die Insekten als minderwertig zu sehen? Das steht dem Menschen nicht zu.“ Insofern war für den Neo-Ruheständler schnell klar, dass er das Projekt „Go Bugs Go“ unterstützen wird. Gusenleitner bestreitet mit Künstler Edgar Honetschläger die Präsentation der Bewegung in der Landesgalerie.

"Alle sollen an einen Tisch, ohne politisches Gezänk"
Fritz Gusenleitner

„Es ist Zeit, etwas zu tun, wir brauchen nicht noch mehr an Forschung. Wir sind uns im Klaren über die Ursachen des Insektensterbens“, sagt Gusenleitner und zählt auf:

  • Flächenverbrauch in Österreich von 12 Hektar pro Tag
  • Industrialisierte Landwirtschaft mit Pestizideinsatz
  • Stickstoffeintrag von Industrie und Verkehr
  • Klimawandel
  • Insektenfeindliche Gartengestaltung
  • Einsatz von Pestiziden in Gärten und auf kommunalen Flächen

„Wir haben es mit einer Biodiversitätskrise zu tun“, sagt der Biologe, der Prozess sei multikausal und deshalb schwer zu handhaben. „Es geht nicht darum, einen Schuldigen festzumachen, sondern alle Lösungsorientierten an einen Tisch zu bekommen – ohne parteipolitisches Gezänk. Wir müssen handeln!“
Als Maßnahmen für Konsumenten empfiehlt Gusenleitner: Einkauf biologischer, regionaler, saisonaler Ware, weniger Fleisch, Wildblumen statt Rasen, keine Pestizide.

 

Auf Insekten stützt sich die gesamte Welt

Biologe Peter Iwaniewicz: „Ökonomische Leistung der Insekten ist unvorstellbar hoch“.

Die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts lautet: ,Wie hältst du es mit der Natur?’“, sagt Peter Iwaniewicz. Der Wiener Biologe unterrichtet an der Uni Wien Wissenschaftskommunikation und berät das Projekt „Go Bugs Go“. Er verweist auf den wirtschaftlichen Nutzen von Insekten. Laut Biodiversitätsrat der UNO beträgt die weltweite Ökosystemdienstleistung der Insekten jährlich etwa ein halbe Trilliarde Dollar. „In Österreich ergibt der Bestäubungswert etwa das Zehnfache des durchschnittlichen Honigertrags, also jährlich 350 bis 500 Millionen Euro. Das macht Bienen nach Rindern und Schweinen zum drittwichtigsten Haustier der Industriestaaten“, rechnet Iwaniewicz vor.

Auf Insekten stützt sich die gesamte Welt
Peter Iwaniewicz

Keine Insekten – keine Vögel, auch diese Relation gießt der Biologe in Zahlen: „Konservativ geschätzt, vertilgen Fliegenschnäpper, Ameisenvögel, Bienenfresser und Co. jährlich 400 bis 500 Millionen Tonnen an Insekten – von kleinen Blattläusen bis hin zu großen Faltern, Käfern oder Wespen.“ Damit futtern die rund 6000 insektenfressenden Vogelarten genauso viel tierische Nahrung, wie die Weltbevölkerung pro Jahr an Fleisch und Fisch verzehrt.

Der Rückgang der Insekten in Mitteleuropa beläuft sich über die letzten 30 Jahre auf rund 75 Prozent der Biomasse. Diese Zahl stammt aus der „Krefelder Studie“, an der viel Kritik geübt wurde, die mittlerweile aus wissenschaftlicher Sicht aber unumstritten ist.

Blickt man zurück in die 1970er-Jahre, täuscht einen die Erinnerung nicht, dass es weit mehr Insekten gab. „Eine Studie errechnete damals, dass jährlich allein in Österreich 14 Billiarden Insekten ihr Leben auf Windschutzscheiben beendeten“, sagt Iwaniewicz. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Der Rückgang der Insektenpopulation ist evident. Makabrer Beleg: Der deutsche Kriminalbiologe Mark Beneke findet seit 20 Jahren weniger Fliegen auf Leichen.

 

Peter Iwaniewicz: „Menschen, Tiere und andere Dramen“: Höchst unterhaltsam geschriebene Kolumnen aus der Tierwelt abseits von Minki und Rex versammelt Biologe Iwaniewicz in seinem Buch. Untertitel: „Warum wir Lämmer lieben und Asseln hassen“. K&S-Verlag, 192 Seiten, 22,60 Euro

 

 

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16. Juni 2019